Privatschule zockte asiatische Studenten ab

Das Berner Swiss College of Management lockte Studenten mit falschen Versprechen an. Nach zwei Monaten Unterricht stellte die Schule den Betrieb ein – der Präsident ist mit dem Schulgeld verschwunden.

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«Einer für alle, alle für einen.» Dieser Schriftzug ziert das Eingangsschild des Swiss College of Management (SCM) in Bern-Bümpliz. Wer im Zusammenhang mit dieser Schule für oder gegen jemanden ist, stellt sich in der Realität vertrackt dar. «Es ist ein grosses Durcheinander.» Der junge Student des SCM, er nennt sich Hari*, sagt das leise und in gebrochenem Englisch. «Die Schulleiterin und der Schulpräsident beschuldigen einander gegenseitig, und wir stehen mittendrin.»

Mit «wir» meint Hari sich und 17 Studenten um das zwanzigste Lebensjahr aus Indien und Nepal. Sie wurden in ihrer Heimat von Agenten der Schule aufgesucht. Die Aussicht auf ein Studium in der Schweiz zerstreute allfällige Bedenken. Auch eine professionell gemachte Broschüre mit Hinweis auf Schweizer Zertifikate und mit Titeln dekorierte Namen verfehlte ihre Wirkung nicht. Selbst Schweizer Ämter liessen sich überzeugen – sei es für die Verleihung des Schweizer Qualitätslabels Eduqua oder die Aufenthaltsbewilligung für die Studierenden (siehe Kasten).

Der erste Schultag brachte die Ernüchterung. «Es sah anders aus als auf den Bildern im Prospekt: Industriebau, eine leere Bibliothek mit etwa fünf Wörterbüchern, alte Computer», Hari sucht nach Worten. «Wir waren schockiert.» Nach zwei Monaten Unterricht und einem Monat Ferien seien sie von der Schulleiterin informiert worden, dass die Lehrerin nicht mehr wiederkomme.

Das ganze Geld ist weg

Die unter den imponierenden Labels gewachsenen Probleme haben Konsequenzen für die Beteiligten. Nach der Schliessung der Schule fühlt sich die Schulleiterin nach eigenen Aussagen um Geld und Vertrauen beraubt. Rudolf Strahm, Präsident des Schweizer Verbands für Weiterbildung, sorgt sich um den Ruf des schweizerischen Weiterbildungsmarktes.

Und die Studierenden? Hari zuckt mit den Schultern. «Es war eine Verschwendung von Zeit und Geld.» Seine Stimme klingt sachlich. «Ich habe 12900 Franken für eine Ausbildung bezahlt, die nur zwei Monate dauerte. Wenn ich jemanden um Hilfe bitte, heisst es, man könne nichts tun, weil es eine Privatschule sei.» Eigentlich möchte Hari mit seinem richtigen Namen auftreten. Er habe aber Angst, dass die Schweizer Behörden ihn in sein Land zurückschicken. Das Aufenthaltsrecht ist an das Studium gekoppelt.

Wenn er von seinem Land erzählt, hebt sich seine Stimme: «Neben den grossen Hügeln und Bergen bin ich winzig.» Er könnte sich vorstellen, mit seinen Eltern auf dem Feld zu arbeiten. «Aber sie wollen, dass es mir besser geht als ihnen.» Sie hätten sich verschuldet, um die Schulgebühr bezahlen zu können. «Ich würde mich schämen, ohne eine Qualifikation zurückzukehren.»

Der Präsident der Schule ist verschwunden

Eine Lösung des Problems ist nicht in Sicht. Zum Präsidenten des SCM bestehe kein Kontakt. In diesem Punkt sind sich die Betroffenen einig: Er ist weg, vermutlich in England, und meldet sich nicht mehr. Die Schulleiterin, eine zierliche Schweizerin indischer Abstammung, beugt sich während des Sprechens vor und sucht den Blickkontakt. «Es scheint so, als ob alles geplant war.» Sie zeigt Bilder von veralteten IT-Büchern, die der Schulpräsident als Unterrichtsmaterial aus England schickte. «700 Kilo, die nichts mit Business zu tun haben.» Auch um die Einrichtung oder um Arbeitsverträge habe er sich nicht gekümmert.

Sie vermutet ausserdem, dass für einen Teil der Studierenden andere Motive als das Studium im Vordergrund standen. Einige sind nie in den Unterricht gekommen. Sie schüttelt den Kopf. «Der Präsident hat meinen aufrichtigen Arbeitswillen und meine Schweizer Verbindungen missbraucht.» Ob die Sicht des Untergetauchten etwas zur Aufklärung des Durcheinanders beitragen könnte, bleibt offen. Er ist verschwunden, und die Geldquellen sind erschöpft.

Alt-Preisüberwacher Strahm engagiert sich

Auf ihre Verbindungen kann sich die Schulleiterin trotzdem noch stützen. Rudolf Strahm und die Geschäftsstelle Eduqua kümmern sich gegenwärtig um eine Rekonstruktion der Vorfälle, und von anderer Seite erhielt die Schulleiterin das freundschaftliche Angebot, die gesamte Schuleinrichtung unentgeltlich im Bernapark in Deisswil unterzubringen.

Wo die Studierenden untergebracht werden können, ist hingegen noch unklar. Einige haben Bekanntschaften geschlossen, bei denen sie untergekommen sind, andere sind zurück in ihrer Heimat, wieder andere fühlen sich verloren wie Hari. Aber er hält an seiner Vision fest: Er möchte mit einer Qualifikation heimkehren.

Lesen Sie dazu auch: Dubiose Schule hatte ein Schweizer Qualitätslabel.

*Namen der Redaktion bekannt

Erstellt: 05.02.2014, 09:37 Uhr

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Fremdenpolizeilich bewilligt

Im Juli 2012 wurde das Swiss College of Management (SCM) als Aktiengesellschaft mit Sitz in Bern im Handelsregister eingetragen. Unterzeichnet haben der Schulpräsident, ein Engländer indischer Herkunft, sowie die Schulleiterin, eine in der Region Bern lebende Schweizerin ebenfalls indischer Herkunft.

Gemäss Onlinebroschüre bot das SCM ausländischen Studierenden ein zweijähriges Programm in Business Management an. Die Schüler hatten vor Ausbildungsbeginn eine Gebühr von 12900 Franken pro Schuljahr zu entrichten. Über die Höhe der tatsächlich einbezahlten Beträge liegen widersprüchliche Angaben vor. Als Unterkunft dienten den Schülern drei Wohnungen in Köniz und Bümpliz. Für die Miete sowie für weitere Lebensunterhaltskosten sollten sie selbst aufkommen

Der erste Kurs startete Ende Mai 2013 mit einer Pilotklasse von 18 ausländischen Schülern. Ihr Aufenthaltsgesuch wurde vom Bundesamt für Migration und der zuständigen Fremdenpolizei geprüft.

Alexander Ott von der Fremdenpolizei in Bern zeigte sich wegen schlechter Erfahrungen mit anderen Projekten dieser Art vorerst skeptisch und klärte in dieser Sache weiter ab. «Vor diesem Hintergrund bewilligten wir vorerst lediglich die Pilotklasse von 18 Personen.»
Die Schulleiterin habe aber mehrfach versichert, ihr ausländischer Geschäftspartner sei eine seriöse Persönlichkeit, das Projekt werde durch namhafte Wirtschaftsleute in Bern gestützt, und sie würden Lehrkräfte von der Berner Fachhochschule anstellen.

Tatsächlich waren vier Leute am SCM beschäftigt: die Schulleiterin, die Englischstunden anbot, eine Sekretärin für die Deutschstunden, eine Dozentin für den Bereich Business Management und ein Mann für die Reinigung. Laut der Schulleiterin arbeiteten sie alle ohne Arbeitsvertrag.
Die Schüler wurden bis zum Beginn der Sommerferien Ende Juli unterrichtet.

Da das Swiss College of Management seinen finanziellen Verpflichtungen nicht nachkommen konnte, trat die Schulleiterin im September 2013 von ihrem Amt zurück und liess sich aus dem Handelsregister löschen. Die Schule wurde geschlossen.

Ein paar Schüler befinden sich noch in Bern. Laut Alexander Ott hätten sie die Möglichkeit, sich bei der Fremdenpolizei Unterstützung zu holen. «Wir würden mithelfen, dass sie unter Berücksichtigung der ausländerrechtlichen Bestimmungen in eine andere Schule gehen können.» Zudem seien weitere Abklärungen nötig, und er empfehle den betroffenen Personen, Strafanzeige zu erstatten. (ski)

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