«Schlechtes Timing bei Übernahme von Xstrata»

Glencore fährt einen Riesenverlust ein. Was das für die Zukunft des Rohstoffkonzerns bedeutet, sagt der ZKB-Analyst.

Will den Abbau der Nettoverschuldung schneller vorantreiben: Glencores CEO Ivan Glasenberg.

Will den Abbau der Nettoverschuldung schneller vorantreiben: Glencores CEO Ivan Glasenberg. Bild: Keystone

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Herr Benz, Glencore hat 2015 einen Reinverlust von 8,1 Milliarden Dollar eingefahren. Wie schlecht ist dieses Ergebnis wirklich?
Die gesamten Jahreszahlen sind im neutralen Bereich, weil sie so erwartet wurden.

Das tönt optimistisch trotz des riesigen Verlustes.
Positiv ist der Fortschritt im Abbau der Nettoverschuldung von 30,5 Milliarden Dollar auf 25,9 Milliarden. Das ist viel wichtiger.

Dabei visierte Glencore eigentlich 25 Milliarden Dollar Nettoschulden an. Selbst dieses Ziel wurde um rund 900 Millionen verfehlt.
Wenn man sich die Grössenordnungen vor Augen führt, wurde das Ziel nur leicht verfehlt. Positiv ist vor allem, dass das Ziel der Schuldenreduktion für 2016 nochmals nach unten revidiert wurde auf 17 bis 18 Milliarden.

Ursprünglich sollte der Schuldenberg Ende Jahr im Bereich von 18 bis 19 Milliarden liegen. Versucht das Management nun, mit dem neuen Ziel Optimismus inmitten der sehr schwierigen Zeiten zu versprühen?
Es zeigt, Glencore ist auf gutem Wege, und das Management ist davon überzeugt, die Nettoverschuldung unter 20 Milliarden Dollar drücken zu können. Sonst würde das Management diese Reduktion nicht ankündigen. Es wird nicht einfach, ist aber möglich.

Sorgenbarometer: Glencores Nettoverschuldung seit der Börsenkotierung. Quelle: Bloomberg.

Doch die schlechten Rahmenbedingungen bleiben vorerst. Die Wirtschaft in China schwächt sich ab, der Ölpreis ist sehr tief und der Dollar stark.
Dazu kommt noch, dass der Kohlepreis ein Riesenproblem nicht nur für Glencore ist. Kohle ist der Rohstoff, dessen Preis am meisten eingebüsst hat. Das hat mit dem Umdenken in der Klimapolitik der USA und den tiefen Gaspreisen zu tun. So haben viele Unternehmen in der Stromerzeugung von Kohle auf Gas geswitcht.

Das sind schlechte Aussichten für Glencore.
Ja, 2016 wird sehr schwierig bleiben, und die Preise werden sich in den nächsten Monaten kaum erholen. Aber das Profil von Glencore ist einmalig. Der Konzern bietet die ganze Wertschöpfungskette im Bereich Rohstoffe an – Förderung, Handel, Finanzierung, Lagerung, Transport. Es ist nach wie vor ein attraktives Gebilde.

Glencore war vor der Übernahme von Xstrata einst auf den Rohstoffhandel spezialisiert. Nun ist der Konzern diversifiziert, fokussierte sich 2015 aber dennoch wieder auf den Handel. Zurück zu den Wurzeln.
Sie haben recht, die Stärke liegt vor allem im Handelsbereich. Hier profitiert man von der Volatilität. Die Erträge sind recht stattlich ausgefallen. Doch Glencore denkt strategisch in Jahrzehnten. Daher war die Diversifizierung richtig.

Glencore hat also einfach Pech gehabt und Xstrata zur falschen Zeit gekauft?
Es war schlechtes Timing. Das weiss man im Nachhinein. Damals hatte nichts dafür gesprochen, dass die Rohstoffpreise so stark einbrechen würden.

Kann Glencore diesen Schock verdauen?
Kurzfristig würde ich eher auf BHP Billiton und Rio Tinto setzen. Langfristig ist das Geschäftsmodell von Glencore attraktiv. Voraussetzungen sind, dass der Schuldenberg abgebaut wird und die Rohstoffpreise wieder steigen.

Wenn die Rohstoffpreise weiterhin so tief blieben oder sogar weiter fielen, würde Glencore dann selbst zum Übernahmekandidaten?
Ausschliessen kann man das nicht. Zwar käme es nur für die ganz grossen Konkurrenten wie BHP Billiton oder Rio Tinto infrage. Doch die haben ihre eigenen Probleme und könnten ein solches Riesenengagement nur schwer verdauen.

Erstellt: 01.03.2016, 11:58 Uhr

Daniel Benz ist Senior Analyst und Rohstoffexperte bei der Zürcher Kantonalbank.

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