Scheidung als Geschäftsmodell

Gewiefte Geschäftsleute helfen, wenn die Ehe zerbricht: Im Angebot sind gemeinsame Wochenenden zur Schnellabwicklung und ein Fotoservice, der das Anzünden des Brautkleids dokumentiert.

Geschäftsmodell: Nicht nur die Ehe wird in Szene gesetzt, zuweilen auch ihr Scheitern.

Geschäftsmodell: Nicht nur die Ehe wird in Szene gesetzt, zuweilen auch ihr Scheitern. Bild: Vasily Fedosenko/Reuters

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«Wie lang sind Sie schon zusammen? Seit kurzem. Und wann werden Sie sich trennen? Bald.» So wie Bertolt Brecht haben schon viele Dichter die Vergänglichkeit der Liebe beklagt – und nicht nur sie. Einige Unternehmer hingegen sehen darin einen Vorteil. Sie haben das Liebesunglück für sich als Geschäftsfeld entdeckt.

Der Niederländer Jim Halfens etwa. Seine Kunden wollen nur eins: die Scheidung. Für 3000 bis 5000 Euro werden Paare von Halfens und seinem Team an einem Wochenende professionell geschieden. Mithilfe eines Anwalts, Psychologen oder auch eines zusätzlichen Buchhalters, je nach Bedarf. Der 35-jährige Unternehmer aus Amsterdam arbeitet in den Niederlanden zurzeit mit sechs Hotels zusammen, in denen er trennungswillige Paare an ihrem Scheidungswochenende unterbringt. Fast hundert Paare haben im Divorce Hotel, wie er sein Konzept nennt, bereits ihre getrennte Zukunft besiegelt.

Halfens wirbt damit, dass Scheidungen an einem Wochenende besonders schnell und unkompliziert durchzuführen seien. Langwierige Verhandlungen, die sich über mehrere Wochen hinziehen und die Kosten in die Höhe treiben, gebe es nicht mehr. Der Preis scheint trotzdem hoch: Wer will kurz vor der Scheidung noch einmal ein gesamtes Wochenende miteinander verbringen?

Sie stossen mit Champagner an

Man meint, Halfens könnte viel erzählen von gehässigen Anschuldigungen und lauten Auseinandersetzungen, von verletzten Blicken und knallenden Türen. Aber seine Geschichten gehen in eine andere Richtung: Da sind Anwälte, die sich nach dem Mittagessen wundern, wo die Paare bleiben, die nur kurz spazieren gehen wollten. Da sind ehemalige Eheleute, die auf ihre getrennte Zukunft mit Champagner anstossen. Da sind Geschiedene, die dem feiernden Hochzeitspaar im Restaurant nebenan viel Glück wünschen.

Halfens Kunden sind vor allem Niederländer. Geschäftsleute, die nicht viel Zeit haben. Aber seine Anekdoten haben wohl auch etwas damit zu tun, dass nicht jedes Paar, das ins Scheidungshotel will, auch ins Scheidungshotel darf. «Jede Woche bekommen wir Dutzende Anfragen, doch nur etwa eins von drei Pärchen ist auch wirklich fähig, sich in unserem Hotel scheiden zu lassen. Sowohl von psychologischer Seite als auch von den Formalitäten her muss unser Team im Vorgespräch sagen können: Ja, das ist realistisch in zweieinhalb bis drei Tagen», sagt Halfens.

Die Idee zu dem Hotel kam ihm in seinem früheren Job, in der Marketingabteilung einer auf Scheidungen spezialisierten Kanzlei. Er selbst ist nicht geschieden, auch nicht verheiratet. Letzteres will er aber noch ändern, die Erlebnisse in seiner Firma schrecken ihn nicht ab. Mit der eigentlichen Trennung seiner Kunden habe er ohnehin nichts zu tun, er fördere die Scheidungen nicht, sagt Halfens. «Die Paare kommen erst dann zu mir, wenn sie sich sowieso schon sicher sind», erklärt er.

Nach Weihnachten und nach der Ferienzeit erreichen Halfens besonders viele Anfragen. Ob das generelle Interesse gross genug ist, um sein Konzept rentabel zu machen, will er nicht sagen. Der Markt ist gross: Menschen trennen sich überall, zu jeder Zeit. Allein in Deutschland liessen sich im vergangenen Jahr etwa 179'000 Paare scheiden.

Das treffende Foto zum Ende

Wohl auch ein Grund, warum sich Fotografin Carmen Palma einen neuen Schwerpunkt gesucht hat. Die 41-Jährige lichtet in München nicht nur Hochzeiten ab, sondern setzt ebenso deren Ende in Szene. Auf den Fotos zu sehen: geschiedene Frauen, die ihr Brautkleid anzünden oder ihre Hochzeitsschuhe mit dem Beil zerhacken. Bei der Fotografie von Heiratszeremonien habe Palma immer der Perfektionismus gestört, sagt sie. «Den meisten Paaren geht es nur noch um das Abhaken von bestimmten Szenen: ein Bild vom Kuchenanschnitt, ein Bild vor dem Auto und so weiter.» Auch um sich mit ihrem Fotostudio von der Konkurrenz abzugrenzen, bietet Palma zusätzlich Scheidungsfotografie an.

Im Unterschied zu Hotelgründer Halfens kann sie von ihren Kunden nicht behaupten, dass deren Trennungsprozesse abgeschlossen seien. Meist erzählen sie der Fotografin nach und nach ihre Geschichte: von Ehen, die als Freundschaft begannen und nie in Liebe endeten. Von vorschnellen Entscheidungen auf Ferienreisen. Von dem Gefühl, den anderen auch nach Jahren nicht zu kennen. «Eine Kundin hat ihre gesamte Ehe ins Fotostudio getragen», erzählt Palma. «In zwei schwer beladenen Wäschekörben.» Alle wichtigen Erinnerungsstücke aus sechs Jahren hatte sie aufgehoben, nichts nahm sie wieder mit nach Hause – hoffend, dass so auch alle Erinnerungen im Studio der Fotografin zurückbleiben würden.

Zwischen 150 und 500 Euro verlangt Palma für ein Shooting, in diesem Jahr hat sie etwa 20 geschiedene Frauen fotografiert. Kein Mann war dabei.

Die perfekte Inszenierung

Die meisten Kundinnen legen die Bilder zu Hause in den Schrank. Dabei geht es den Frauen letztlich wohl um eine ihren Hochzeitsbildern recht ähnliche Sache: die perfekte Inszenierung. Auch die des Scheiterns. Manche witzeln sogar schon, wenn sie Palma für eine Hochzeit bestellen: «Praktisch, wenn wir uns scheiden lassen, dann kann ich auch wieder bei dir die Bilder machen.» Eine andere Kundin war schon seit elf Jahren geschieden, als sie zu Palma kam, um das alte Brautkleid noch einmal anzuziehen und vor der Kamera zu zerreissen. «Sie ist wohl jemand, der nie wirklich über die Trennung hinwegkommt», meint Palma.

Auf Liebeskummer haben sich andere Firmen mittlerweile spezialisiert: Elena Sohn zum Beispiel hat die «Liebeskümmerer» gegründet. Eine Berliner Agentur, die mit organisierten Reisen für Liebeskranke startete, nun aber einen wilden Mix gegen Kummer anbietet: von Telefongesprächen über E-Mail-Hilfe bis hin zu materiellen Trostpflastern wie Blumensträussen oder Armbändern.

Erstellt: 25.12.2013, 19:51 Uhr

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