Rüpel am Steuer des Fahrdienst-Vermittlers

Uber beschattet Kunden, droht Kritikern mit Unheil und macht die Konkurrenz schlecht. Das Unternehmen riskiert, an seiner eigenen Arroganz zu scheitern.

Uber-CEO Travis Kalanick drohte Investoren mit Repressionen, wenn sie Konkurrenten helfen. Foto: Steve Jennings (Getty Images)

Uber-CEO Travis Kalanick drohte Investoren mit Repressionen, wenn sie Konkurrenten helfen. Foto: Steve Jennings (Getty Images)

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Einige Zwischenfälle der letzten Tage rücken die Uber-Führungsetage in ein besonders schiefes Licht. Ein Topmanager regt an, eine kritische Reporterin mit einer Schmierenkampagne mundtot zu machen. Zudem wird bekannt, dass Uber ein Kontrollsystem namens God View betreibt, das zur Offenlegung von Kundenfahrten missbraucht wurde. Der Fahrdienst befinde sich inzwischen knapp an der Klippe zum Abgrund, warnt Risikokapitalgeber Peter Thiel. Kein Unternehmen im Silicon Valley sei ethisch mehr gefordert als Uber.

Uber-Chef Travis Kalanick setzte nach Bekanntwerden der Angriffspläne auf eine Reporterin nicht weniger als 14 Tweets ab und entschuldigte sich wortreich für das Verhalten von Vizepräsident Emil Michael. Dessen Ansichten seien nicht mit dem Selbstverständnis von Uber vereinbar, meinte Kalanick, der kürzlich David Plouffe, einen früheren Kampagnenleiter von Präsident Obama, als Berater eingestellt hatte. Uber-Manager Michael hatte an einem öffentlichen Anlass in New York die Idee verbreitet, eine Schmierenkampagne gegen eine unliebsame Reporterin loszutreten und generell das Privatleben von Kritikern auszuleuchten, um sie mundtot zu machen. Die betroffene Reporterin Sarah Lacy hatte der Uber-Führung ein sexistisches, frauenfeindliches Gehabe vorgeworfen und ihr Uber-Abonnement aufgelöst. Unter anderem spielte sie auf einen Vorfall in Frankreich an, wo eine Filiale Gratisfahrten mit weiblichen Escorts anbieten wollte. Die Pläne wurden fallen gelassen, als sie publik wurden.

Selbstgefällige Manager

Manager Michael ging indessen noch einen entscheidenden Schritt weiter, als er unterstellte, weibliche Fahrgäste seien in Taxis mehr sexuellen Übergriffen ausgesetzt als bei Uber. Reporterin Lacy müsse «persönlich verantwortlich» gemacht werden, wenn eine Uber-Kundin ihr Abo kündige und später in einem Taxi attackiert werde. Filmschauspieler Ashton Kutcher meinte, sich einmischen zu müssen, und erklärte, es sei schwer in Ordnung, missliebige Journalisten in den Dreck zu ziehen. Kutcher ist neben Amazon-Chef Jeff Bezos einer der ersten Geldgeber für Uber und hofft, dass der Fahrdienst auf einen erfolgreichen ­Börsengang zusteuert, der ihn reich belohnen würde.

Uber und dessen Gründer gefallen sich in der Rolle der Rude Boys, der groben Kerle. Kalanick hat nie verhehlt, dass er Politiker und Behörden als Feinde und das Taxigewerbe als korruptes Kartell sieht. Wie nun bekannt wird, sieht Uber auch die Kunden als Zielscheibe der eigenen Aggressionen. Uber arbeitet nach Angaben von Buzzfeed News mit einem Überwachungssystem, das erlaubt, Fahrten und Kunden permanent zu verfolgen und zu identifizieren. Das System mit dem nur halb witzigen Namen God View steht den Fahrern nicht offen, berichtete Buzzfeed, gestützt auf Aussagen von Uber-Angestellten, aber kann offenbar missbraucht werden. So erlebte Investor Peter Sims eine böse Überraschung, als er entdeckte, dass seine Fahrt ohne sein Wissen live auf einem Bildschirm an einer Uber-Party zu sehen war. Er habe seinem Ärger Luft gemacht, so Sims, worauf Uber konterte, er solle sich doch geehrt fühlen, als Vorzeigeperson auftreten zu dürfen. Es war nicht der einzige Fehlgriff. Uber räumte diese Woche ein, gegen den Chef der New Yorker Filiale zu ermitteln, weil er auf God View zugegriffen hatte, um an persönliche Daten einer Kundin heranzukommen. Schon früher musste Kalanick zugeben, er habe Investoren mit Repressionen gedroht, wenn sie das Konkurrenzunternehmen Lyft finanzierten.

Ein Gefühl der Ausbeutung

Die Häufung solcher Vorfälle erinnert an den Online-Musikanbieter Napster, der auf bestem Weg war, ein führender ­Streamingdienst zu werden, bevor das Unternehmen wegen Missachtung von Urheberrechten geschlossen wurde. Uber könnte das gleiche Schicksal blühen, meint Peter Thiel, ein führender Investor im Silicon Valley. Das Unternehmen stehe nun «knapp an der Schwelle, zu weit zu gehen», sagte Thiel in einem Interview mit CNN. Thiel finanziert Lyft und sieht Uber als «die ethisch am meisten geforderte Firma im Silicon Valley». Jedes Start-up-Unternehmen müsse an die Grenze gehen, sagt Thiel. Aber nur manchmal gewännen sie, wenn sie die Regeln brechen würden. «Manchmal gehen sie zu weit.» Uber presse zudem seine Fahrer so stark aus, dass ein «Gefühl der Ausbeutung» zu spüren sei.

Erstellt: 19.11.2014, 22:23 Uhr

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