SBB verlieren 10'000 Kunden am Tag

Täglich 967'000 Passagiere beförderten die SBB im letzten Jahr. Damit verzeichnet die Bahn erstmals einen Rückgang bei den Passagierzahlen. Die Einbussen betreffen die Ausflügler.

Stagnierende Nachfrage: Passagiere im Bahnhof Bern. (Archivbild)

Stagnierende Nachfrage: Passagiere im Bahnhof Bern. (Archivbild) Bild: Keystone

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Das SBB-Betriebsergebnis ist 2012 wegen sinkender Passagierzahlen und höherer Trassenpreisen etwas schlechter ausgefallen als im Vorjahr. Das Konzernergebnis stieg jedoch infolge einmaliger Effekte und der Auflösung von Rückstellung um 83,8 auf 422,5 Millionen Franken an.

Das gute Ergebnis helfe, die weiter stark steigenden Kosten für Trassen und Energie zu bewältigen, sagte CEO Andreas Meyer an der Bilanzmedienkonferenz in Zürich. Die verzinslichen Schulden hätten gesenkt werden können, seien aber weiterhin hoch.

Die Zahl der SBB-Passagiere ist im letzten Jahr leicht zurückgegangen. Mayer begründete dies vor allem mit den Einbussen bei den Ausflüglern. Die Billettpreis-Erhöhung im letzten Dezember habe keine spürbare Reaktion bei den Passagierzahlen zur Folge gehabt.

Pro Tag beförderte die SBB im Jahr 2012 967'000 Personen, das sind 10'000 weniger als im Jahr zuvor (-1 Prozent). Da die Passagiere weniger weit reisten als im Vorjahr, ging die Zahl der gefahrenen Personenkilometer um 1,2 Prozent auf 17'545 Millionen zurück.

Meyer führt den Rückgang unter anderem darauf zurück, dass 2012 im Vergleich zu den Vorjahren keine signifikanten Angebotsausbauten realisiert wurden. Der Pendler- und Geschäftsreiseverkehr sei weiter gewachsen, wenn auch weniger stark als in den Vorjahren. Einbussen hatte die SBB dagegen beim Freizeit- und Tourismusverkehr.

Ob einfach weniger gereist oder häufiger das Auto benützt wurde, konnte Meyer nicht sagen. Verlässliche Zahlen zu den Marktanteilen von Schiene und Strasse lägen noch nicht vor.

Die SBB meldet beim Regionalverkehr ein Wachstum von 1,6 Prozent. Im nationalen Fernverkehr habe sich dagegen die Verkehrsleistung um 2,1 Prozent vermindert. Der internationale Personenverkehr wuchs um rund 6 Prozent bei den Personenkilometern, insbesondere auf den Strecken Zürich-Paris und in Richtung Frankfurt.

Täglich 20'000 Tonnen weniger Güter

Das Sorgenkind der SBB bleibt der Güterverkehr. SBB Cargo hat sich laut Meyer zwar «wacker geschlagen», aber trotzdem ein Defizit von 51 Millionen Franken eingefahren (2012: 46 Millionen). Täglich wurden rund 175'000 Tonnen Güter transportiert, 20'000 Tonnen weniger als im Vorjahr.

Zu schaffen gemacht habe SBB Cargo die europaweite Konjunkturschwäche und der Abbau von Industriekapazitäten in der Schweiz, namentlich in der Papier- und Metallindustrie. Erschwerend hinzugekommen sei die dreimalige Sperre der Gotthard-Bergstrecke wegen Felsabbrüchen bei Gurtnellen.

Mit 3,2 Milliarden Franken hat die SBB noch nie soviel investiert wie im Jahr 2012 ( 716 Millionen). Allerdings habe das Unternehmen auch noch nie soviel öffentliches Geld bekommen wie im letzten Jahr, sagte Meyer. 1,7 Milliarden sind von der öffentlichen Hand finanzierte Investitionen. 868 Millionen Franken wurden in Rollmaterial investitert.

Mindestens gleich wichtig wie die Verbindungen mit den Zügen seien heutzutage und in Zukunft die «Verbindungen in und aus den Zügen». Es lohne sich deshalb, zusammen mit den Telekom-Unternehmen mehr Investitionen zu tätigen, um das Arbeiten im Zug und das Pflegen der sozialen Kontakten zu verbessern, sagte Meyer.

«Weiterer Angebotsausbau bringt wieder mehr Passagiere»

Die schrittweise Angebotsverbesserungen in den nächsten Jahren wird laut Meyer wohl auch die Passagierzahlen wieder ansteigen lassen. Grundlage seien die neuen Doppelstockzüge im Regional- und Fernverkehr sowie neues Rollmaterial für den Verkehr nach Italien und für weitere internationale Verbindungen.

2014 gehe dann die erste Etappe der regional und national bedeutenden Zürcher Durchmesserlinie in Betrieb und im Süden die Bahnverbindung zwischen Mendrisio im Tessin und Varese in der Lombardei. 2017 folge dann die grenzüberschreitende Verbindung zwischen Genf und Annemasse.

Die Eröffnung des Gotthardbasistunnels im Jahr 2016 sei eine einmalige Chance für das ganze Land, sagte Meyer. Dann würden nämlich «die Kameras der ganzen Welt auf die Schweiz gerichtet». Es gebe die einmalige Gelegenheit, den öffentlichen Verkehr als Verkörperung der Schweizer Werte Zuverlässigkeit und Innovation zu präsentieren.

Kein «vorauseilender Gehorsam»

Die Spitzen der SBB lehnen die Liberalisierungsforderungen der EU-Kommission zum Schienenverkehr ab, wonach Infrastruktur- und Verkehrsunternehmen weitgehend bis vollständig getrennt werden sollen. Organisatorische Veränderungen seien in der Schweiz zurzeit nicht angezeigt.

SBB-Verwaltungspräsident Ulrich Gygi empfiehlt, die Entwicklung in Europa erst abzuwarten und nicht «in vorauseilendem Gehorsam» zu agieren. Der freie Zugang zum Bahnnetz für Privatunternehmen sei selbstverständlich und es sei eine klare Trennung von Eigentümer-, Besteller- und Regulatorenrollen anzustreben.

Das Prinzip «Betrieb und Infrastruktur aus einer Hand» sei aber aus Sicht der SBB vernünftig, sagte Gygi. Konkurrenz sei trotzdem möglich.

Gegen die Forderung der EU-Kommission bezüglich Trennung von Infrastruktur und Verkehr ab 2019 gebe es von wichtigen Mitgliedstaaten wie Deutschland «erheblichen Widerstand», fügte Andreas Meyer an.

Für die SBB ist die integrierte Bahn die effizienteste und effektivste Organisationsform und ein Garant für ein weiterhin leistungsfähiges öffentliches Verkehrssystem.

Die enge Zusammenarbeit der SBB mit 143 Schweizer Verkehrsunternehmen, dem Bund und den Kantonen hat laut Gygi «enorme Vorteile» und würde durch eine Desintegration im Sinne der neuen EU-Richtlinie zunichte gemacht. Die negativen Konsequenzen hätten Kunden sowie Bund und Kantone zu tragen.

Aus Sicht der SBB muss in Europa zuerst die technische Standardisierung von Zugsicherungssystem und Rollmaterialzulassung umgesetzt werden. Erst wenn diese technischen Voraussetzungen geschaffen seien, sollten weitere Schritte überhaupt erst in Betracht gezogen werden. (kle/bru/sda)

Erstellt: 26.03.2013, 09:19 Uhr

SBB in der Kritik

Die Gewerkschaft SEV wirft der SBB vor, ihre Prioritäten einseitig auf das wirtschaftliche Ergebnis ausgerichtet zu haben. Der VCS appelliert an den Bundesrat, auf die geplante Trassenpreis-Erhöhung zu verzichten, um die Bahnpreise nicht weiter anzuheizen. Als öffentlich finanziertes Unternehmen solle sich die SBB nicht am Gewinn orientieren, sondern an der Qualität der Leistung, schreibt die Gewerkschaft des Verkehrspersonals (SEV) in ihrem Communiqué.

Neben Sicherheit und Pünktlichkeit gehöre auch die Personalzufriedenheit dazu. Diese sei nach wie vor «äusserst tief» und zeige, dass die Unternehmensführung nicht das Vertrauen der Mitarbeitenden habe, wird SEV-Vizepräsident Manuel Avallone in der Mitteilung zitiert. Zum Ergebnis von SBB Cargo heisst es im SEV-Communiqué, das Unternehmen könnte längst schwarze Zahlen schreiben, wenn es sich vermehrt darum kümmern würde, Güter auf die Schiene zu holen statt sich mit dem eigenen Abbau zu beschäftigen.

Für den Verkehrs-Club der Schweiz (VCS) sind gemäss Mitteilung die sinkenden Passagierzahlen eine Folge der «übermässigen Verteuerung des Bahnfahrens». Die Preissteigerungen wirkten sich umso stärker aus, als andere Faktoren wie überfüllte Züge, dreckige Toiletten und Vandalismus das Zugfahren ebenfalls weniger attraktiv machten. Der VCS ruft SBB und Bundesrat auf, Augenmass und Verantwortungsbewusstsein zu beweisen. Auf die zweite Tranche der Erhöhung der Trassenpreise um 100 Millionen Franken solle verzichtet werden, um eine weitere drastische Billettpreis-Erhöhung zu verhindern. (sda)

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