Ruag zieht die Notbremse

Der Schweizer Rüstungskonzern hat die Auslieferung von zehn bestellten Dornier-Flugzeugen nach Venezuela gestoppt.

Sie bleibt ein Hoffnungsträger des Ruag-Verkaufsteams: Die Dornier 228 in der neuen Ausführung. Foto: Julian Herzog

Sie bleibt ein Hoffnungsträger des Ruag-Verkaufsteams: Die Dornier 228 in der neuen Ausführung. Foto: Julian Herzog

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Die Propellermaschine ist ein wahres Multitalent: Sie kann zum Passagierflugzeug mit 19 Sitzen ausgebaut werden, zum Frachtflugzeug mit 2 Tonnen Ladegewicht, zum Flugzeug für Fallschirmspringer, zum fliegenden Spital mit zwei Betten oder zum Patrouillenflugzeug für Küstenwachen. Die Dornier 228 wird für ihre Robustheit und ihr gutmütiges Flugverhalten gelobt. Sie kann auf kurzen Pisten starten und landen, auch in der Wildnis, auf Erde, Sand oder Schotter.

Der Rüstungs- und Technologiekonzern Ruag hatte 2003 die Dornier-Fabrik im bayrischen Oberpfaffenhofen übernommen. Die Dornier 228 wurde aufgemotzt und 2010 als «New Generation» auf den Markt gebracht. Doch die Verkäufe liefen harzig – bis die Ruag im Dezember 2013 einen Grossauftrag vermelden konnte: Venezuela kauft zehn Maschinen. Die Flugzeuge hätten von Venezuelas Luftwaffe betrieben werden sollen, jedoch für rein zivile Flüge.

Dornier 228 an der Berlin Air Show 2012. Video: Ruag

Zuerst lieferte die Ruag zwei umgebaute alte Dornier 228, dann eine Maschine der neuen Generation – doch Venezuela geriet mit dem Begleichen der Rechnungen in Verzug. Die dritte Maschine hat der Staat nicht vollständig bezahlt. Deshalb stoppte die Ruag die Lieferung der verbleibenden sieben Maschinen, wie die Konzernzentrale in Bern bestätigt. Ob Venezuela die nötigen Devisen für die restlichen sieben Maschinen noch aufbringen kann, ist offen. Der Ruag würde ein Umsatz in zweistelliger Millionenhöhe verloren gehen, aber immerhin hat Venezuela eine Anzahlung an alle zehn Maschinen geleistet.

Goldreserven aufgelöst

Es gibt mehrere Indikatoren dafür, dass der Staat kurz vor der Zahlungsunfähigkeit steht. So registrierte die Eidgenössische Zollverwaltung im Januar rekordhohe Goldimporte aus Venezuela in die Schweiz: Fast 40 Tonnen mit einem Gesamtwert von damals 1,3 Milliarden Franken wurden in die Schweiz ge­flogen. Branchenkenner vermuten, dass der Staat einen Teil seiner Goldreserven verflüssigen musste, um eine auslaufende Staatsanleihe zu bezahlen.

Als Verstärker für die venezolanische Wirtschaftskrise wirkte der Einbruch des Ölpreises. Die Staatseinnahmen sind deshalb um 70 Prozent gesunken. Auch der Pharmariese Novartis bekam das zu spüren: Anstatt mit Bargeld bezahlte Venezuela seine Medikamentenrechnungen in Anleihen des staatlichen Ölkonzerns Petróleos de Venezuela. Novartis musste diese zu lediglich einem Drittel des Nennwerts auf dem Markt verscherbeln.

Für die Ruag wäre ein solcher Deal ein schlechtes Geschäft. Die Dornier 228 werden deshalb an andere Kunden gehen – so zum Beispiel an eine Fluggesellschaft auf der Kanalinsel Guernsey. Vom Venezuelageschäft abgesehen hat die Ruag bis heute sieben Stück des Flugzeugs verkauft. Der Lieferstopp an Venezuela hat gemäss Ruag keine Auswirkungen auf den Personalbestand in Oberpfaffenhofen, die Schwankungen würden intern abgefangen. Die Ruag stellt am Standort unter anderem auch den Rumpf des Airbus A-320 sowie Teile für Bombardier-Kurzstreckenmaschinen her.

Auf Werbetour in Lateinamerika

Trotz der finanziellen Probleme Venezuelas setzt die Ruag weiterhin viel Hoffnung auf Lateinamerika als Markt für die Dornier 228. Derzeit fliegt ein Verkaufsteam der Ruag mit einer Dornier durch neun Länder von Mexiko über Kolumbien und Chile bis Brasilien. Staatliche Kunden sind dabei nur eine Zielgruppe: «Über die gesamte Tour erwarten wir wichtige Besuche von lokalen Flug­gesell­schaften, Bergbauunternehmen sowie Vertretern verschiedener Streitkräfte und Regierungsinstitutionen», wird Ruag-Sales-Manager Carlos Salamanca in einer Medienmitteilung zitiert. Kaufverträge wurden auf der Ende Februar gestarteten Tour noch keine abgeschlossen, wie die Ruag auf Anfrage mitteilt. «Der Kaufprozess für ein Flugzeug dauert im Schnitt mehrere Jahre.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.03.2016, 06:34 Uhr

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