Schweiz-Chef von Huawei wehrt sich gegen Spionage-Vorwurf

Der chinesische Telecomriese Huawei steht in den USA unter Spionageverdacht. Das bleibt nicht ohne Folgen für den Schweizer Ländersitz in Bern.

Im Glashaus: Felix Kamer, Verkaufschef von Huawei Schweiz, wehrt sich gegen die Spionagevorwürfe aus den USA.

Im Glashaus: Felix Kamer, Verkaufschef von Huawei Schweiz, wehrt sich gegen die Spionagevorwürfe aus den USA. Bild: Susanne Keller

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Der Geheimdienstausschuss des US-Repräsentantenhauses warnt in einem Bericht vor Sicherheitsrisiken durch Produkte der chinesischen Telecomanbieter Huawei und ZTE. Diese sollen eigene Netzteile für Spionageaktivitäten in den USA missbrauchen (diese Zeitung berichtete). Die Amerikaner raten deshalb Firmen und Behörden davon ab, mit den Chinesen ins Geschäft zu kommen.

Der Bericht sorgt bei der Schweizer Ländergesellschaft von Huawei in Liebefeld bei Bern für Befremden: «Das ist ein komisches Rechtsverständnis», sagt Verkaufschef Felix Kamer. «Da listet ein Komitee Vorwürfe ohne Beweise auf, und der Verdächtige muss seine Unschuld beweisen. In einem Rechtsstaat muss normalerweise der Ankläger die Schuld des Verdächtigen beweisen.» Die Frage sei deshalb, wem diese Vorwürfe nützten.

Sie nützen den US-Konkurrenten Cisco, Juniper und Hewlett-Packard. Die «Washington Post» berichtet von erhöhten Lobbyingaktivitäten von Telecomausrüstern gegen Huawei bei Kongressabgeordneten und zitiert aus einem Marketingdokument von Cisco. Damit versuche das Unternehmen, bei amerikanischen Huawei-Kunden Sicherheitsbedenken zu schüren. An diesen Spekulation will sich Kamer nicht beteiligen: «Es ist unsere Politik, dass sich Huawei öffentlich nicht schlecht über Mitbewerber äussert. Ich kann nur sagen: Wir spionieren nicht. Würden wir das tun, und es käme raus, wäre das ja der Todesstoss für das Unternehmen.»

Trotzdem gibt es nach der Publikation des Sicherheitsberichts in der Schweiz Erklärungsbedarf. Nicht unbedingt bei den Grosskunden wie Swisscom und Sunrise, wie Kamer erklärt: «Mit diesen Kunden stehen wir in engem Kontakt. Sie können die Situation einschätzen und wissen, dass die Spionagevorwürfe nicht haltbar sind.» «Mehraufwand», wie es Kamer nennt, habe es bei den Firmenkunden gegeben. Ihnen bietet Huawei etwa Rechenzentren und Netzwerke an. Das dritte Standbein sind Produkte für Privatkunden: Sunrise, Swisscom und Mobilezone verkaufen Smartphones von Huawei.

Seit 2009 in Bern

Die Schweizer Ländergesellschaft hat sich im Jahr 2009 im Kanton Bern niedergelassen. Der Geschäftsplan sah damals vor, bis ins Jahr 2012 knapp 50 Mitarbeiter zu beschäftigen. Diese Zahl hat die Firma verfehlt – im positiven Sinne. Derzeit arbeiten rund 500 Beschäftigte aus 21 Nationen für die Huawei Technologies Switzerland AG, davon 400 bei der Zweigstelle in Zürich. Es gebe derzeit keine Pläne, den Hauptsitz nach Zürich zu verlagern, sagt Kamer.

Das rasante Wachstum hat einen einfachen Grund: Huawei hat sich Aufträge der grossen Schweizer Netzbetreiber sichern können. Ein solcher Auftrag kann durchaus ein Volumen im dreistelligen Millionen-Franken-Bereich erreichen.

Aufträge von Swisscom und Sunrise

Für die Swisscom baut Huawei das Transportnetzwerk, das heisst die Verbindung zwischen den Verteilzentralen. Zudem hat der blaue Riese den chinesischen Konzern damit beauftragt, die Haushalte an die schnellen Glasfaserleitungen anzuschliessen. Huawei will nahe beim Kunden sein und hat deswegen den Hauptsitz gegenüber einem Geschäftsgebäude von Swisscom bezogen.

Sunrise hat Huawei als Technologiepartner für die kommenden fünf Jahre gewählt. Der Anbieter will sein Mobilfunknetz mithilfe des chinesischen Herstellers umbauen und betreiben. Dazu übernimmt Huawei bis zu 200 Mitarbeiter der Firma Alcatel-Lucent, die sich bisher um den Netzausbau von Sunrise kümmerte.

Spezialisten in Indien und China

Wie Insider dieser Zeitung berichten, holt Huawei in der Schweiz Marktanteile auf Kosten der Konkurrenten Nokia Siemens und Alcatel-Lucent. Diese Unternehmen seien aus Fusionen entstanden und hätten seither an Schlagkraft verloren. Hingegen sei Ericsson weiterhin ein starker Mitbewerber.

Den Erfolg von Huawei erklärt Verkaufschef Kamer mit der Qualität der Produkte und den wettbewerbsfähigen Preisen. Möglich macht dies die unglaubliche Zahl von 62000 Ingenieuren, auf die Huawei ständig zugreifen kann. Der grösste Teil der Spezialisten arbeitet von Indien und China aus.

Chinesische Arbeitskultur

Doch auch die Firmenkultur von Huawei macht Kamer für das schnelle Wachstum verantwortlich. «Streben» sei einer der Werte, der für die Mitarbeiter gelte. «Gemeint ist damit, dass der Mitarbeiter dem Kunden das Beste bringen muss. Der Kundenwunsch ist Befehl», sagt Kamer. Er habe eine derartige Kundenorientierung in seiner Laufbahn noch nie erlebt, fügt der ehemalige Swisscom-Manager an.

Der chinesische Einfluss macht sich am Schweizer Sitz auch an anderen Orten bemerkbar. In der Kantine gibt es täglich chinesisches Essen. Die Firmensprache ist Englisch und Chinesisch, von Kamer scherzhaft «Chinglisch» genannt. Hinweise an die Mitarbeiter sind in beiden Sprachen angeschlagen. Sogar die Visitenkarten sind beidseitig bedruckt – chinesisch auf der einen Seite und englisch auf der anderen.

Erstellt: 25.10.2012, 10:53 Uhr

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