Schweizer Firmen profitieren von umstrittenen Organspenden

Trotz Kontroverse um unethisch gewonnene Spenderorgane arbeitet Novartis neu mit einem chinesischen Transplantationszentrum zusammen. Für Amnesty Schweiz wirft dies Fragen auf.

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Der Schweizer Pharmakonzern Novartis engagiert sich auf neue Weise in der chinesischen Transplantationsmedizin. Wie Firmensprecher Patrick Barth gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet bestätigt, hat Novartis im März dieses Jahres eine Zusammenarbeit mit der Transplantationsabteilung des First Affiliated Hospital der Universität Guang­zhou Zhongshan begonnen. «Ziel unseres Engagements ist es, führenden Transplantationszentren dabei zu helfen, die medizinischen Behandlungsstandards zu verbessern.»

Zu verbessern gibt es einiges. Wer in China Transplantationsmedizin betreibt, muss damit rechnen, es mit den Organen exekutierter Häftlinge zu tun zu bekommen. Zwar hat die chinesische Regierung zu Jahresbeginn versprochen, nur noch freiwillig erfolgte «Bürgerspenden» zu verwenden und die Ausweidung von Hingerichteten einzustellen. Doch Menschenrechtler und Mediziner glauben nicht an eine wesentliche Praxisänderung. «Hier handelt es sich um eine PR-Kampagne, die naive Westler einlullen soll», sagte etwa der ehemalige kanadische Staatssekretär David Kilgour kürzlich an einer Fachtagung in Bern. Künftig würden Gefangene in China eben als Freiwillige geführt. Die Herkunft der Organe bleibe problematisch.

Der chinesische Markt ist für Novartis wichtig. Für Amnesty Schweiz wirft das Projekt Fragen auf. «Bei solchen Kooperationen gilt: Pharmakonzerne müssen mit besonderer Sorgfalt handeln», sagt Danièle Gosteli, die Verantwortliche für Wirtschaft und Menschenrechte. Nur über klar eingeforderte Garantien könnten in China tätige Firmen sicherstellen, dass die Organe aus ethisch vertretbarer Quelle stammten.

Schmähpreis für Roche

Ob Novartis solche Garantien hat, ist unklar. Auf die Herkunft der Spenderorgane angesprochen, teilt der Konzern lediglich mit, man lege grossen Wert auf die Förderung von «Dialog und Ausbildung»: «Gemeinsam mit lokalen Behörden und internationalen Organisationen arbeiten wir daran, die Versorgung mit Organen zu verbessern und gleichzeitig die internationalen ethischen Standards zu erfüllen.» Wie erfolgreich diese Bemühungen sind, bleibt offen.

China führt nach den USA die meisten Organverpflanzungen weltweit durch; etwa 10'000 sollen es sein pro Jahr. Mehrere internationale Firmen sind dort im Transplantationsbereich tätig, auch weil die Nachfrage nach entsprechenden Medikamenten zunimmt.

Amnesty Schweiz wünscht sich von den internationalen Pharmafirmen mehr Druck auf China. Besonders kritisch sei die Situation bei klinischen Tests. Hier müssten die Firmen in der Lage sein, die Herkunft der verwendeten Organe nachzuweisen, sagt Gosteli. Die Firma Roche hatte vor fünf Jahren einen Schmähpreis für ihre Arbeit in China erhalten. Sie hatte ein Medikament für Organspendeempfänger ge­testet und sich dabei nach Meinung der Jury zu wenig um die Herkunft der Organe gekümmert.

Erstellt: 07.05.2015, 00:08 Uhr

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