Analyse

Pessimismus trotz guter Zahlen

Viele Schweizer Grossunternehmen steigerten 2012 den Gewinn. Sollte sich die Wirtschaft in Europa nicht erholen, so könnte der Sonnenschein aber von kurzer Dauer sein.

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2012 dürfte als gutes Jahr in die Schweizer Wirtschaftsgeschichte eingehen. Zumindest was die Zahlen der Blue Chips betrifft: Grossunternehmen wie Nestlé, Novartis, Roche, Swatch oder Zurich schnitten mehrheitlich gut ab und konnten ihren Gewinn gegenüber dem Vorjahr steigern. Auch bei Swisscom, Julius Bär und Clariant brachte 2012 einen höheren Betriebserfolg als 2011. Auch das vierte Quartal, das 2011 besonders schlecht ausfiel, gefällt. «Was die Headlines angeht, hatten wir soweit eine gute Berichtssaison», sagt Christian Gattiker, Chefstratege bei Julius Bär. «Die Margen waren besser als erwartet.»

Gut die Hälfte der Schweizer Unternehmen hat bislang Ergebnisse publiziert. «Die meisten Zahlen waren gut», sagt auch Peter Casanova, Chef des Aktienanalystenteams bei Sarasin. Rund zwei Fünftel der Unternehmen hätten besser abgeschnitten als erwartet. Bei weiteren zwei Fünftel seien die Zahlen im Rahmen des Zugetrauten gelegen, nur ein Fünftel hätte die Analysten enttäuscht. Zu den Unternehmen, die 2012 einen Gewinnrückgang bekannt gaben, gehörten unter anderem die UBS und die Credit Suisse sowie das Industrieunternehmen ABB. Dort sank der Jahresgewinn um 15 Prozent, wie heute Morgen bekannt wurde.

Pharma als Hoffnungsträger

«Auch die Börse hat meist positiv auf die Berichterstattung reagiert», sagt Casanova. Allerdings seien die Erwartungen im Vorfeld recht tief gewesen. Das Erfolgsrezept der Schweizer SMI-Giganten sieht der Ökonom in ihrer globalen Präsenz. «Diese Unternehmen sind so breit aufgestellt, dass sie die schlechte Konjunktur in Europa kompensieren können», so Casanova. Vom anziehenden Wachstum in den USA und in Schwellenländern vermögen diese Grossunternehmen überdurchschnittlich stark zu profitieren. Laut Christian Gattiker hat auch die Abwesenheit starker Wechselkursschwankungen dazu beigetragen, dass die Erwartungen mehrheitlich erfüllt wurden.

«Die Schweizer Wirtschaft war 2012 erstaunlich robust», sagt er. Erst als Deutschland zu schwächeln begann, habe sich dies auch in der Schweiz negativ ausgewirkt. Unter den Erfolgsverwöhnten sticht die Pharmabranche hervor. Sowohl Novartis (9,6 Milliarden, plus 4 Prozent) als auch Roche (9,7 Milliarden, plus 2 Prozent) legten beim Reingewinn 2012 zu. Laut Sarasin-Analyst Peter Casanova dürfen diese Unternehmen optimistisch nach vorne blicken. «Die grosse Welle der Patentabläufe ist vorüber», so Casanova. «Beide Basler Grossunternehmen haben gute Nachfolgeprodukte in der Pipeline.»

Stabile Inlandbanken

Für den Wermutstropfen aus Aktionärssicht sorgten die beiden Grossbanken mit Sitz in Zürich. Bei der Credit Suisse ging der Gewinn im abgelaufenen Jahr von 1,9 auf 1,4 Milliarden Franken zurück; die UBS musste gar einen Verlust von 2,5 Milliarden Franken einstecken – dies nach einem Gewinn von 4,2 Milliarden Franken im Vorjahr.

Doch nicht der ganze Bankensektor dürfte schlecht abschneiden. Bei den Kantonal- und Regionalbanken, deren Zahlen in den nächsten Wochen publiziert werden, werden gute Zahlen erwartet. Bereits Ergebnisse vermeldet hat die Luzerner Kantonalbank, dort fiel der Konzerngewinn mit 168,3 Millionen Franken um 6,1 Prozent höher aus als 2011. Auch die Waadtländer Kantonalbank hat den Reingewinn um 3 Prozent auf 311 Millionen Franken gesteigert. «Viele dieser Institute haben in den letzten zehn Jahren eine vorsichtige Politik betrieben», kommentiert Analyst Casanova die Lage im Inlandbankensektor, wo das Retail- und Kreditgeschäft nun stabile Erträge generiert.

Trüber Ausblick

Noch ausstehend sind die Medizinaltechnikfirmen Straumann und Nobel Biocare. Branchenbedingt erwartet Peter Casanova dort nicht allzu gute Ergebnisse. Die Gesamtbilanz der Schweizer Unternehmenslandschaft könnte also noch etwas getrübt werden. «Vernünftige bis gute Zahlen» erwartet der Ökonom dagegen von Industriefirmen wie Sulzer oder Schindler. Erstere Firma dürfte von ihrem Service- und Dienstleistungsgeschäft profitieren, letztere von ihrem Standbein in Asien.

Wer nach der Konjunkturflaute nun auf das grosse Durchstarten wartet, der wird von Casanovas Ausblick enttäuscht sein. «Laut vielen Finanzchefs von Schweizer Firmen könnte 2013 ein schwieriges Jahr werden», berichtet der Sarasin-Aktienchef. Im Fokus steht weiterhin die unsichere Lage in Europa. «Ohne Erholung bleibt es schwierig für die Schweizer Wirtschaft», sagt Casanova. «In den Analystenmodellen ist Enttäuschungspotenzial drin.»

Ist die Talsohle erreicht?

Einen Vorgeschmack aufs kommende Jahr mögen die Wirtschaftszahlen geben, die von Eurostat heute Morgen veröffentlicht wurden. In der Eurozone schrumpfte das BIP im letzten Quartal 2012 um 0,6 Prozent. Im Vorfeld hatten Ökonomen im Mittel mit einem Rückgang von 0,4 Prozent gerechnet.

Mit einem negativen Wachstum von 0,6 Prozent liegt Deutschland genau im Durchschnitt des Euroraums, Frankreich erging es mit einem Rückgang von 0,3 Prozent etwas besser. Düster sehen die Werte für Italien aus: Dort schrumpfte die Wirtschaftsleistung im vierten Quartal um 0,9 Prozent.

Laut Christian Gattiker von Julius Bär ist aber keine Schwarzmalerei angesagt. «2013 wird zwar kein Bombenjahr», sagt er. «Aber es wird solid.» Seiner Ansicht nach ist in Europa die konjunkturelle Talsohle erreicht. Und auch der Dollar könnte den Schweizer Unternehmen helfen: Erstarkt die US-Währung im Vergleich zum Schweizer Franken weiter, so hilft dies den hiesigen Unternehmen, auch 2013 gute Ergebnisse vorzulegen.

Erstellt: 14.02.2013, 13:33 Uhr

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