Rüstungsskandal: Razzia bei Genfer Rohstoffhändler

Gleich aus drei griechischen Korruptionsfällen soll Geld bei einem Grossgoldhändler gelandet sein.

In Genf untersuchten Ermittler die Büros der Goldhandelsfirma VAG Investment.<br />Foto: Sylvain Grandadam (Keystone)

In Genf untersuchten Ermittler die Büros der Goldhandelsfirma VAG Investment.
Foto: Sylvain Grandadam (Keystone)

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Als Luxusshopper-Paradies preist Genève Tourisme die Rue du Rhône: «Shoppingsüchtige mit einer Vorliebe für Luxus finden dort, was das Herz begehrt: Uhren, Mode, Schmuck, süsse Versuchungen in den Läden von Genfs Meister-Chocolatiers.» Praktisch, wenn man dort einen kleinen Goldvorrat ­angelegt hat wie einzelne Griechen. Offenbar ist dies aber illegal geschehen. Über die Rue du Rhône 13 soll nämlich Geld aus Hellas gewaschen worden sein – und zwar Schmiergeld aus nicht weniger als drei Skandalen um Rüstungs­beschaffungen.

Staatsanwälte in Athen ermitteln in diesen drei unterschiedlich gelagerten Fällen. In Griechenland kam es des­wegen bereits zu Verurteilungen rang­hoher Staatsdiener, die von Rüstungskonzernen aus aller Welt geschmiert worden waren. Die Korruptionsgewinne landeten oft in der Schweiz. Die Bundesanwaltschaft leistet Rechtshilfe. Bern führt aber auch eigene Geldwäscherei­abklärungen durch – mit zunehmender Intensität. An der Rue du Rhône 13 fuhren die Ermittler Ende März zu einer Razzia vor. Die Büros der VAG Investment AG wurden durchsucht, wie gemeinsame Recherchen der «Süddeutschen Zeitung», der griechischen Tageszeitung «Kathimerini» und dem TA zeigen.

Die Goldhandelsfirma ist im Jahr 2008, noch unter ihrem früheren Namen Decafin, wegen Kinderarbeit und ge­fährlicher Gifte in afrikanischen Minen in die Schlagzeilen geraten. Die Unternehmensleitung beteuerte damals, sie setze sich gegen die Ausbeutung Minder­jähriger ein. Bald folgte der Namenswechsel von Decafin zu VAG Investment.

Unterlagen beschlagnahmt

Die Bundesanwaltschaft bestätigt nun auf Anfrage, dass bei der Firma am ­Rhone-Ufer «Unterlagen zu grösseren Goldkäufen von griechischen Personen» beschlagnahmt worden sind: «Die Goldkäufe wurden mit mutmasslichen Bestechungsgeldern aus einem Rüstungs­geschaft des griechischen Verteidigungsministeriums finanziert.» Konkret ging es um Deals bei der Beschaffung des ­russischen Flugabwehrraketen-Systems TOR M1.

Wegen krummer Geschäfte beim TOR-M1-Grossauftrag und wegen anderer Bestechungsfälle hat ein Gericht in Athen vergangenes Jahr den früheren Verteidigungsminister Akis Tsochatzopoulos zu 20 Jahren Haft verurteilt. Seine Geldtransfers wickelte der einst so mächtige Mann nach Ansicht der Richter über seinen Cousin Nikos Zigras ab. In Zürich verfügte Vetter Zigras, der in ­einem heruntergekommen Athener Viertel lebt, über ein gut gefülltes Konto bei Morgan Stanley. Von dort flossen 2006 2,4 Millionen Euro zu Decafin ab.

Gegen Zigras und gegen unbekannt richten sich die Ermittlungen der Korruptions- und Geldwäscherei-Abteilung der Bundesanwaltschaft. In Griechenland ist Zigras eine Art Kronzeuge gegen seinen Cousin und dessen einst einflussreiches Umfeld. Auch gegenüber aus Bern angereisten Ermittlern hat er im Frühjahr umfassend ausgesagt.

Panzer- und Artillerie-Deals

Der Name Decafin taucht auch im Zusammenhang mit zwei weiteren Korruptionsfällen auf:

  • Ein griechischer Vertreter der deutschen Waffenschmiede Wegmann (heute Krauss-Maffei Wegmann) ist vor rund einem halben Jahr wegen fragwürdiger Abwicklungen eines Panzergeschäfts und einer Artilleriesystem-Lieferung in Athen inhaftiert worden. 800'000 Euro soll er über eine Offshore-Firma namens Oxilos an Decafin überwiesen haben.
  • Ein Repräsentant der früheren deutschen Rüstungsfirma STN Atlas und der Rheinmetall AG in Griechenland soll 200'000 Euro über ein anders Offshore- Konstrukt zwischen 2002 und 2005 zur Decafin transferiert haben.

Mark Arazi, langjähriger Verwaltungsrat der Decafin, wollte sich nicht zur Razzia und zu den Verdachtsmomenten äussern. Früher hatte er erklärt, dass es unmöglich sei, dass seine Firma in solcherlei Deals verwickelt sei (TA vom 10. Februar). Es gebe keine Geschäfte vor Ort. «Wir haben niemanden in Griechenland», sagte Arazi.

Rund ein halbes Dutzend Schweizer Banken sind in Korruptionsfälle rund um griechische Rüstungsgeschäfte verwickelt – darunter die beiden Grossbanken UBS und Credit Suisse.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.06.2014, 07:07 Uhr

Beschlagnahmtes Geld

4,3 Millionen nach Griechenland
Die Bundesanwaltschaft hat 3,55 Millionen Euro (rund 4,3 Millionen Franken) freigegeben. Das Geld kann aus der Schweiz nach Griechenland überwiesen werden. Es stammt aus Vermögen von Personen, die in griechischen Korruptionsverfahren vollumfänglich geständig und zum Teil rechtskräftig verurteilt sind. Diese wünschen eine Transaktion der Schmiergelder von Schweizer Konten an die Behörden in Athen. Die Bundesanwaltschaft stellt sicher, dass die Millionen auch tatsächlich auf einem Konto der Strafver­folger bei der griechischen Nationalbank landen. Ein Teil davon stammt von Nikos Zigras, dem reuigen Geldkofferträger seines Cousins, des Ex-Ministers Akis Tsochatzopoulos. Zigras hat auch ein halb fiktionales Buch geschrieben. Darin beschreibt er Korruptionsvorgänge wie jene, in die er selbst involviert war. Zigras hat zusammen mit seinem Anwalt eine Kampagne lanciert gegen den schweizerischen Finanzplatz. (tok)

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