Reich werden mit Dortmund

Mitten im Geschäft statt nur beim Spiel dabei: Börsenkotierte Clubs wie Borussia Dortmund ermöglichten den Fans dieses Jahr eine schöne Rendite – und brachten nebenbei die Analysten in die Bredouille.

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«Nur für Fans und Zocker», «Taugen nicht als Geldanlage», «Zum Verlieren verdammt». Eine Medienschau der letzten Monate zeigt: Wenn über Fussballaktien geschrieben wird, dann überwiegend in negativem Ton. Die Dortmund-Aktie muss dabei oft als Prügelknabe herhalten. Das Papier hat seit dem Börsengang, der im Herbst 2000 erfolgt war, ganze 66 Prozent des Werts verloren. Eine typische Entwicklung für die Branche. Ob Olympique Lyon, Benfica Lissabon oder Ajax Amsterdam: Keiner dieser Grossclubs vermochte an der Börse über die Jahre eine positive Performance hinzulegen. Zu den grössten Flops zählt Juventus Turin, dessen Anteilscheine heute nur noch 15 Prozent dessen wert sind wie beim Börsengang im Jahr 2002.

Fussballaktien sind volatil, ihre Entwicklung ist schwer vorhersehbar, Management und Transparenz vieler Clubs lassen zu wünschen übrig: Kein Wunder, raten Experten, die Finger von den Papieren zu lassen. «Streng genommen gehören Fussball und die Börse nicht zusammen», sagt Christoph Schlienkamp vom Bankhaus Lampe. Auch Alexander Langhorst hält den schlechten Ruf von Fussballaktien teilweise für gerechtfertigt. «Wie Kleinkinder im Süssigkeitenladen» hätten sich viele Clubs und deren Manager nach dem Börsengang verhalten, sagt der Analyst. Seine Firma GSC Research ist einer von nur drei Anbietern, die regelmässig Empfehlungen zur Aktie von Borussia Dortmund herausgeben. «Fussballaktien sind definitiv keine Witwen- und Waisenpapiere», sagt Langhorst, «sondern ein Investment zum Mitfiebern.»

Börsenfrühling in Dortmund

Der dänische Traditionsclub Bröndby Kopenhagen macht deutlich, wovon die Finanzprofis sprechen. Der drohende Abstieg und eine Kapitalerhöhung schickten die Aktie des in Finanznöten trudelnden Vereins innerhalb weniger Wochen auf eine Berg-und-Tal-Fahrt, der Kurs ging von vier über neun bis zurück auf drei dänische Kronen. Zwischenzeitlich war die Beteiligung einmal 35 Euro wert gewesen, doch seit dem Börsengang im Jahr 1990 haben auch die Bröndby-Aktien gesamthaft rund drei Viertel ihres Werts eingebüsst. Auffallend an der Liste der 22 börsengehandelten Clubs in Europa: Viele Vereine gingen in den Boomjahren um die Jahrtausendwende an die Börse und verloren in den Folgejahren massiv an Terrain. Die allgemeine Marktlage erklärt die schlechte Performance teilweise, aber nicht ganz.

Nach dem IPO im Jahr 2000 büsste etwa die AS Roma innert drei Jahren 80 Prozent ihres Börsenwerts ein, vom Schlag erholt haben sich die Aktien über die Jahre nicht. Erst seit kurzem verzeichnet die AS Roma so etwas wie einen leichten Frühling. Bei Borussia Dortmund setzte der Aufwärtstrend 2010 ein: Seit der Sanierung des Vereins und der Verpflichtung von Trainer Jürgen Klopp sind die Aktien im Aufwind, allein innerhalb der letzten 12 Monate gab es 51 Prozent Rendite. Gerade das Beispiel Dortmund zeigt: Stimmt die wirtschaftliche mit der sportlichen Entwicklung überein, so gibt es mit Fussballaktien durchaus Geld zu verdienen. Letztes Jahr schüttete der BVB erstmals eine Dividende von 6 Cent auf das Papier aus, auch dieses Jahr sollen Aktionäre etwas fürs Geld zurückerhalten. Aktuell notiert das Papier bei 3.20 Euro, ursprünglich gestartet war man bei 11 Euro.

3.80 Euro als Ziel

Das Unternehmen BVB verfügt heute über breit abgestützte Einnahmequellen. 31 von 215 Umsatzmillionen stammten vergangene Saison aus dem Spielbetrieb im stets gut gefüllten Westfalenstadion, 60 weitere Millionen kommen aus der TV-Vermarktung. Mit Transfererlösen wurden 26 Millionen Euro in die Kasse gespült, 63 Millionen kamen aus Handel, Catering, Lizenzen und Merchandising. «Der Verein hat aus der Vergangenheit gelernt», sagt Analyst Alexander Langhorst. In der Vergangenheit seien teure Spieler auf Kredit gekauft worden, heute lasse das Management stärker Vorsicht walten. Schmerzhaft in Erinnerung bleibt der Millioneneinkauf Marcio Amoroso, nach dessen verschossenem Penalty gegen den FC Brügge sich die budgetierten Champions-League-Einnahmen der Saison 2004/05 in Luft auflösten und der Club in Nöte geriet.

Fürs kommende Jahr kalkuliert Langhorst rund 250 Millionen Umsatz. Gewinnt Dortmund im Final der Champions League am kommenden Sonntag gegen Bayern München, so dürften noch einmal ein paar Millionen dazukommen – die Siegprämie im Wembley liegt bei 4 Millionen Euro, zusätzlich zur Antrittsgage von 6,5 Millionen Euro. Falsch liegt, wer am Montag grosse Börsenausschläge erwartet: Relevant für die Börse wird erst der Transfermarkt im Sommer sein. Ein Weggang eines Spielers wie Robert Lewandowski würde zwar Millionen einbringen, aber auch den Kurs nach unten drücken. Die derzeitige Kursprognose von GSC Research für den BVB liegt bei 3.80 Euro, knapp 20 Prozent über dem aktuellen Stand. «Nicht übermässig optimistisch» sei diese Einschätzung, sagt Alexander Langhorst.

Emotionale Anleger, rationale Analysten

In den letzten Tagen lief das Telefon beim Analysten heiss. Auch sein Kollege Christoph Schlienkamp vom Bankhaus Lampe erhielt im Vorfeld des Finalspiels zahllose Medienanfragen. Für die Firmen sind die kostenlosen Aktienreports eine Gelegenheit für Werbung in eigener Sache. Allerdings läuft diese nicht ohne Risiken. Weil er die Aktie in den Augen der BVB-Fans zu schlecht einschätzte, musste der Analyst Klaus Kränzle diesen März einen kleinen Shitstorm im Netz über sich ergehen lassen. Auch Christoph Schlienkamp berichtet von Briefen aufgebrachter Fans mit Inhalten unter der Gürtellinie. Für die Börsenprofis sind Fussballaktien ein Minenfeld: Am Markt erhalten die Papiere überproportional viel Handelsvolumen, die Anleger agieren emotional statt rational. «Der Analyst kann es eigentlich nur falsch machen», sagt Christoph Schlienkamp. Bei der Bewertung agiert man konservativ.

Ein Hinauskommen über die Champions-League-Gruppenphase würde im Fall von Dortmund etwa als unterwarteter Gewinn abgebucht. Wichtiger fürs Geschäft ist, wie sich die langfristigen Kennzahlen entwickeln: Werbeeinnahmen, Markenwert, auf die Präsenz in Asien kommt es an. Insofern funktioniert die BVB-Aktie wie jedes andere Beteiligungspapier: Am Ende zählt das Geschäft. Wer als Anleger in der Krise kauft, wird öfters belohnt – und wer Verluste nicht verschmerzen kann, soll gar nicht erst einsteigen. Apropos: Am erfolgreichsten an der Börse ist ein Verein, dessen grösster bisheriger Erfolg der Viertelfinaleinzug in der Champions League ist. Es ist Fenerbahçe Istanbul mit einer Gesamtrendite von 178 Prozent seit dem Börsengang im Jahr 2004.

Erstellt: 23.05.2013, 11:16 Uhr

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