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Rücktritt einer Reizfigur

Daniel Vasella nimmt bei Novartis den Hut – der Aktienkurs legt mächtig zu. Politiker, aber auch Berater und Analysten blicken mit gemischten Gefühlen auf die Verdienste des Pharmakapitäns zurück.

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«Daniel Vasella verdient Respekt», sagt Anita Fetz. Es sind Worte, mit denen die Ständerätin aus Basel den Wirtschaftskapitän selten bedacht hat. Die SP-Politikerin spricht sie, nachdem heute Morgen bekannt wurde, dass Vasella im August als Novartis-Verwaltungsratspräsident zurücktritt. 1996 war er an die Spitze des Konzerns aufgestiegen; 17 Jahre hat er sich dort gehalten. Eine halbe Ewigkeit ist dies in der heutigen Wirtschaftswelt.

Die Sozialdemokratin blickt mit einer Mischung aus Wohlwollen und Kritik zurück. Vasella habe Novartis gut positioniert und damit für wichtige Arbeitsplätze gesorgt, sagt sie. «Und der neue Novartis Campus ist ein architektonisches Juwel.» Mit dieser Meinung dürfte sie unter Politikern, aber auch in der Bevölkerung nicht allein dastehen. Um 40 Prozent konnten die Arbeitsplätze im Basler Pharmasektor in Vasellas Ära gesteigert werden, sagt der Basler Volkswirtschaftsdirektor Christoph Brutschin. «Diese Leistung muss man anerkennen.»

Von grossen Skandalen verschont

Trotzdem bleibt Vasellas Name untrennbar mit einem Stigma verbunden. Es ist das Stigma des Abzockers, das an Vasella haftet. SP-Politikerin Fetz macht keinen Hehl daraus, dass auch sie diese Meinung teilt. «Sein überrissener Lohn war und ist ein grosses Imageproblem der Pharmaindustrie», sagt sie. Dass in der Pharmabranche stets hohe Managerlöhne ausgezahlt und gleichzeitig in Bern für hohe Medikamentenpreise lobbyiert wurde, empfand sie immer als Widerspruch. Diplomatisch äussert sich Exekutivpolitiker Brutschin. «Es wäre einfacher gewesen, wenn die eine oder andere Lohnepisode nicht gewesen wäre.»

Daniel Vasella: Mitte des letzten Jahrzehnts repräsentierte er tatsächlich den Abzocker aus dem Bilderbuch. 44 Millionen Franken Lohn liess sich der damalige CEO und Präsident in Doppelfunktion fürs Geschäftsjahr 2006 auszahlen. «Herr Vasella, Sie sind zu teuer», sagte Trybol-Chef und Initiant der Abzockerinitiative Thomas Minder dem Topmanager an einer Generalversammlung später ins Gesicht. Dass Vasella sich noch sieben weitere Jahre halten konnte, hing nur zum einen mit dem taktischen Geschick ab, mit dem sich der promovierte Mediziner jeweils durch Generalversammlungen manövrierte.

Ebenso wichtig war, dass die Pharmabranche im Gegensatz zur Bankenindustrie von grossen Skandalen verschont blieb. «Anders als Marcel Ospel ist Daniel Vasella geschäftlich nicht auf die Nase gefallen», bringt Politologe Michael Hermann den Imageunterschied zwischen den zwei Reizfiguren auf den Punkt. Trotzdem wird Vasellas Konterfei in den nächsten Tagen wieder öfters zu sehen sein. Über Twitter verbreitete die Unia bereits ein Plakat, mit dem sie Propaganda für die Abzockerinitiative machen will (siehe Bild). Es zeigt einen lächelnden Vasella, an dem ein einfaches Preisetikett haftet: «40 Millionen Franken».

Eiserne Finanzgesetze

Ob das Plakat noch einmal für Stimmung sorgen kann? Auch in Michael Hermanns Gedächtnis blieben Daniel Vasellas Lohnexzesse haften. «Da war diese Mischung aus Glattheit, Selbstbewusstsein und Arroganz», erinnert sich der Politologe. Schlecht in der Öffentlichkeit sei angekommen, dass sich Menschen wie Vasella niemals auf eine ethische Diskussion eingelassen hätten. Eine Ohrfeige setzte es für Vasella dafür im Jahr 2011 ab. An einer konsultativen Abstimmung sprachen sich knapp 39 Prozent des Aktionariats gegen das Vergütungssystem von Novartis ab – weil sich an der «Selbstbedienungsmentalität» wenig geändert habe, wie ein Aktionärsvertreter damals sagte.

Der Schock sass vielleicht tiefer, als man im Management des Grosskonzerns zuzugeben bereit war. Trotz steigender Umsätze stagnierte in den letzten Jahren der Gewinn. Erst im zweiten Halbjahr 2012 machte die Aktie wieder an Boden gut. Unmut über die Signale aus der Novartis-Chefetage begann sich sogar unter Anlegern und Analysten zu verbreiten. Denn wer selbst viel Geld aus dem Firmentopf nimmt, muss auch gehörig Gewinn abliefern: Über dieses eiserne Gesetz der Finanzwelt konnte sich selbst Vasella nicht hinwegsetzen.

Positive Börsennews

«Vasella kümmerte sich während des Jahres nie so stark um die Information der Aktionäre», hält Analystin Odile Rundquist vom Broker Helvea fest. «Sein Salär warf auch aus Analystensicht Fragen auf.» Für sie ist Vasellas Rücktritt eindeutig «positive News»: Trotz aller Verdienste von Vasella – sie reichen von der gelungenen Ciba-Geigy-Sandoz-Fusion über den Kauf von Alcon – sei es nun Zeit für ein «frisches Gesicht» an der Spitze des Konzerns. Novartis habe eine unglaublich gut gefüllte Pipeline, so die Pharmaanalystin weiter: 2013 werde wegen schrumpfender Margen noch ein kniffliges Jahr werden, doch insgesamt sei Novartis auf dem Weg, im Branchenvergleich überdurchschnittlich gute Ergebnisse zu erzielen. Die Börse scheint dies ähnlich zu sehen.

Bis zur Mittagszeit stieg Novartis heute im Handel von 60.10 auf 62.45 Franken beziehungsweise um fast vier Prozent an. Was den Kurs der Minder-Initiative betrifft, bleiben die Experten allerdings skeptisch. «Der Rücktritt könnte der Befürworter-Kampagne für ein paar Tage zusätzlich Zug verleihen», meint Politikberater Mark Balsiger. Doch insgesamt sei Vasella als Kampagnensujet schon etwas abgegriffen. «Er wurde schon oft als Sündenbock dargestellt.» Auch Michael Hermann geht davon aus, dass Vasellas Rücktritt kaum politische Auswirkungen haben wird. Damit schliesst sich der Karrierekreis dieses Mannes, der es in Basel vom Medizinstudenten zum hoch bezahlten Manager gebracht hat. Oder wie Michael Hermann sagt: «Als Reizfigur hat Daniel Vasella eigentlich immer nur halb getaugt.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.01.2013, 12:39 Uhr

13,2 Millionen Franken

Die Gehälter des Top-Managements bei Novartis sind im vergangenen Jahr etwas tiefer ausgefallen als noch im Jahr davor. Konzernchef Joseph Jimenez erhielt Vergütungen in Höhe von 13,2 Millionen Franken – ein Platz ganz oben in der Rangliste der bestverdienenden Manager der Schweiz ist ihm damit aber weiterhin gewiss. 2011 hatte Jimenez noch 15,7 Millionen Franken erhalten und war damit laut der Anlagestiftung Ethos in der Schweiz der Manager mit dem höchsten Lohn.

Insgesamt sank die Entschädigung des gesamten Geschäftsleitung im Vergleich zum Vorjahr von 67,9 Millionen auf 62,4 Millionen Franken, wie aus dem am Mittwoch veröffentlichten Geschäftsbericht hervorgeht. Allerdings hat der tiefere Dollar-Franken-Wechselkurs auch etwas dazu beigetragen, dass die Gesamtsumme der ausbezahlten Löhne und Boni gesunken ist.

Gemäss Geschäftsbericht wurden 66 Prozent der Vergütungen an die 12 Geschäftsleitungsmitglieder in langfristige Anreizsysteme verpackt, die Grundsaläre machen knapp 20 Prozent aus. Verwaltungsratspräsident Daniel Vasella, der am Mittwoch seinen Rücktritt bekannt gegeben hat, erhielt ein Gehalt von 13,1 Millionen Franken und damit rund 400'000 Franken weniger als 2011. Die anderen elf Mitglieder des Novartis-Verwaltungsrats haben im letzten Jahr Vergütungen zwischen 350'000 und 853'000 Franken erhalten. (sda)

Im Kreuzfeuer: Die Unia verwendet Vasellas früheren Lohn in ihrer Plakatkampagne erneut. (Bild: Unia)

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