Schweiz hätte genug eigenen Lehrlings-Nachwuchs

Der Bund will im Ausland Jugendliche holen, um offene Lehrstellen zu besetzen. Das Problem ist allerdings nicht ein Mangel, sondern die falsche Strategie der Lehrfirmen. Was läuft hier eigentlich schief?

Auch bei den Metzgern und in der Landwirtschaft braucht es ständig junge Berufsleute.

Auch bei den Metzgern und in der Landwirtschaft braucht es ständig junge Berufsleute. Bild: Steffen Schmidt/Keystone

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Das Lehrstellenbarometer zeigt es: In der Schweiz ist das Angebot an Lehrstellen höher als die Nachfrage. Am offiziellen Stichtag im April waren 81'500 Stellen gemeldet – bei nur 78'000 interessierten Jugendlichen. Den Angebotsüberschuss möchte das Staatssekretariat für Bildung und Forschung mit arbeitslosen Jugendlichen aus der EU decken. Damit könne nicht nur die horrende Jugendarbeitslosigkeit in Europa gemildert, sondern auch das Erfolgsmodell der Schweizer Berufsbildung im Ausland bekannt gemacht werden.

Nun zeigt eine am Montag veröffentlichte Studie von Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm vom Institut für Bildungsfragen in Bern, dass es in der Schweiz nicht nur an qualifizierten Bewerberinnen und Bewerbern mangelt, wie die Wirtschaft häufig beklagt, sondern dass viele Betriebe auf der Lehrlingssuche falsche Strategien wählen. Stamm hat in der Studie nach ihrer Befragung von Lehrfirmen Faktoren der erfolgreichen Lehrlingssuche definiert. Gut ist demnach, wenn die Firmen kontinuierlich die gleiche Anzahl von Lehrstellen bieten. Wichtig ist auch eine gute Informationspolitik, etwa die Präsenz an Berufsmessen und die enge Zusammenarbeit mit Schulen. Auch Betriebspraktika und Informationstage haben einen positiven Effekt.

Erstaunlicherweise sind jene Firmen erfolgreicher, die ihre Suche nicht so sehr auf Schulnoten und gute Leistungen in Multi- oder Basic-Checks abstützen, dafür das ausserschulische Engagement der Bewerber höher gewichten.

Migranten mit hohem Potenzial

Stamm schreibt dazu: «Wer stark oder ausschliesslich auf das Niveau des Schulabschlusses setzt, schränkt den Kreis potenziell guter Bewerberinnen und Bewerber stark ein und nutzt das Potenzial in keiner Art und Weise aus.» Weil immer mehr Jugendliche ans Gymi drängen und die Zahl der Schulabgänger grundsätzlich sinkt, interessieren sich für die Lehrstellen häufig nur noch Jugendliche mit mässigen Schulnoten und nicht geradlinigen Schullaufbahnen.

Stamm erinnert aber daran, dass für den Erfolg in der Lehre Persönlichkeitsmerkmale entscheidend sind, die nicht in Noten gemessen werden: Motivation, Stressresistenz und Frustrationstoleranz. Heute finden Tausende von schlechten Schülern keine Stelle und machen in einem teuren Brückenangebot eine schulische Ehrenrunde, obwohl sie ein latent hohes Potenzial mitbrächten. Gemäss der Studie sind Firmen, die auch Realschüler als Bewerber zulassen, erfolgreicher in der Lehrlingssuche.

Tipps für Problembranchen

Ein besonders Augenmerk müssten Lehrfirmen auf die Migranten haben. Sie werden in der Schule erwiesenermassen benachteiligt. Darum gibt es unter ihnen besonders viele mit hohem intellektuellem Potenzial. Stamm empfiehlt darum den Lehrfirmen ausdrücklich, die «Begabungsreserven in der ausländischen Bevölkerung» besser auszuschöpfen. In einer früheren Studie aus dem Jahr 2009 hat sie zudem festgestellt, dass Migrantinnen und Migranten selbstbewusster, zäher und erfolgshungriger sind als einheimische Jugendliche.

Bekanntlich sind nicht alle Branchen gleich betroffen vom Lehrlingsmangel (Grafik). Stamm empfiehlt besonders Bau- oder Technikfirmen, ihre Strategien zu überdenken. So sollen etwa für technische Berufe vermehrt Frauen gesucht werden. Weiter sei es falsch, nur in der Umgebung des Firmenstandortes zu rekrutieren. Firmen, die Stellen in wenig attraktiven Berufen bieten, empfiehlt Stamm, interessante Jugendliche direkt zu kontaktieren und ihnen spezielle Angebote, wie Zusatzqualifikationen im Ausland, zu machen.

Erstellt: 21.08.2013, 07:00 Uhr

«Das ist ein Schnellschuss»

Margrit Stamm, Leiterin des Instituts für Bildungsfragen in Bern und Gastprofessorin an Universitäten im In- und Ausland, im Interview. (Bild: PD)

Der Bund plant, arbeitslosen jungen Ausländern in der Schweiz Lehrstellen anzubieten. Ist das eine gute Nachricht für unsere Firmen?
Aus meiner Sicht ist das ein Schnellschuss, der der Berufsbildung schaden könnte. Man hat in den letzten Jahren versucht, die Qualität der Lehre zu verbessern. Ausländische Jugendliche haben nicht unsere Schulen durchlaufen, können unsere Sprache nicht. Das würde die Berufsschulen und das ganze System vor neue und grosse Probleme stellen.

Sie sagen Schnellschuss, aber wir haben auch zu viele Lehrstellen, die nicht besetzt werden können.
Wir tun so, wie wenn wir das mit dem Import von ausländischen Jugendlichen lösen könnten. Das ist meines Erachtens unmöglich. Etwas anderes wäre es, wenn man Fachpersonal aus dem Ausland holen würde, das bei uns fehlt. Das macht wirtschaftlich Sinn.

Wie würden Sie denn das Problem des Lehrstellenüberschusses lösen?
Die Firmen müssten nicht nur nach guten Schülern suchen, sie müssten vor allem den vielen Jugendlichen mit einem Migrationshintergrund bessere Chancen geben.

Der Bund will mit seinem Projekt die Jugendarbeitslosigkeit in der EU bekämpfen. Macht das Sinn?
Das finde ich löblich. Das passt gut zur Schweiz. Doch dieses Engagement müsste in diesen Ländern selber stattfinden. Die Schweiz müsste helfen, die berufliche Grundbildung in Spanien oder in Portugal auf Vordermann zu bringen.

Wie könnte man das machen?
Schweizer Firmen müssten in diesen Ländern Jugendliche ausbilden, wie das zum Beispiel der Uzwiler Technologiekonzern Bühler macht. Und die Schweiz müsste ihr Berufsbildungssystem im Ausland besser bekannt machen.

Man könnte das Problem des Stellenüberschusses auch lösen, indem man Stellen streicht.
Das ist die grosse Befürchtung. Das würde garantiert wieder zu Engpässen führen. Zudem würden sich die Firmen ins eigene Fleisch schneiden, weil dadurch der Mangel an Fachkräften noch verstärkt würde.

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