Pensionskassengelder kann in der Schweiz fast jeder verwalten

Vermögensverwalter kümmern sich um 700 Milliarden Franken. Und das fast ohne Überwachung.

Fehlende Kontrolle: Verwalter von Rentengeldern unterstehen keiner umfassenden Aufsicht.

Fehlende Kontrolle: Verwalter von Rentengeldern unterstehen keiner umfassenden Aufsicht. Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Dieter C. Söhner, auf Finanzmarktrecht spezialisierter Rechtsanwalt, kann es kaum fassen: «Verwalter von Pensionskassengeldern können weitermachen wie bisher.» Er spielt auf die Tatsache an, dass Verwalter von Vorsorgegeldern weiterhin nicht umfassend beaufsichtigt werden und bis auf weiteres nur bescheidene Kriterien erfüllen müssen, um ihre Funktion auszuüben.

Söhner kann das umso weniger verstehen, als der Gesetzgeber die Schraube für Verwalter kollektiver Kapitalanlagen – das sind in der Regel Anlagefonds – merklich angezogen hat. Nach der Revision des Kollektivanlagegesetzes (KAG) müssen sich Vermögensverwalter der Überwachung der Finanzmarktaufsichtsbehörde (Finma) unterstellen, wenn sie im Auftrag ihrer Kunden Anlagefonds vertreiben und verwalten.

Keine Fluchtmöglichkeit

«Die grösste kollektive Kapitalanlage ist meiner Ansicht nach die Gesamtheit der Pensionskassengelder», sagt Söhner. Im ganzen Land liegen über 700 Milliarden Franken Vorsorgegelder – verteilt auf zahlreiche Pensionskassen und Anlagestiftungen. Während Anleger ihr Geld freiwillig in Fonds investieren, sei man in der Pensionskasse gewissermassen zwangsinvestiert, argumentiert Söhner weiter: «Man kann ihr nicht entfliehen.» Ein Grund mehr, warum der Jurist nicht verstehen kann, dass Behörden und Politiker bei der Verwaltung der Vorsorgegelder wegschauen. «Rund um die Schweiz herum sind Verwalter von Rentengeldern der Finanzaufsicht unterstellt», sagt Söhner.

Dass die Schweiz die Ausnahme bleibt, ist wesentlich das Verdienst des Verbands Schweizerischer Vermögensverwalter (VSV). Mit über 1000 Mitgliedern vertritt der Verband rund die Hälfte aller unabhängigen Vermögensverwalter. Es gibt allerdings auch Schätzungen, nach denen es in der Schweiz mehr als 3000 Vermögensverwalter gibt. Der Verband sprach sich dezidiert gegen eine Überwachung der Vermögensverwalter von Vorsorgeeinrichtungen durch die Finma und für das Prinzip der Selbstregulierung aus.Wer der Finma untersteht – etwa weil er kollektive Kapitalanlagen verwaltet –, musst verschiedensten Vorgaben genügen, sei es bezüglich Risikokontrolle, sei es bei der Einhaltung der Spielregeln in der Geschäftsführung (Compliance). Das Einhalten dieser Mindestanforderungen ist komplex und kostenintensiv. «Der Aufwand ist heute so gross, dass er von den meisten unabhängigen Vermögensverwaltern unterschätzt wird», sagt Marcel Hess, Gründer und Chef der Valex Capital in Pfäffikon SZ. Hess weiss, wovon er spricht. Auch die Valex ist Vermögensverwalterin. Als Verwalterin kollektiver Kapitalanlagen ist sie aber der Finma unterstellt und zählt auch Pensionskassen zu ihren Kunden.

Um die 80 Prozent der Vermögensverwalter beschäftigen gemäss Hess maximal drei Personen, die weniger als 100 Millionen Franken verwalten. «Diese Betriebe sind nicht in der Lage, die nötigen technologischen und personellen Ressourcen zu stellen, um die Anforderungen einer Finma-Überwachung zu erfüllen», sagt Hess. Die Valex selbst beschäftigt acht Mitarbeitende.Matthäus Den Otter ist Geschäftsführer der Swiss Funds Association, der Branchenorganisation der Schweizer Fonds- und Vermögensverwalter. Auch er diagnostiziert ein Zweiklassensystem: die «Rolls-Royce-Variante» der anspruchsvollen Finma-Überwachung und die «Schmalspurbewilligung». Er bezeichnet die heutige Situation als Baustelle oder Übergangsphase, die früher oder später bereinigt werden müsse. Für Den Otter ist klar: «Die Vermögensverwalter kollektiver Kapitalanlagen haben nach heutigem Stand eine höhere Akzeptanz. Denn diese haben das akzeptierte Finma-Gütesiegel.»Die Zeit dürfte tatsächlich gegen die noch immer unbeaufsichtigten Verwalter von Pensionskassengeldern laufen. Der internationale Trend geht in Richtung verstärkte Überwachung. Im Inland hat der Bundesrat das Finanzdepartement beauftragt, mittels eines neuen Finanzdienstleistungsgesetzes den Schutz der Anleger zu verbessern.Auf dem Papier sieht es schon heute besser aus. Die Verordnung über die berufliche Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenvorsorge hält fest, dass Personen, die mit der Vermögensverwaltung einer Vorsorgeeinrichtung betraut sind, «gründliche praktische und theoretische Kenntnisse im Bereich der beruflichen Vorsorge nachweisen» müssen. Zurzeit ist die neu geschaffene Oberaufsichtskommission Berufliche Vorsorge damit beschäftigt, Kriterien für die Befähigung auszuarbeiten. Pierre Triponez, Präsident der Kommission, bestätigt, dass damit «keine dauernde Beaufsichtigung» vorgesehen sei, aber «immerhin eine Befähigung, die wir erteilen müssen». Die ersten Befähigungen werden wohl per Anfang 2014 erteilt. Im Moment gilt noch: Wer bisher Vorsorgegelder verwaltet hat, kann dies mittels Gesuch weiterhin provisorisch tun. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.06.2013, 11:45 Uhr

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