Produkte mit integriertem Verfalldatum

Mit allerlei Tricks versuchen Unternehmen, die Konsumenten zum vorzeitigen Ersatz ihrer Elektrogeräte zu bewegen. Unrühmliche Vorreiter sind die Druckerproduzenten.

Vor allem bei Druckerpatronen geben sich die Unternehmen alle Mühe, die Kunden zum vorzeitigen Ersatz zu bewegen: Karikatur (Illustration: Felix Schaad).

Vor allem bei Druckerpatronen geben sich die Unternehmen alle Mühe, die Kunden zum vorzeitigen Ersatz zu bewegen: Karikatur (Illustration: Felix Schaad).

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Eines Tages machte der Drucker keinen Wank mehr. «Wartung erforderlich, die Lebensdauer einiger Druckerteile ist abgelaufen», hiess es im Display. Der User wandte sich an den Hersteller. Dieser beschied ihm, es gebe leider keine Ersatzteile mehr, und bot ihm ein Nachfolgemodell zum Kauf an. Der Kunde liess sich dadurch aber nicht beirren: Er lud im Internet eine Software zum «Reset» seines Geräts herunter – und siehe da: Seither läuft es wieder einwandfrei.

Laut der TV-Sendung «Kassensturz», die Ende Januar über den Fall berichtete, ist das längst nicht der einzige Trick, mit dem Druckerfirmen ihre Kunden über den Tisch ziehen. Die gleiche Masche kommt auch beim Verbrauchsmaterial zum Zug: «Tintenpatronen müssen ersetzt werden» oder «Tonerkassetten sind leer» lautet dann der Warnhinweis. Tatsächlich würde das Gerät aber oft noch lange weiterdrucken. Gewisse Tintentanks sind noch bis zu einem Drittel gefüllt, wenn der eingebaute Chip das Gerät plötzlich ausschaltet.

Die Absicht dahinter scheint klar: Die Hersteller wollen gar nicht, dass die Geräte länger funktionieren und die Patronen länger halten – das wäre schlecht fürs Geschäft. Deshalb machen sie ihre Produkte mit technischen Mitteln vorzeitig unbrauchbar. Fachleute sprechen von geplanter Obsoleszenz (von lat. obsolescere = sich abnutzen). «Wenn verborgene Zählwerke in Druckern einen noch gar nicht erfolgten Aufbrauch von Toner oder Tinte anzeigen und gleichzeitig die Gerätefunktion blockieren, ist das ein klarer Fall von geplanter Obsoleszenz», sagt Professor Peter Jacob, Spezialist für Fehleranalysen an elektronischen Komponenten und Systemen bei der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa).

«Gefahr auslaufender Tinte»

Der Branchenverband Swico rechtfertigt die Praxis der Druckerfirmen damit, dass diese die Qualität ihrer Produkte nur für bestimmte Zeit garantieren könnten. «Bleibt ein Gerät länger in Betrieb, besteht die Gefahr von Schäden, etwa durch auslaufende Tinte», sagt Swico-­Geschäfts­führer Jean-Marc Hensch. Und: «Niemand will seine Kunden verärgern – man würde sich damit in den eigenen Fuss schiessen.»

Das glaubt Rechtsanwalt Arnold Rusch nicht. «Wenn es alle machen, hat man mit eingebauten Schwachstellen keinen Konkurrenznachteil», sagt der Privatdozent an der Universität Zürich und Verfasser eines Fachaufsatzes zum Thema. Für ihn ist klar: «Unternehmen dürfen die Lebensdauer ihrer Produkte nicht von Anfang an künstlich beschränken, sonst machen sie sich einer absichtlichen Täuschung schuldig.» Die Folge davon wäre, dass Kunden nicht nur während zweier, sondern während zehn Jahren Garantieansprüche stellen könnten. Sie müssten allerdings beweisen, dass der Gerätehersteller eine deutlich verkürzte Lebensdauer beabsichtigt oder zumindest in Kauf genommen hat.

Bei Druckern mit täuschenden Warnmeldungen mag dieser Beweis gelingen. «In der Regel ist es aber schier aussichtslos, den Herstellern vorsätzliches Handeln nachzuweisen», sagt Sara Stalder von der Stiftung für Konsumentenschutz. Diese Ansicht bestätigt auch ein deutsches Gutachten im Auftrag der Bundestagsfraktion Die Grünen von Ende März. Die Studie nennt gut zwanzig Massenprodukte, deren Lebensdauer die Industrie nach Einschätzung der Autoren künstlich verkürzt, zum Beispiel:

  • Kopfhörer, deren Kabel an Verbindungsstellen vorzeitig brechen.
  • Handmixer mit eingebauten Plastikzahnrädern, die sich schnell abnützen.
  • Schuhsohlen, die schon nach kurzer Zeit abgelaufen sind.
  • Computer, Kaffeeautomaten etc., bei denen wärmeempfindliche Kondensatoren in der Nähe von Teilen eingebaut sind, die im Betrieb heiss werden.

Akku futsch, Gerät futsch

Laut Empa-Spezialist Peter Jacob ist es allerdings längst nicht immer geplante Obsoleszenz, wenn ein PC oder ein Fernseher kurz nach Ablauf der Garantie den Geist aufgibt: «Elektronische Geräte werden auch deshalb kurzlebiger, weil die Hersteller unter enormem Kostendruck stehen. Gerade elektronische Bauteile sind mitunter knapp bemessen und hartem Dauerbetrieb nicht gewachsen. Zudem bleibt für ausführliche Tests nur wenig Zeit, wenn der Konkurrent schon mit der nächsten Produktgeneration am Markt antritt.» Ist bessere Qualität denn zwingend teurer? «Nein», sagt Konsumentenschützerin Sara Stalder, «stabilere Teile oder eine günstigere Platzierung im Gerät wären oft ohne nennenswerte Mehrkosten zu haben.»

Das vorzeitige Kaputtgehen ist aber nur eine Seite des Problems – die andere sind erschwerte oder verunmöglichte Reparaturen. In modernen Autos eine defekte Glühbirne zu wechseln, ist zuweilen unmöglich. Stattdessen muss für teures Geld gleich die ganze Leuchtkomponente ersetzt werden. In gewissen Smartphones oder Elektrozahnbürsten sind Akkus fest eingebaut. Das bedeutet: Akku kaputt, Gerät im Eimer. Laptop-Hersteller verkleben ihre Gehäuse neuerdings, statt sie zu verschrauben. Das sieht zwar schöner aus, verhindert aber ein problemloses Öffnen.

Jurist fordert Sammelklage

Vorerst scheint die Rechnung der Industrie aufzugehen. Die Studie der Grünen schätzt, dass die Deutschen jährlich viele Milliarden Euro unnötig bezahlen, weil Firmen minderwertige Materialien verwenden und Reparaturen gezielt verunmöglichen. Als Folge davon wachsen die Abfallberge.

Für den Juristen Arnold Rusch ist nun der Schweizer Gesetzgeber gefordert, vor allem punkto Beweisanforderungen: «Treten bei einem Gerät gehäuft lebensverkürzende Mängel auf, sollte es genügen, wenn die Kunden die geplante Obsoleszenz glaubhaft machen. Noch besser wäre, die Beweislast umzukehren, sodass der Hersteller nachweisen müsste, dass hinter dem vorzeitigen Aus keine Absicht steckt.» Gleichzeitig brauche es das Instrument einer Sammelklage, damit Konsumenten gemeinsam gegen mächtige Unternehmen vorgehen könnten. Einen anderen Weg schlägt Sara Stalder vom Konsumentenschutz vor: die Verlängerung der gesetzlichen Garantiefrist von zwei auf fünf Jahre.

Erstellt: 29.04.2013, 06:59 Uhr

Garantie vorbei, Gerät kaputt

Verdachtsfälle kann man melden
Worauf man beim Kauf eines elektronischen Geräts achten sollte. Und was man tun kann, wenn es viel zu früh kaputtgeht.

Achten Sie auf die Reparierbarkeit. Lassen Sie sich zeigen, wie sich das Gerät öffnen lässt. Ein schlechtes Zeichen ist, wenn das Gehäuse geklebt ist oder ungebräuchliche Schrauben verwendet wurden.

Verlangen Sie eine schriftliche Bestätigung, dass Ersatzteile während mindestens fünf Jahren verfügbar sind.

Meiden Sie Produkte mit fest eingebautem Akku. Lassen Sie sich zeigen, wie der Akku ausgetauscht werden kann.

Schauen Sie vor dem Kauf im Internet nach, was andere über ein Gerät sagen.

Seien Sie besonders vorsichtig bei extrem günstigen Produkten.

Reparaturanleitungen für viele Geräte finden sich unter www.ifixit.com (englisch).

Wenn Sie vermuten, dass eine eingebaute Schwachstelle den Defekt verursacht hat, melden Sie dies der Stiftung für Konsumentenschutz (Kontaktformular unter www.konsumentenschutz.ch).

Die erwähnte Studie der deutschen Grünen findet sich unter www.gruene-bundestag.de, Suchbegriff «gekauft, gebraucht, kaputt» eingeben. (thm)

Historische Beispiele

Warum Glühbirnen vorzeitig erlöschen
Als Erfinder der künstlichen Veralterung von Produkten gilt Alfred P. Sloan, der als Präsident von General Motors schon in den 1920er-Jahren jährliche Veränderungen an Automobilen einführte. Auf diese Weise sollten Kunden zum Kauf neuer Modelle animiert werden, obwohl ihre alten Fahrzeuge noch bestens funktionierten.

Etwa zur gleichen Zeit, im Jahr 1924, trafen sich in einem Genfer Hotel die Chefs der weltweit führenden Glühbirnenhersteller zur Gründung des Geheimkartells Phöbus. Ihr Ziel: Mehr Umsatz durch schnelllebigere Produkte. Obwohl man bereits in der Lage war, Glühbirnen mit ca. 2500 Stunden Brenndauer zu bauen, sollte die durchschnittliche Brenndauer auf 1000 Stunden gesenkt werden. Der Plan ging auf: Glühbirnen gingen von da an schneller kaputt, der Absatz stieg dramatisch an.

Der amerikanische Chemiegigant DuPont soll in den 40er-Jahren des letzten Jahrhunderts daran gearbeitet haben, die von ihm entwickelten reissfesten Nylonstrümpfe zu verschlechtern. Die Chemiker sollten das Produkt so verändern, dass schneller Laufmaschen entstehen.

Damals begannen viele Firmen, einst langlebige Waren als Wegwerfartikel zu konzipieren. Eines der ersten Produkte dieser Art war der Einweg-Rasierer. Kleiderproduzenten zielten darauf ab, dass vor allem Frauen ihre Kleider alle Jahre ersetzten. So entstand die Mode.

Im Laufe der Zeit kamen in immer schnellerer Folge verbesserte Produkte auf den Markt – tatkräftig unterstützt durch die Werbung. Konsumenten sind es heute gewohnt, dass vieles nach ein paar Jahren kaputtgeht. Gerade bei Elektrogeräten wie Smartphones oder Laptops stört das viele nicht mehr. Man kauft ein neues Gerät – und ist wieder auf dem neuesten Stand. (thm)

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