Ramseiers Raupen

Im Herbst kommen Seidenkrawatten auf den Markt, die ganz in der Schweiz entstanden sind: vom Maulbeerbaum über die Raupe bis zum Verweben und Zuschneiden. Auf Hofbesuch beim Seidenpionier.

Ueli Ramseiers Seidenraupen beim Fressen der Maulbeerbaumblätter. Fotos: Fabian Unternährer (13 Photo)

Ueli Ramseiers Seidenraupen beim Fressen der Maulbeerbaumblätter. Fotos: Fabian Unternährer (13 Photo)

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Dieses Schmatzen! Oder ist es ein Nagen? Auch an einen leichten Landregen erinnert das Geräusch. 20 000 Raupen machen sich über die Maulbeerbaumblätter her, die über ihnen ausgebreitet sind. Sie fressen sich wieder ans Licht.

Jede Raupe ist so lang wie eine Stangenbohne; die eine oder andere bäumt sich auf wie ein kleiner Drachen. Nimmt man eine in die Hand und fährt mit dem Finger den grauweissen Körper entlang, fühlt sich das wundersam weich an.

Es sind Seidenraupen. Bald werden sie 5,5 Gramm schwer sein und sich in einen Kokon einspinnen. Ihm würde am Ende ein Falter entschlüpfen, wenn nicht der Mensch eingreifen würde. Die Seidenraupe ist eines der ältesten Nutztiere der Welt; eine ausgeklügelte Miniaturfabrik, die einen einzigen kilometerlangen Faden herstellt und ausstösst. Gut 5000 Jahre schon stiehlt ihr der Mensch diesen Faden und macht daraus einen hoch begehrten Stoff.

Das Haus mit den gefrässigen Raupen findet sich nördlich von Bern im Dorf Hinterkappelen, wo Hochhäuser neben alten Bauernhöfen stehen. Ueli Ramseier, 52-jährig, studierter Textilchemiker und Ethnologe sowie später Absolvent einer Bauernlehre, züchtet auf seinem gepachteten Kleinsthof seit mehreren Jahren Seidenraupen – in seiner Doppelgarage. Er ist die treibende Kraft hinter einem bemerkenswerten Projekt: Im Herbst kommen Schweizer Seidenkrawatten auf den Markt. Krawatten, die von A bis Z im Land entstanden sind.

Oberhalb des Dorfs hat Ramseier beim Schiessstand Bergfeld eine Maulbeerbaumplantage angelegt. Es wachsen Unterarten des subtropischen Baums, die ein kühles Klima vertragen. Die Bäume sind Niederstämmer, die Blätter glänzen im Sonnenlicht. Ohne Maulbeerbaum keine Seide. Rund 550 Kilo Blätter frisst Ramseiers Raupenvolk in seinem einmonatigen Leben.

Sind die Kokons vollendet, landen sie in einem Ofen. Die Puppe im Innern stirbt bei 110 Grad schnell. «Das muss man akzeptieren, wenn man Seide produzieren, Seide kaufen, Seide tragen will», sagt Ramseier. Die toten Puppen sollen dereinst als Fischfutter dienen, doch fehlen noch die Bewilligungen.

Im bernischen Beitenwil wickeln Frauen den Faden vom Kokon. Acht Kokons zusammen ergeben einen Rohseidenfaden. Ein Ölbad macht die Rohseide geschmeidig. Sie reist weiter nach Herzogenbuchsee zur Stofffirma Minnotex, die daraus einen robusten Faden zwirnt. Die Wollspinnerei Vetsch in Pragg-Jenaz im Prättigau wiederum entbastet diesen, wäscht also den Raupenleim, der den Kokon hart machte, mit einer Seifenlösung aus. Der Faden wird gefärbt und verwoben und geht nach Turgi in eine Arbeits-Integrationswerkstätte. Dort wird die Krawatte zugeschnitten und mit einer Etikette versehen – fertig ist das Schweizer Produkt.

Start mit 150 Krawatten

Am 19. September ist Markteintritt. Dann kann man die Krawatte kaufen – vorerst im Onlineshop von Weisbrod. Und im Landesmuseum Zürich, das an jenem Tag die Ausstellung «Die Krawatte. Männer Macht Mode» lanciert. Gut 150 Krawatten soll die erste Produktion umfassen und dazu 30 Schals. Im blauen Stoff wird ein kleiner Seidenfalter eingewoben sein. Und was wird eine Seidenkrawatte made in Switzerland kosten? Das erfährt man bei Weisbrod und Zürrer in Hausen am Albis; das alteingesessene Textilunternehmen arbeitet mit der Kleinstschar schweizerischer Neo-Seidenproduzenten zusammen, überwacht die verschiedenen Verarbeitungsstationen und steuert den Markennamen bei. Der Preis werde zwischen 150 und 160 Franken liegen, sagt Firmenchef Oliver Weisbrod.

Weisbrod lobt den «persönlichen Spirit» hinter dem Projekt und spricht von einem «Kreis von Idealisten». Dass die Krawatte zu 100 Prozent in der Schweiz gefertigt werde, gebe es «im Textilen sonst nirgendwo». Das gute Dutzend Schweizer Seidenbauern um Ramseier begründet eine Nische. Die Vision ist, dass ein paar Bauern in einigen Jahren je 100 Kilo Rohseide produzieren. Das entspricht 1000 Krawatten und gut 11 000 Franken Einnahmen pro Bauer; ein anständiger Nebenerwerb.

Seidenbauerei in der Schweiz wird eine Nischenproduktion bleiben. Was da derzeit wächst, könnte aber andere Bauern dazu bringen, ähnliche Industrien auf die Beine zu stellen, mit Hanf etwa oder anderen Rohstoffen. Subventionen vom Staat fliessen keine. Gleichzeitig ist der Weltmarkt übermächtig. Die beste Seide wird in Brasilien produziert und kostet pro Kilo rund 60 Franken. Schweizer Seide kostet sechsmal mehr, 360 Franken pro Kilo. Die hiesigen Seidenbauern, zusammengeschlossen in der Vereinigung Schweizer Seidenproduzenten, könnten nie und nimmer eine Krawatte für 40 Franken herstellen, wie man sie mancherorts kaufen kann.

Ueli Ramseier startet in seiner Küche den Laptop, zeigt Diagramm um Diagramm, komplizierte Kalkulationen. Sein Projekt rechnet mit einem Stundenlohn von 20 Franken für den Seidenbauern; «wenn ich diese 20 Franken nicht bekomme, höre ich auf», sagt Ramseier. Hinter seinen Berechnungen und Annahmen steht gewissermassen eine Marktwette. Sie besagt, dass es im Land genug Leute gibt, die 160 Franken für eine Krawatte zu zahlen bereit sind. Weil diese Krawatte auf originelle Weise Swissness ist. Weil sie textile Innovation verkörpert. Weil die Fertigung einheimische Arbeitsplätze schafft. Und weil die Raupenzüchter weder Antibiotika noch Wachstumsförderer einsetzen.

Die Raupen sind empfindlich

Gar nicht so einfach, denn die Seidenraupe ist empfindlich. Bakterien und Viren können sie krankmachen. Ramseier schaltet in seiner Garage je nach Temperatur einen kleinen Elektroofen ein; die Raupe mag es warm. Und er achtet auf Sauberkeit. Hat es geregnet, trocknet er die Maulbeerblätter, die er dreimal am Tag serviert, vor dem Verfüttern ab; gelangt doch Restnässe in die Raupengehege aus feinem Netzgeflecht, die auch von unten Luft bekommen, streut er gelöschten Kalk zum Trocknen. Ein weiteres Problem sind Insektizide in den Feldern vieler Bauern. Ramseier hat in der Nachbarschaft in der letzten Zeit Nahdiplomatie betrieben. Die Bauern rundum halten sich nun mit dem Gifteinsatz zurück, wenn Ramseiers Raupen im Juni, Juli und August gestaffelt heranwachsen. Er wiederum verzichtet auf eine frühe Zuchtwelle im Frühling.

Ramseier, ein schollennaher Intellektueller, ist Teilzeitbauer; daneben arbeitet er in der Entwicklungszusammenarbeit des Bundes. Seine Frau Bettina Clavadetscher hilft bei der Raupenzucht intensiv mit. «Allein ginge das nicht», sagt er. Ramseier ist ein wandelndes Lexikon der Seidenverarbeitung – und verdient bereits gutes Geld mit Führungen. Den Besuchern zeigt er die 700 Maulbeerbäume und erklärt, wie er sie düngt: mit Kuh- und Hühnermist. Seine Blätter seien nicht perfekt, sagt er; Manuela Friedrich in Seedorf, eine befreundete Seidenbäuerin, habe die schöneren. Woran es liegt? Vielleicht am Blei im Boden vom Schiessstand? Er weiss es nicht.

Dann führt er die Besucher hinab zu seinem Haus. Der Raupenkot, schwarze Kügelchen, ergebe in China einen Medizinaltee, erläutert Ramseier; «eine proteinreiche Sache». Apropos China: Vor Tausenden Jahren sass eine chinesische Kaiserin unter einem Maulbeerbaum. Ein Raupenkokon fiel in ihren Tee. Der Fadenanfang löste sich – so entdeckte sie angeblich das Geheimnis der Seide. China ist deren Ursprungsland und globaler Marktführer mit einem Ausstoss von gut 70 000 Tonnen im Jahr.

Einst waren der Maulbeerbaum und die Seidenraupe auch in der Schweiz verbreitet, bis vor 100 Jahren wurden in der Schweiz Kokons produziert. Dann kam der Erste Weltkrieg, das hiesige Seidengewerbe verschwand. Nun ist es daran aufzuerstehen. «Wir werden die Landwirtschaft nicht verändern, dazu sind wir zu klein», sagt Ramseier. Aber Seide produzieren – das mache irgendwie glücklich. «Es ist ein Naturwunder.»

Alles über Schweizer Seide: www.swiss-silk.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.07.2014, 07:26 Uhr

Ueli Ramseier


Seidenbauer

«Wenn ich nicht 20 Franken pro Stunde bekomme, höre ich auf.»

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