SBB bereiten Nachtzug-Comeback vor

Die Nachtzüge der Österreichischen Bundesbahnen nach Berlin, Wien oder Budapest sind beliebt, ziehen die SBB nun mit?

Der Abschied fällt zwar schwer, doch die Reise im Nightjet der ÖBB ist angenehm. Foto: Reto Oeschger

Der Abschied fällt zwar schwer, doch die Reise im Nightjet der ÖBB ist angenehm. Foto: Reto Oeschger

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Sich sanft in den Schlaf ruckeln lassen und am nächsten Tag im europäischen Ausland wieder aufwachen: Nachtzüge sind eine angenehme Dienstleistung, um entspannt zu reisen und gleichzeitig grosse Distanzen zurückzulegen. In der Schweiz haben die SBB diese Art von Angebot mit eigenen Schlafwagen jedoch vor zehn Jahren komplett eingestellt.

Reisende konnten beliebte Ferienziele wie Barcelona, Amsterdam und Brüssel nicht mehr direkt aus der Schweiz heraus auf der Schiene erreichen. Die Bundesbahnen begründeten damals ihren Rückzug mit der aufkommenden Konkurrenz von Billigfluglinien. Plötzlich waren die Flugtickets günstiger als die Bahnbillette.

1,6 Millionen Passagiere nutzen den Nightjet der Österreichischen Bundesbahnen jährlich.

Folgendes Beispiel zeigt die Auswirkungen: Die Belegung des Nachtzugs nach Rom hatte sich seit dem Jahr 2002 halbiert, gleichzeitig war das Defizit allein dieser Verbindung auf bis zu 4 Millionen Franken pro Jahr gestiegen. Andere Transportunternehmen wie die Deutsche Bahn sind ebenfalls aus dem schwierig gewordenen Geschäft mit Nachtzügen ausgestiegen.

Doch nun zeichnet sich bei den SBB eine Kehrtwende ab. «Wir sehen einfach den Bedarf im Markt, und wir prüfen deswegen, ob wir wirklich den Nachtzugverkehr wieder ausbauen können», sagte Armin Weber, Leiter internationaler Personenverkehr der SBB, in der Sendung «10 vor 10» des Schweizer Fernsehens. Auf welchen Linien genau dies geschehen soll, klären die SBB zurzeit ab.

In zwei bis drei Jahren

Nur so viel ist klar: Der Ausbau der Nachtzugverbindungen würde nicht zum nächsten Fahrplanwechsel erfolgen. Als Zeithorizont nennt Weber vielmehr zwei bis drei Jahre. Denn: Der Bundesbetrieb benötigt neues Rollmaterial, um das Angebot zu lancieren. Dazu streben die SBB eine Zusammenarbeit mit den Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) an.

Diese Partnerschaft lässt vermuten, wohin die Reise für Schweizer Touristen führt. Der Nightjet, so der Name der ÖBB-Dienstleistung, fährt ab Basel und Zürich. Von dort aus geht es in Städte wie Berlin, Hamburg, Wien, Budapest und Zagreb. Eine Fahrt von Zürich bis Berlin-Ostbahnhof bieten die Österreicher ab umgerechnet 67 Franken an. Branchenkenner sehen zudem Potenzial für Verbindungen in den Süden, etwa nach Rom.

Im Gegensatz zu den SBB haben die ÖBB das Geschäft mit den Nachtzügen forciert. Zuletzt nutzten etwa 1,6 Millionen Passagiere im Jahr das Angebot. Die Tendenz zeigt dabei nach oben. Beim Hersteller Siemens haben die ÖBB deshalb für ihren Nachtzugverkehr neue Schlaf- und Liegewagen für den Nightjet bestellt. Die Produktion der 13 siebenteiligen Züge startete im vergangenen Monat. Bis Ende 2022 sollen alle bestellten Einheiten im Einsatz sein. Die Nachtzüge bestehen jeweils aus drei Liegewagen, zwei Schlafwagen sowie zwei Sitzwagen.

Vorstösse im Nationalrat

Insider vermuten, dass die Klimadebatte und der zunehmende politische Druck die SBB zum Umdenken bewogen haben. Tatsächlich sind im Nationalrat drei Vorstösse hängig, welche den Bundesrat zum Handeln auffordern.

Die Berner Grüne Aline Trede verlangt, dass Nachtzüge in die Eignerstrategie der Eidgenossenschaft für die SBB aufgenommen werden. Der Walliser SP-Nationalrat Mathias Reynard will erreichen, dass sich die Landesregierung für den Ausbau von Nachtzugverbindungen einsetzt. Der Berner Grünliberale Jürg Grossen fragt, ob es auf Bundesebene Bedarfsabklärungen für Nachtzüge gebe.

Die drei Parlamentarier begründen ihre Anliegen mit dem Umweltschutz. Die grosse Kammer hat ihre Vorstösse noch nicht behandelt.

Preisbewusste Kunden

Wie die ÖBB beobachten, ist bei der Kundschaft aber in erster Linie der Preis ausschlaggebend und nicht der Gedanke des klimafreundlichen Reisens. Sobald es Billigfluglinien auf bestimmten Strecken gebe, sinke auch teilweise die Nachfrage nach dem Nachtzug, heisst es. Trotzdem schaffen es die Österreicher aber, ihre Marke Nightjet kostendeckend zu betreiben.

Der Grund dafür ist, dass die Nachtzüge kein reines Nischengeschäft sind. Die ÖBB verfügen heute in diesem Bereich über ein relativ grosses Streckennetz, das immerhin ein Fünftel zum Gesamtumsatz des Fernverkehrs beiträgt.

Erstellt: 01.06.2019, 08:36 Uhr

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