Hintergrund

Schloters Weggefährte

Zwölf Jahre gemeinsame Arbeit mit Carsten Schloter, nun führt Urs Schaeppi neu die Swisscom. Wer ist der Mann, der früher Skirennen fuhr und beim Telecomkonzern bislang im Hintergrund blieb?

Innert weniger Monate wurde er vom Bereichsleiter zum Konzernchef ad interim: Urs Schaeppi.

Innert weniger Monate wurde er vom Bereichsleiter zum Konzernchef ad interim: Urs Schaeppi. Bild: Keystone

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So hatte er es sich bestimmt nicht vorgestellt: Seit letztem Herbst ist Urs Scha‌eppi offiziell die neue Nummer zwei bei der Swisscom. Im Zuge einer Reorganisation wurde der bisherige Leiter des Grosskundengeschäfts zum offiziellen Stellvertreter von Carsten Schloter – er rückte in eine Position, die es bislang nicht gegeben hatte. Gleichzeitig übernahm er von Schloter die Leitung von Swisscom Schweiz, dem Kerngeschäft, das 85 Prozent des operativen Gewinns abliefert. Mit dem unerwarteten Tod des bisherigen Konzernchefs ist Schaeppi nun zur Nummer eins avanciert. Er übernimmt interimistisch Schloters Funktion.

Auf dem Papier ist Schaeppi damit innert weniger Monate vom Bereichsleiter zum Konzernchef ad interim aufgestiegen. Vom Verantwortlichen über 1,8 Milliarden Franken Umsatz und 2400 Mitarbeitende zum Chef eines Konzerns mit 11,4 Milliarden Umsatz und 20'000 Mitarbeitenden. Ganz so hart dürfte der Schnitt allerdings nicht gewesen sein. Als Carsten Schloter die kriselnde Tochtergesellschaft Fastweb in Italien Anfang 2010 zur Chefsache erklärte und die Leitung vorübergehend übernahm, delegierte er die Verantwortung für das Schweiz-Geschäft an Schaeppi – ohne dass das so kommuniziert worden wäre. Obwohl Schloter Ende 2010 einen neuen Fastweb-Chef einsetzte, wurde Schaeppi zumindest in Teilen der Branche weiterhin als Schweiz-Chef wahrgenommen.

Gemeinsame Karriere

Dass Schloter diese Aufgaben Schaeppi anvertraute, kommt nicht von ungefähr. Die beiden kannten sich, seit Schloter 2001 zur Swisscom gestossen war. Schaeppi war damals bereits drei Jahre dort – er war mit dem Börsengang 1998 zum Telecomkonzern gekommen. Schaeppi arbeitete danach jahrelang unter Schloter in der Mobilfunksparte. Und als Schloter zum Konzernchef befördert wurde, machte auch Schaeppi einen Karrieresprung und zog als Verantwortlicher für Geschäftskunden in die Konzernleitung ein.

Schaeppi gehörte zudem zusammen mit Finanzchef Mario Rossi zum Dreiergrüppchen um Schloter, das bei der Patrouille des Glaciers mitmachte – einem Skitouren-Marathon unter extremen Bedingungen. «Eine Schnapsidee» nannte Schloter das Vorhaben im Nachhinein, weil keiner der drei zuvor je auf Tourenski gestanden habe. Allerdings ist Schaeppi früher Skirennen gefahren – für den Schweizerischen Akademischen Skiclub nahm er als Student an zahlreichen Hochschulmeisterschaften teil und qualifizierte sich 1987 für die Universiade – die Olympiade der Studenten.

Schaeppi ist in der Öffentlichkeit kaum bekannt. Er hat die Aufmerksamkeit nicht gesucht, wirkt auf einer Bühne oder vor der Kamera schnell etwas unbeholfen. Interviews gab er bislang vor allem in Branchenzeitschriften. All jene, die den Berner im täglichen Geschäft erleben, finden nur lobende Worte: Ein geselliger Typ, bodenständig, erfahren, konstruktiv und angenehm im Umgang. Jemand, der auch in hektischen Situationen Ruhe bewahrt, fachlich kompetent und innovativ ist.

Es gibt keinen Zeitdruck

Ob das reicht, um den Job an der Spitze auf Dauer zu behalten, ist in der Branche umstritten. Obwohl ihm niemand die Fähigkeit und das strategische Talent abspricht, den Konzern erfolgreich zu lenken, gibt es Stimmen, laut denen ihm das gewisse Etwas fehlt – die Ausstrahlung, die eine Figur wie Carsten Schloter ausmachte. Allerdings spielte auch Schloters Vorgänger kommunikativ in einer anderen Liga: Jens Alder galt wie Schaeppi eher als guter Typ denn als charismatische Führungspersönlichkeit. Viel wichtiger dürfte daher sein, wie gut Scha‌eppi mit Verwaltungsratspräsident Hansueli Loosli harmoniert. Anders als seine Vorgänger gibt sich der frühere Coop-Chef nicht mit der eher passiven Auslegung des Amtes zufrieden, wie sie bei der Swisscom bis anhin üblich war.

In einem Punkt sind sich alle einig: Es besteht kein Grund zur Eile. Bis auf weiteres ist die Swisscom bei Urs Schaeppi in besten Händen. Es stehen auch keine wichtigen Weichenstellungen an, es gibt keine grösseren Baustellen. Der Verwaltungsrat muss sich nach Schloters Tod also nicht sofort mit der definitiven Nachfolge befassen. Denn, wie Hansueli Loosli in einer Videobotschaft an die Mitarbeitenden sagt: «Wir alle werden Zeit brauchen, mit dieser Nachricht umzugehen.»

Erstellt: 25.07.2013, 12:40 Uhr

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