Produzieren geht über studieren

In China müssen Tausende Studenten für ein «Praktikum» in die Foxconn-Fabriken: Dort bauen sie das neue iPhone zusammen.

Könnten im richtigen Leben Studenten sein: Arbeitskräfte in der Foxconn-Fabrik im chinesischen Shenzhen. (Archivbild)

Könnten im richtigen Leben Studenten sein: Arbeitskräfte in der Foxconn-Fabrik im chinesischen Shenzhen. (Archivbild) Bild: Keystone

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«SOS!» So endete die Kurznachricht, die vor zwei Wochen in China die Runde machte. Ein Student aus der chinesischen Stadt Huai’an in der Provinz Jiangsu hatte sie über Sina Weibo abgesetzt, Chinas Version des Mikrobloggingdienstes Twitter. «Wir wollten gerade mit der Schule anfangen, als man uns sagte, wir müssten nun bei Foxconn zwei Monate lang als Praktikanten arbeiten», lautete die Nachricht. «Es ist ein Witz: Foxconn braucht dringend Arbeitskräfte, 10'000 Leute, also haben sie die Studenten aus der ganzen Stadt hergekarrt.»

Wegen Foxconn in der Kritik

Das iPhone 5 kommt. Aber es kommt nicht aus dem heiligen Cupertino, es kommt aus den Hallen der Foxconn Technology Group. Weit hinten in China schrauben also Tausende Schüler und Studenten unser aller Lieblingsgadget zusammen, statt zu studieren. Hinter Foxconn verbirgt sich die taiwanische Firma Honhai mit 1,2 Millionen Mitarbeitern. An 13 Standorten, verstreut über ganz China, malochen die Arbeiter für Gadgetjunkies aller Couleur: Wii, Xbox, Playstation, Foxconn kann alles – aber vor allem iPhone und iPad.

Apple lässt seit Jahren bei Foxconn produzieren und musste dafür auch schon kräftig Schelte einstecken. Der taiwanische Konzern stand wegen seiner Arbeitsbedingungen 2010 am Pranger, nachdem sich eine Reihe von Arbeitern das Leben genommen hatten. Apple schickte daraufhin die Inspektoren der Fair Labor Association (FLA) nach China, die Foxconn in diesem Sommer erste Fortschritte bescheinigten. Arbeiter dürfen demzufolge nun Pause machen, die Löhne wurden erhöht, die Arbeitszeit gesenkt.

«So sehen sie, was harte Arbeit ist»

Die so gestrichene Arbeitszeit fehlte der Firma nun offenbar, da kurz vor dem Launch des iPhone 5 die Bänder heiss liefen. Chinesische Medien berichteten, wie manche Universitäten an Foxconn-Standorten ganze Semester in die Fabriken karrten, 3000 Studenten beorderte allein die Offene Universität von Huai’an zur Fertigung von USB-Kabeln ab, die Lehrer zur Beaufsichtigung schickte sie gleich mit. Die Studenten bekamen 1550 Yuan im Monat, umgerechnet etwa 220 Franken, 220 Yuan zog die Firma gleich wieder ab für Kost und Logis.

Wenn die Studenten die ihnen zugeteilten Quota nicht schafften, mussten sie Überstunden leisten. «So sehen sie, was harte Arbeit ist, und lernen ihre zukünftigen Jobs mehr schätzen», sagte eine Lehrerin der Zeitung «China Daily». «Wir hatten einfach nicht genug Leute, weil die Nachfrage nach dem Telefon so gross ist», wird eine Mitarbeiterin der Personalabteilung von Foxconn in Huai’an zitiert. Nach dem Erscheinen der Berichte ging Foxconn vor einer Woche an die Öffentlichkeit und stritt ab, dass die Studenten zur Arbeit gezwungen würden. Es handle sich um ein mit den Schulen getroffene Vereinbarung, Studenten stehe es zudem frei, jederzeit das Praktikum zu verlassen.

Nein sagen gilt nicht

Wieso aber brauchen Studenten des Lehramts, des Englischen, der Buchhaltung oder des Tourismus unbedingt Erfahrung beim Kabelzusammenstecken im Akkord? Und die angebliche Wahlfreiheit? «Gut, man kann nicht sagen, dass die Studenten gezwungen werden», sagt Pan Yi, Direktorin des Forschungszentrums für gesellschaftliche Arbeit an der Peking-Universität. «Aber sie haben nicht wirklich eine Wahl. Du kannst nicht Nein sagen. Sonst riskierst du deinen Abschluss.» Mit einem Praktikum hat der Einsatz der Schüler und Studenten wenig zu tun. «Das Unternehmen und die Schulen missbrauchen das Praktikumssystem», sagt Arbeitsforscherin Pan Yi. «Foxconn nennt es Praktikum, in Wirklichkeit setzt die Firma die Studenten als Arbeitskräfte ein.» Nach den Presseberichten bekamen die Verantwortlichen in der Stadt Huai’an kalte Füsse und zogen viele Studenten wieder aus der Fabrik ab.

Anderswo stehen sie offenbar noch immer am Band. Noch am Tag der Presseerklärung von Foxconn vor einer Woche veröffentlichte die Arbeitsrechtsorganisation China Labor Watch ein Interview mit einem Vorarbeiter, der von zehn Schülern zwischen 16 und 18 Jahren in seinem Team berichtete: «Ich lief am Schlafsaal für die Frauen vorbei und sah, wie eine Gruppe von Studentinnen mit ihrer Lehrerin stritten. Ich hörte, wie eine Studentin weinte: ‹Ich will zurück zur Schule. Ich will hier nicht mehr arbeiten. Wieso zwingt ihr uns, an diesem abgelegenen Ort zu arbeiten?›»

Beamte am Fliessband

Oft sind die lokalen Regierungen der Foxconn-Standorte die treibende Kraft hinter den «Praktika». Der Vizebürgermeister von Huai’an etwa hatte Mitte August verkündet, es sei nun die Priorität seiner Verwaltung, Foxconn Arbeitskräfte zuzuführen. In der Praxis, sagt Forscherin Pan Yi, subventionierten die lokalen Regierungen dem Unternehmen die Lohnkosten, indem sie ihm billige Arbeitskräfte zuführten.

Auch in Chengdu, der Hauptstadt der Provinz Sichuan, hat Foxconn ein Werk. Dort ist die Regierung besonders kooperativ. «Wir brauchen manchmal drei- bis fünftausend Arbeiter, in Stosszeiten aber auch bis zu zehntausend», erklärte ein Foxconn-Mitarbeiter der Zeitung «Economic Observer» im April. «Wir geben der Regierung die Zahlen durch, und die Regierung besorgt uns die Leute.» Weil aber geeignete Leute nicht immer zu finden sind, geht die Provinzregierung seit 2010 einen originellen Weg: Sie verpflichtet ihre jungen Beamten zur Arbeit auf Zeit am Fliessband bei Foxconn. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.09.2012, 16:25 Uhr

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