Piloten müssen gratis arbeiten – oder sogar fürs Fliegen bezahlen

Piloten, die zwar eine Lizenz, aber zu wenig Flugstunden haben, zahlen bis zu 50'000 Euro für 500 Flugstunden als Linien-Co-Piloten. Die Basler Fluggesellschaft Hello lässt Piloten gratis arbeiten.

«Wir brauchen Co-Piloten, und diese brauchen Flugstunden»: Airbus A320 der Fluggesellschaft Hello.

«Wir brauchen Co-Piloten, und diese brauchen Flugstunden»: Airbus A320 der Fluggesellschaft Hello. Bild: Keystone

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Die Krise in der Airline-Branche öffnet der Ausbeutung von jungen Piloten Tür und Tor. Neuerdings arbeiten diese auch gratis – oder zahlen sogar dafür, fliegen zu dürfen. Das macht ein Blick in diverse Berufsnetzwerke und Onlineforen deutlich. Dort werden Angebot und Nachfrage von sogenanntem Type-Rating und Line-Training diskutiert.

Das Type-Rating bezeichnet die technische Ausbildung für einen bestimmten Flugzeugtyp, nach der man die Flug­lizenz erhält. Line-Training nennt man das Sammeln der für den Berufseinstieg nötigen Flugstunden auf dem jeweiligen Flugzeugtyp. Für eine Anstellung bei grösseren Airlines müssen Piloten laut Aviatikjournalist Max Ungricht bis zu 1500 Flugstunden auf einem Typ vorweisen. «Das ist ziemlich viel und ohne Beschäftigung etwa als Fluglehrer oder Freelance-Pilot nicht zu erreichen.»

Verschiedene Anbieter wittern hier eine Marktlücke. Sie vermitteln lizenzierten Piloten ohne genügend Flugpraxis Flugstunden als Co-Pilot auf Linienflügen. Und diese Stunden sind nicht billig. Gemäss Aussagen eines Piloten werden für das Training auf einem bestimmten Flugzeugtyp inklusive 500 Flugstunden bis zu 80'000 Franken bezahlt.

Im Internet gibt es Preislisten

Die wenigen offiziell verfügbaren Informationen in diesem diskreten Geschäft bestätigen die Grössenordnung: Der englische Vermittler Northern Flight Simulation bietet als Einziger eine Preisliste an. Dessen Chef Zaffar Khan verlangt auf dem Berufsnetzwerk Linked-In für 500 Flugstunden auf dem Airbus A320 rund 30'000 Euro. Die Kosten inklusive technischen Trainings beziffert er auf Nachfrage mit 43'000 Euro oder gut 50'000 Franken. Hinzu kommen monatlich 1500 Euro für Versicherung und Unterkunft, welche die angehenden Piloten nebst dem Lohnausfall aufbringen müssen.

Laut Khan seien die 500 Stunden in der Sommersaison in sechs bis sieben Monaten zu schaffen: «75 bis 100 Flugstunden im Monat kriegt man hin.» Das ergibt Gesamtkosten von über 60'000 Franken für die Ausbildung. Ein moralisches Problem hat Khan nicht damit, Leute für die Flugstunden zahlen zu lassen. Er helfe den Airlines, Kosten zu sparen, und den Berufseinsteigern, eine Karriere als Pilot zu starten.

Fliegen für Spesen

Eine Alternative zu Khans Geschäft bietet in der Schweiz die Basler Charter-Fluggesellschaft Hello. Sie lässt unerfahrene Piloten ein Line-Training absolvieren – also ohne ausreichend Flugstunden Passagierflugzeuge fliegen. In der Hochsaison arbeiten jeweils zwei Piloten auf diese Art bei der Airline – gratis. Hello-Besitzer Moritz Suter, der gern den Patron alter Schule gibt, will sich selbst nicht dazu äussern. Für Hello-Chef Bob Somers ist das Line-Training ein logisches Vorgehen. «Wir brauchen in den Spitzenzeiten der Sommersaison zusätzliche Co-Piloten, und diese brauchen Flugstunden auf dem A320», sagt Somers. Man nehme von den Piloten kein Geld, erstatte ihnen jedoch nur die Spesen. Diese decken aber nur einen Teil der Kosten, welche den Anwärtern während der langen Zeit entstehen, in der sie in unregelmässigen Abständen auf Abruf ins Cockpit steigen müssen.

Die Pilotengewerkschaft Aeropers hat eine klare Haltung, was das Line-Training gegen Gratis-Arbeit oder gar Bezahlung betrifft: «Ob Airlines diesen Piloten für ihre Arbeit sehr wenig Lohn zahlen oder gar Geld für die Arbeit nehmen, ist nach unserer Ansicht irrelevant», sagt Aeropers-Sprecher Thomas Steffen, «beides schauen wir als verwerflich an.» Sie seien dagegen, dass Firmen «die Notlage von Piloten ausnützen und so Arbeitskräfte missbrauchen».

Vorbehalte bezüglich Sicherheit

Bezüglich der Sicherheit hat die Gewerkschaft ebenfalls Vorbehalte. «Wir zweifeln daran, dass diese Firmen ihre Piloten sorgfältig genug aussuchen, um sicherzustellen, dass die Piloten auch die Fähigkeiten haben, um die Flüge sicher abzuwickeln», sagt Steffen. Die alleinige Anstellungsbedingung sei in diesen Fällen wohl die Frage, ob der Pilot für seine Flugstunden zahlen könne. «Dies ist der Flugsicherheit nicht förderlich und kann nicht im Interesse der Passagiere sein.»

Auch Edelweiss Air hat erwogen, bezahltes Linientraining anzubieten. «Wir hätten zwar die Berechtigung dazu, ­haben uns aber aus Policy-Gründen dagegen entschieden», sagt Chefpilot Christoph Zogg. Seines Wissens sei das bezahlte Line-Training innerhalb Europas vor allem in der Türkei populär. «Wir haben immer wieder Bewerber, die dort ein Paid-Programm absolviert haben.»

In der Piloten-Community im Internet führen die bezahlten Line-Training-Programme öfter zu gehässigen Auseinandersetzungen. Insbesondere Khans Angebote werden wo immer möglich kommentiert mit: «Bezahl nicht dafür, jemandem den Job zu nehmen.»

Erstellt: 02.10.2012, 07:07 Uhr

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