Postfinance gibt rund 500 Millionen für neue Software aus

Die Post-Tochter hat für ihr neues IT-System 150 Millionen Franken verbucht. Laut Insidern wird die Umstellung jedoch dreimal so teuer.

4,8 Millionen Konten von knapp 3 Millionen Kunden werden auf das neue System überführt – dafür sind rund 400 Mitarbeiter während des Oster-Wochenendes abwechselnd rund um die Uhr im Einsatz: Ein Mann bezieht an einem Postomat in Bern Geld. (Archiv)

4,8 Millionen Konten von knapp 3 Millionen Kunden werden auf das neue System überführt – dafür sind rund 400 Mitarbeiter während des Oster-Wochenendes abwechselnd rund um die Uhr im Einsatz: Ein Mann bezieht an einem Postomat in Bern Geld. (Archiv) Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Wohl kaum ein Begriff wird bei der Schweizerischen Post derzeit so oft bemüht wie «Transparenz». Nachdem bekannt geworden war, dass die Tochter Postauto von 2007 bis 2016 insgesamt mehr als 100 Millionen ungerechtfertigte Subventionen bezogen hat, soll nun alles auf den Tisch, versprach die Post-Führung.

Bei der Tochtergesellschaft Post­finance ist es dagegen mit der Transparenz nicht so weit her. Sie steht am langen Osterwochenende wohl vor einer der schwierigsten Aufgaben überhaupt: Die bankinternen Computersysteme werden auf das neue System namens TCS Bancs umgestellt.

Die Aufgabe ist riesig: 4,8 Millionen Konten von knapp 3 Millionen Kunden werden auf das neue System überführt. Dazu sind rund 400 Mitarbeiter während des vier Tage langen Wochenendes abwechselnd rund um die Uhr im Einsatz. Auch Postfinance-Chef Hansruedi Köng verzichtet auf seinen Osterurlaub. Dank der neuen Software will die Posttochter nach eigenen Angaben zu einem «Digital Powerhouse» werden.

Bewusste Geheimhaltung

Klingt toll. Doch was die ganze Sache kostet, dazu schweigt Postfinance. Bekannt ist nur, dass das Institut 150 Millionen Franken der Umstellungskosten in der Bilanz als Aktivposten verbucht und dann über zehn Jahre abschreibt. Die zusätzlichen Aufwendungen, etwa für Schulungen der Mitarbeiter, werden über die jährliche Erfolgsrechnung verrechnet. Und nicht offengelegt.

Das Gesamtbudget ist indes wesentlich höher als die offiziell genannten 150 Millionen Franken. Laut Post-Insidern mit Kenntnis der Details kostet die gesamte Informatikumstellung über mehrere Jahre einen Betrag von «etwas weniger als einer halben Milliarde Franken.» Diesen Betrag nennt auch der ehemalige Chef der IT-Revision der Postfinance, Beat Stöckli, in einem Gastbeitrag auf dem Branchenportal «Inside Paradeplatz». Er bezieht sich dabei auf Angaben des Leiters der internen Revision von Postfinance. Stöckli beklagt, dass der staatseigene Betrieb die wahren Kosten der IT-Umstellung verschweige.

Gesamtkosten bewusst geheim gehalten

Postfinance will die Summe von knapp 500 Millionen Franken nicht bestätigen. «Der Vorwurf der mangelnden Transparenz ist nicht haltbar», sagt ein Sprecher. «Wir sind aus unserer Sicht gegenüber der Öffentlichkeit genauso transparent wie eine börsenkotierte Bank.» Postfinance legt indes nur offen, dass sie pro Jahr 250 Millionen Franken «in die Erneuerung und den Ausbau des Geschäfts» investiert. Die laufenden Kosten für die IT-Umstellung seien seit 2013 hierin enthalten.

Was die Umstellung der IT insgesamt kostet, hält Postfinance ganz bewusst geheim. «Wir stehen im Wettbewerb mit anderen Banken und wollen diesen keinen zu tiefen Einblick darin geben, wie wir unsere Prioritäten bei den Investitionen setzen», sagt der Sprecher.

Parlamentarier ist irritiert

Interne Quellen nennen noch einen weiteren Grund für die Verschwiegenheit. Postfinance wolle keine Begehrlichkeiten in der Politik wecken. Schliesslich gehen die Kosten der IT-Umstellung zulasten des Gewinns – und Postfinance ist der grösste Gewinnlieferant für die Mutter Post.

Daher gehen Parlamentarier nun auf die Barrikaden: «Auch bei den IT-Kosten muss alles auf den Tisch», sagt der SVP-Nationalrat Ueli Giezendanner. Er kündigt an, nach Ostern in der Verkehrs- und Fernmeldekommission das Thema aufgreifen zu wollen.

Raiffeisen ist transparenter

Dass es auch anders geht, zeigt die Raiffeisen-Gruppe. Sie stellt in diesem Jahr ihr Kernbankensystem ebenfalls auf eine neue IT um. Die Bankengruppe nennt im Unterschied zu Postfinance die Gesamtkosten für das Projekt: 500 Millionen Franken. In dieser Summe sind laut einem Sprecher laufende Kosten wie jene für Schulungen enthalten.

Von solchen Vergleichen will Postfinance aber nichts wissen. «Ein Vergleich der Kosten für unsere Bankensoftware mit derjenigen anderer Banken ist schwierig, da unser System grosse Teile des Schweizer Zahlungsverkehrs abwickelt», sagt der Sprecher.

Mehrmals Schlagzeilen mit IT-Pannen

Ein Argument, das Fachleute nicht wirklich überzeugt. «Natürlich muss das System der Postfinance durch das traditionelle derzeitige Geschäftsmodell viele Zahlungsverkehr-Transaktionen bewältigen – jedoch gilt dies wohl sicher auch für andere, systemrelevante Banken in der Schweiz», sagt Hannes Lubich, Informatikprofessor an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Aufgrund ihrer Bedeutung für den Schweizer Zahlungsverkehr müsse Postfinance aber wohl entsprechend leistungsfähige Systeme bereithalten, was Mehrkosten verursache.

Bleibt zu hoffen, dass das neue System des indischen Dienstleisters Tata Consultancy Services auch reibungslos funktioniert. Im vergangenen Jahr hatte Postfinance mehrmals mit IT-Pannen Schlagzeilen gemacht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.03.2018, 21:54 Uhr

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