SUV-Boom schiebt VW an

Volkswagen hat erstaunlich gute Quartalszahlen vorgelegt: Ganz besonders profitiert VW von der Zunahme bei den Stadtgeländewagen.

Im mexikanischen Werk Puebla produziert Volkswagen das Modell Tiguan. Foto: Imelda Medina/Reuters

Im mexikanischen Werk Puebla produziert Volkswagen das Modell Tiguan. Foto: Imelda Medina/Reuters

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Etliche Bauarbeiten laufen gerade im Volkswagen-Werk in Wolfsburg: In Halle 8 etwa werden Roboter installiert und justiert, damit sich die Arbeiter weniger mühen müssen beim Bau der Modelle Tiguan und Touran. Auch für den neuen Golf 8 müssen die Bänder neu eingestellt werden. Fummelarbeiten, aber nicht für die Masse: Die meisten der sonst 62'000 Beschäftigten im VW-Stammwerk sind in den Betriebsferien. Und haben so die guten Nachrichten aus dem Management am Donnerstag gar nicht direkt mitbekommen: VW und die meisten Schwestermarken haben ein gutes Halbjahresergebnis erzielt – anders als viele Konkurrenten und Zulieferer – ob in Deutschland (Daimler, BMW, Continental) oder im Rest der Welt (Nissan, Tesla). Finanzchef Frank Witter formuliert es am Telefon bei der Vorlage der Zahlen so: «Der Volkswagen-Konzern hat sich im ersten Halbjahr in einem sich insgesamt abschwächenden Gesamtmarkt sehr gut geschlagen.»

In Zahlen: Der Konzernumsatz kletterte um knapp fünf Prozent auf 125 Milliarden Euro. Der Betriebsgewinn stieg dabei in den ersten sechs Monaten um zehn Prozent auf knapp neun Milliarden Euro, und das, obwohl der Absatz von Autos, Bussen, Lastwagen und Motorrädern sogar etwas zurückging: 5,4 Millionen im Vergleich zu 5,5 Millionen im Vorjahr. Am meisten trugen Porsche, die Marke VW, der Lastwagenbauer Scania, der eigentlich angeschlagene Premiumfabrikant Audi sowie die hauseigene Bank zum Gewinn bei. Vor Steuern macht das eine Marge von gut sieben Prozent, was selten ist in diesem Jahr, in dieser Branche. Nur die Sparexperten des französischen Peugeot-Konzerns können hier mithalten.

Branchenexperten halten diese Zahlen für bemerkenswert: «Es ist immer wieder erstaunlich, was VW in einem solchen Umfeld schafft», lautet das Urteil von Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler. NordLB-Analyst Frank Schwope weist darauf hin, dass die Ergebnisse gut seien, obwohl darin eine weitere Milliarde Euro Belastung aus der Aufarbeitung des selbst angerichteten Dieselskandals steckt. Das zeige, dass VW weitere Belastungen durch den Skandal wegstecken könne: «Das ist ja das Verrückte, man hat 30 Milliarden in den USA gelassen, aber eine Milliarde Strafen mehr oder weniger tut trotzdem nicht weh.»

Hier zeigt sich die Stärke des mitunter schwer regierbaren Konzerns mit seinen 650'000 Mitarbeitern: Auf der ganzen Welt und in allen Segmenten ist das Unternehmen vertreten, an dessen Spitze Konzernchef Herbert Diess steht. Dadurch lassen sich Schwächen in manchen Märkten ausgleichen: in China gab es etwa einen «Einbruch», während die Verkäufe in Brasilien deutlich stiegen. Ausserdem lassen sich vergleichsweise niedrigere Kosten erzielen durch gemeinsame Plattformen für Fahrzeuge, die dann unterschiedliche Embleme tragen. Künftig wird sogar der US-Konkurrent Ford Volkswagen-Plattformen nutzen, was die Stückkosten in Wolfsburg noch einmal senkt.

Doch von einem profitiert VW ganz besonders: Die Zunahme bei den SUV. Lag der Anteil solcher von früheren VW-Chefs ungeliebten Fahrzeugformen im vergangenen Jahr noch bei 25 Prozent, werde man dieses Jahr auf 35 Prozent kommen, erklärt Finanzchef Witter: Es kommen immer mehr solcher Modelle auf den Markt. Das ist gut für das Ergebnis, denn die Kunden zahlen gern mehr Geld für mehr Blech und das Gefühl von Überlegenheit auf der Strasse. «Das ist ein ganz wesentlicher Treiber», sagt Witter.

«Ganz klar Gegenwind, statt Rückenwind»

Und doch bleibt Volkswagen vorsichtig. Man schraube die Renditeerwartung nicht hoch, so der Finanzchef, bleibe bei einem Korridor von 6,5 bis 7,5 Prozent. Denn das weltweite Umfeld sei weiter schwierig, etwa mit dem unklaren Brexit und den Zolldiskussionen. Man erlebe gerade «ganz klar Gegenwind, statt Rückenwind». Auch ein Koloss wie Volkswagen kann nicht alles ausbügeln – und das bei zugleich weiter wachsenden Kosten: «Wir wissen, dass die Elektrifizierung unserer gesamten Produktpalette, die digitale Transformation sowie der Umbau unserer Fabriken sehr hohe Investitionen erfordern», sagt Witter. Um das finanzieren zu können, sei «eine strenge Kostendiskussion ein Muss».

Die Konzernführung werde den zwölf Marken dabei keine konkreten Vorgaben machen, aber die Sparprogramme müssten auf jeden Fall «weiter intensiviert» werden. Zugleich müssten die geplanten Verkaufspreise weiter konsequent durchgesetzt werden, also möglichst wenige Rabatte gewährt werden, mahnt Witter seine Kollegen. Auch wenn dann die Zahl der verkauften Fahrzeuge zurückgehen. Das Prinzip «Weniger ist mehr» gilt auch für die Fabriken. Schon jetzt werde man 450'000 Fahrzeuge weniger produzieren als geplant. Das sei schmerzhaft, aber immer noch besser, als überzählige Wagen allzu günstig zu verkaufen.

Erstellt: 26.07.2019, 11:24 Uhr

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