Ruag möchte in Brasilien produzieren

Der Rüstungskonzern des Bundes will in Pernambuco eine Fabrik bauen, um Munition herzustellen – und wagt sich so in einen von Korruption durchzogenen Markt vor.

Endkontrolle einer Sturmgewehr-Patrone im Ruag-Werk in Thun. Foto: Keystone

Endkontrolle einer Sturmgewehr-Patrone im Ruag-Werk in Thun. Foto: Keystone

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Die Ruag will ihre erste Produktionsstätte in Lateinamerika bauen. Dies bestätigt der Konzern mit Sitz in Bern auf Anfrage. Im Mai hat eine Kommission der brasilianischen Armee der Ruag eine Lizenz für die Herstellung von Munition vergeben. «Dieser Entscheid beendet ein jahrzehntealtes Monopol», schreibt der Rüstungs- und Technologiekonzern des Bundes. Gemeint ist damit der brasilianische Munitionshersteller Companhia Brasileira de Cartuchos (CBC), der gemäss eigenen Angaben zu den Weltmarktführern gehört.

Mitte Dezember hat eine Ruag-Tochterfirma in Brasilien gemeinsam mit dem Bundesstaat Pernambuco eine Absichtserklärung für den Bau einer Fabrik für Kleinkalibermunition unterzeichnet. Laut Ruag soll die Produktion bereits 2018 aufgenommen werden. Definitiv entschieden sei jedoch noch nichts, heisst es beim Unternehmen. Gemäss dem Rüstungsmagazin «Jane’s» sollen umgerechnet 17,5 Millionen Franken investiert werden. Die Fabrik soll beim Produktionsstart 40 Angestellte beschäftigen. Die Ruag will diese Angaben nicht ­kommentieren.

Ruag forciert Auslandgeschäft

Die Ruag-Division Ammotec erzielte letztes Jahr einen Umsatz von 385 Millionen Franken und zählt 2200 Angestellte. Neben dem grossen Munitionswerk in Thun betreibt die Ruag auch Fabriken in Deutschland, Ungarn, Schweden und den USA. Kunden sind neben der Schweizer Armee auch die deutsche Bundeswehr und andere ausländische Streitkräfte und Polizeieinheiten sowie Jäger und Sportschützen. In Europa bezeichnet sich Ruag Ammotec als Marktführerin für Kleinkalibermunition.

In Brasilien verfügt der Konzern bisher nur über eine Verkaufsniederlassung. Mit dem geplanten Werk hofft die Ruag, dort einen grösseren Marktanteil bei Militär und Behörden zu gewinnen und dem grossen brasilianischen Konkurrenten CBC Aufträge abzujagen.

Gleichzeitig wird die fortschreitende Internationalisierung der Ruag-Geschäfte die Diskussionen über eine Privatisierung des Konzerns weiter anheizen. Einer solchen steht die Konzernspitze offen gegenüber, deshalb schreckt sie vor der Expansion ins Ausland nicht zurück. Ruag-Chef Urs Breitmeier betont jeweils, dass die Ruag dank dem Auslandgeschäft eine kritische Grösse erreiche, bei der sie gewinnbringend arbeiten könne. Als reine Zuliefererin der Schweizer Armee, so die Argumentation, wäre die Ruag nicht rentabel und würde dem Bund finanziell zur Last fallen.

Doch stellt eine Expansion nach Brasilien nicht auch ein Risiko dar? Die südamerikanische Wirtschaftsmacht wurde in den vergangenen Jahren von Korruptions- und Politskandalen erschüttert. Brasilianische Politiker bereicherten sich beim halbstaatlichen Ölkonzern Petrobras. Und der brasilianische Baukonzern Odebrecht schmierte weltweit Amtsträger, um an Aufträge zu kommen. Brasiliens Generalstaatsanwalt hat mehrfach versucht, Staatspräsident Michel Temer wegen Korruption anzuklagen – ist damit aber im Parlament gescheitert.

Externe Berater

Die Ruag hält fest, dass sie «gegenüber Korruption konzernweit Null-Toleranz» anwende, «mit allen Konsequenzen». Weiter schreibt Mediensprecher Clemens Gähwiler, dass das Unternehmen bei Projekten in Ländern mit erhöhten Risiken lokale externe Berater einsetze, um sicherzustellen, dass die konzernweiten Regeln eingehalten würden. Zudem lasse die Ruag den Hintergrand möglicher Geschäftspartner «bei unabhängigen, anerkannten Stellen» abklären. Dies tue sie auch in Brasilien.

Ein Teil dieser Massnahmen hat die Ruag womöglich eingeführt, weil sie Anfang Jahr eine Rüge der Eidgenössischen Finanzkontrolle kassierte. Die Behörde kam zum Schluss, bei der Ruag bestehe ein erhöhtes Risiko, in einen Korruptionsfall verwickelt zu werden.

Die Schweizer Nichtregierungsorganisation Public Eye hält die Pläne der Ruag, in Brasilien eine Fabrik zu bauen, unabhängig vom Korruptionsrisiko für «zynisch». Sprecher Oliver Classen gibt zu bedenken, man müsse sich die Grundsatzfrage stellen, ob hier «ein vollständig im Staatsbesitz befindlicher Rüstungskonzern vom in den Favelas tobenden Bürgerkrieg profitieren» wolle.

Erstellt: 21.12.2017, 21:10 Uhr

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