Schweizer Bähnler im österreichischen Kreuzfeuer

Der ehemalige SBB-Manager Paul Blumenthal ist gleichzeitig Verwaltungsrat und Auftragnehmer der ÖBB.

Ist wegen seiner Doppelrolle in die Kritik geraten: Paul Blumenthal.

Ist wegen seiner Doppelrolle in die Kritik geraten: Paul Blumenthal. Bild: Béatrice Devènes

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An die hundert Millionen Euro gaben die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) in den vergangenen Jahren für externe Berater aus. «Steuerberater, Wirtschaftsprüfer, Professoren und Lobbyisten haben davon profitiert – nur die Kunden nicht», kritisierte der neue ÖBB-Chef Christian Kern in einem Zeitungsinterview. Bis 2013 will Kern die maroden ÖBB in die schwarzen Zahlen führen und dafür unter anderem Nebenbahnen schliessen – und die Beraterkosten radikal senken.

Nun muss aber auch Christian Kern einen Auftrag erklären. Und der ging ausgerechnet an ein Mitglied des Verwaltungsrates. Der Schweizer Paul Blumenthal sei mit einem «üppigen Beratervertrag ausgestattet worden», melden österreichische Zeitungen: Er kassiere 150'000 Euro für sein Expertenwissen. Blumenthal widerspricht: Es gebe nur einen Rahmenvertrag über ein Jahr, durch den die ÖBB «ein definiertes Mass an Leistungen abrufen können und nur diese bezahlen: Das Auslastungsrisiko trage ich allein.»

«Unhaltbarer Zustand»

Blumenthal war bis 2009 Leiter des Personenverkehrs bei den SBB und Mitglied der Konzernleitung, heute hat er eine Consultingfirma. Anfang des Jahres wurde er von Österreichs Verkehrsministerin Doris Bures (SPÖ) in mehrere Verwaltungsräte der ÖBB geholt. Der Koalitionspartner ÖVP betrachtete die Bestellung als Provokation: Wie in allen staatlichen oder staatsnahen Betrieben werden in den ÖBB Management- und Kontrollposten zwischen den beiden Regierungsparteien aufgeteilt. Die ÖVP meldete Anspruch auf die freie Stelle im Verwaltungsrat, die rote Verkehrsministerin berief jedoch den Schweizer Bahnexperten.

Die Konservativen rächen sich seither mit Angriffen auf die Bähnler und ihre angeblichen Privilegien. ÖVP-Verkehrssprecher Ferdinand Maier kritisiert Blumenthals Beratervertrag als «unhaltbaren Zustand» im «roten ÖBB-Sumpf»: Bahnchef Kern müsse sofort eingreifen.

Ähnlicher Fall war ein Skandal

Die SPÖ tut sich nicht leicht damit, Blumenthal zu verteidigen, denn 2004 griff sie aus ähnlichen Gründen den ÖVP-nahen Verwaltungsrat Fredmund Malik an. Malik, der ein Managementzentrum in St. Gallen leitet, führte auch Schulungen für die ÖBB durch und soll dafür rund eine Million Euro kassiert haben. SPÖ-Geschäftsführer Günther Kräuter meinte damals, dass sich Verwaltungsräte grundsätzlich von Beratermandaten fernhalten sollten.

Dazu stehe er auch heute, sagt Kräuter zum «Tages-Anzeiger»: Blumenthal solle vom Beraterauftrag zurücktreten. Die Pressesprecherin der ÖBB beantwortete die Anfrage des TA nicht.

Blumenthal kann den Vorwurf der Interessenkollision nicht nachvollziehen. Seine Beratung betreffe operative Themen wie die Optimierung des Callcenters oder Verbesserungen am «Railjet». Das seien keine Themen für den Verwaltungsrat, meint Blumenthal: «Im Übrigen wurden genau diese Fragen bei meiner Bestellung juristisch geprüft und für unbedenklich erklärt.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.09.2010, 22:36 Uhr

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