Hintergrund

Piloten zum Ausleihen

Das Geschäft mit Leihpiloten blüht. Diese arbeiten unter schlechteren Bedingungen als ihre fest angestellten Kollegen. Swiss-Piloten befürchten, dass ihre Airline – wieder – auf dieses System zurückgreift.

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Das Luftfahrtbusiness ist zäh. Viele Airlines müssen Geld einsparen, wo immer es geht – speziell in Europa, wo der Betrieb einer Airline teurer ist als anderswo. «Es gibt diesbezüglich keine Tabus mehr. Alles Mögliche wird geprüft», sagt Kurt Hofmann, Aviatikexperte aus Österreich. So auch das System mit den sogenannten Leihpiloten, die via Vermittlungsfirmen an Airlines ausgeliehen werden und in der Regel günstiger sind als fest angestellte Berufskollegen. Während Business- und Charterairlines schon länger in Spitzenzeiten ihren Personalbedarf mit eingemieteten Piloten decken, greift dieses System nun auch bei den klassischen Linienfluggesellschaften um sich.

Leihpiloten arbeiten unter schlechteren Bedingungen als fix angestellte Piloten: nicht nur bezüglich Lohn, sondern auch in Sachen Kündigungsschutz, sozialen Leistungen und Karriereaussichten. Die Airlines hingegen können zu Spitzenzeiten flexibel auf bereits ausgebildete externe Piloten zurückgreifen, die nur dann bezahlt werden, wenn sie zum Einsatz kommen. Hofmann warnt: «Die Fluglinie spart zwar, doch der negative Einfluss auf ihr Image ist nicht zu unterschätzen. Das Thema ist schon dann brisant, wenn die Verantwortlichen einer Fluggesellschaft nur laut darüber nachdenken.»

Norwegische Airline mit thailändischen Arbeitsverträgen

Bei der irischen Ryanair ist mehr als die Hälfte der 3500 Piloten nicht direkt bei der Airline angestellt, wie die Zeitschrift «Rundschau» der Gewerkschaft Aeropers/Swiss Alpa in ihrer aktuellen Ausgabe berichtet. Weil die externen Piloten nach Stunden bezahlt werden, fallen Ryanair keine Grundkosten an. Ausserdem müssen sie sich selbst um ihre Pensionskasse, Sozialabgaben und Steuern kümmern sowie das regelmässig nötige Training im Flugsimulator und in anderen Einrichtungen selbst berappen. Für Flüge mit Instruktoren müssen die Leihpiloten zumindest teilweise aufkommen. Besonders kreativ ist die Billigairline Norwegian: Sie mietet über mehrere Ecken ihre Crew ein, die laut der Zeitschrift «Rundschau» unter thailändischen Verträgen arbeitet. Die Flugzeuge, die ebenfalls nicht zur Airline gehören, operieren jedoch von den Basen in Skandinavien aus. Von diesen Praktiken bekommt der Passagier nichts mit, sondern freut sich über den billigen Flug.

Lauda Air, die in die Austrian Airlines integriert wurde und heute nicht mehr existiert, beschäftigte laut Kurt Hofmann vor rund 15 Jahren bereits zahlreiche Leihpiloten, um Hochsaisonspitzen abzudecken. Bei der österreichischen Niki, von Niki Lauda gegründet und heute eine Tochter der Air Berlin, würden Leiharbeiter inzwischen sukzessive fest angestellt. «Das geschah natürlich nicht ohne Druck durch die Gewerkschaften», so der Luftfahrtkenner. Aktuell evaluiert zudem Finnair, 400 Flugbegleiter in Spanien anstellen zu lassen. Lufthansa beschäftigt zwar keine Leihpiloten, stellt jedoch Hunderte Flight-Attendants ein, die für zwei Jahre und nur in der Hochsaison arbeiten.

Gefährden Sprachprobleme die Sicherheit?

Und wie sieht es in der Schweiz aus? «Wir halten gar nichts von solchen Ideen», sagte Henning Hoffmann vom Pilotenverband Aeropers im vergangenen Mai zur «Schweiz am Sonntag». «Sollte die Swiss auf auswärtige Leihpiloten zurückgreifen, wäre das für die Firmenkultur und die Qualität sehr schädlich.» Oft würden solche Piloten kein Deutsch sprechen, was im Cockpit zu Kommunikationsproblemen führen könne und somit sicherheitsrelevant sei. Experte Hofmann sieht dies hingegen nicht so. «Die Fremdsprachigkeit der Piloten bedeutet keine schlechtere Sicherheit. Bei Emirates kommt das Personal aus 130 Ländern, und der Flugbetrieb funktioniert sehr sicher.» Die grössere Herausforderung seien unterschiedliche Denkweisen bei Hierarchien.

Bei der Swiss gebe es keine Pläne, Leihpiloten anzustellen, so Sprecherin Susanne Mühlemann heute Montag gegenüber «20 Minuten». Noch im Mai sagte jedoch Swiss-Chef Harry Hohmeister in der «Schweiz am Sonntag», die Kooperation mit Piloten-Vermittlungsfirmen zu prüfen. Auf einen Pilotenverleih zurückgegriffen hat die Swiss jedenfalls schon einmal: Laut dem sonntäglichen Blatt hatte die Airline vor rund vier Jahren sowie 2004 einen Unterbestand an Piloten bei der Avro-Flotte, die europäische Kurzstrecken bedient. So lieh sich die Swiss von der Schweizer Piloten-Vermittlungsfirma PAS Aviation während etwa 14 Monaten internationale Piloten aus, von denen einige später fest bei der Fluggesellschaft angestellt wurden.

Dass der Pilotenverleih in der Schweiz wieder Fuss fassen wird, hält die Gewerkschaft Aeropers/Swiss Alpa für möglich. Auch die aktuellen Gesetze, die im internationalen Vergleich einen «guten Unterwanderungsschutz» bieten, könnten durch geschickte rechtliche Konstruktionen umgangen werden, heisst es im Artikel der Gewerkschaftszeitschrift «Rundschau». Aviatikexperte Hofmann ist jedoch der Ansicht, dass es Leihpiloten-Modelle in Europa schwer haben dürften, «weil die Streikkultur der grossen Airlines in Ländern wie Deutschland oder Frankreich stark ausgeprägt ist». Deshalb geht er davon aus, dass das System nicht in grossem Stil daherkommen wird. Trotzdem: «Solange es viele Piloten auf Jobsuche gibt, werden sie auch als Leihpiloten unter schlechteren Bedingungen arbeiten.»

Erstellt: 09.09.2013, 19:34 Uhr

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