Schweizer Greenpeace-Spender wollen wissen, wo ihr Geld ist

Nach dem Verlust von Millionen Spendengeldern durch Währungsspekulationen bei Greenpeace sind Spender verunsichert. Der Schweizer Ableger der Organisation gibt Auskunft.

Greenpeace hat einen grossen Imageschaden erlitten: Protest gegen ein geplantes Kohlekraftwerk in Ashqelon, Israel. Foto: Reuters

Greenpeace hat einen grossen Imageschaden erlitten: Protest gegen ein geplantes Kohlekraftwerk in Ashqelon, Israel. Foto: Reuters

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Beim Sitz von Greenpeace Schweiz in Zürich laufen die Drähte heiss. Mitglieder und Spender wollen wissen, was mit ihrem Geld passiert ist. Ausgelöst hat ihre Besorgnis die Nachricht, dass Greenpeace International (GPI) mit Sitz in Amsterdam bei Währungsspekulationen Spendeneinnahmen in der Höhe von 3,8 Millionen Euro verloren hat. Der Verantwortliche, ein Mitarbeiter der Finanzabteilung, wurde entlassen. Wie es genau zu diesem Verlust kommen konnte, war bis dato erst in Umrissen bekannt. Mittlerweile hat das Bild an Schärfe gewonnen.

Greenpeace International regelt den Zahlungsverkehr zwischen den 40 nationalen und regionalen Büros der Umweltschutzorganisation. Länderbüros wie jenes in der Schweiz finanzieren die Kampagnen von Greenpeace-Ablegern in anderen Ländern mit und überweisen deshalb jährlich einen Beitrag an GPI; von dort fliessen die Mittel weiter an kleinere Büros. Dabei können Wechselkursschwankungen zu Gewinnen oder zu Verlusten führen. Beides sei in den vergangenen Jahren immer wieder vorgekommen, sagt Christian Bussau von Greenpeace Deutschland, der gestern im Namen von GPI Anfragen aus dem deutschsprachigen Raum beantwortete. «GPI hat das Risiko getragen und es auch ausgehalten, wenn es zu Verlusten gekommen ist.» Diese hätten sich jedoch höchstens im sechsstelligen Bereich bewegt und seien über einen längeren Zeitraum durch entstandene Gewinne aufgewogen worden.

Firma hat «korrekt gehandelt»

Die Besonderheit des aktuellen Falls: Ein Mitarbeiter der Finanzabteilung bei GPI hatte laut Bussau «eigenmächtig und unautorisiert» eine externe Firma beauftragt, die Organisation gegen Währungsverluste abzusichern – mit sogenannten Termingeschäften. Die Firma kaufte auf seinen Geheiss an festen Terminen zu festen Kursen gewisse Währungen ein. Die Firma habe korrekt gehandelt, weil sie sich strikt an die Anweisungen des Mitarbeiters gehalten habe, sagt Bussau. Doch diese Anweisungen hätten sich im Nachhinein als falsch entpuppt, weil der Mitarbeiter auf sinkende Eurokurse gesetzt habe. Doch der Eurokurs stieg. Um welche Firma es sich handelt, sagt Bussau nicht. Auch zum Mitarbeiter gibt er keine näheren Informationen preis. Nur so viel: «Der Mitarbeiter wollte für GPI das Beste herausholen.» Doch sei die Sache leider schiefgelaufen. Greenpeace bedauere das ausserordentlich.

Schönreden will bei der Umweltorganisation den Vorfall niemand: «Das Kontrollsystem bei GPI hat versagt», sagt Bussau. Solche Geschäfte seien nicht vorgesehen. Ob GPI über ein entsprechendes Reglement verfügt, das solche Aktionen explizit ausschliesst, konnte er nicht sagen.

Gravierender Verlust

Sicher ist dagegen: Der Vorstand von GPI hat inzwischen eine unabhängige Prüfung eingeleitet – mit dem Ziel, das Kontrollsystem zu verbessern. Das verzockte Geld war für jene Länder­organisationen bestimmt, die sich noch im Aufbau befinden. Der Verlust sei gravierend, aber nicht existenzbedrohend, heisst es bei Greenpeace. GPI verzeichnete laut dem Jahresbericht 2012 Einnahmen von 270 Millionen Euro.

Spendengelder aus der Schweiz sind vom Fall nicht tangiert, wie es bei der Pressestelle in Zürich heisst. Zwar überweist Greenpeace Schweiz jährlich einen neu auszuhandelnden Anteil seiner Einnahmen an die Zentrale in Holland; letztes Jahr waren es laut Sprecherin Lilla Lukacs rund 8 Millionen Franken, dies bei Spendeneinnahmen in der Höhe von circa 28 Millionen Franken. Allerdings werde dieser Betrag stiftungskonform verwendet: für internationale Kampagnen und den Aufbau von anderen Länderbüros sowie für allgemein Support-Aufgaben der weltweiten Organisation. Dies sei so vertraglich fixiert, sagt Lukacs. Greenpeace International lege in einem Finanzreport zuhanden der Länderorganisationen quartalsweise Rechenschaft über die Verwendung der Gelder ab.

Nur Festgeldkonti in der Schweiz

Greenpeace Schweiz selber tätigt laut Lukacs keine Währungsgeschäfte. Dies sei nicht nötig, weil die Organisation ihre Beträge an die Zentrale in Holland in Franken überweise. Jenes Geld, das Greenpeace Schweiz nicht für seine laufenden Ausgaben verwendet, lagert die Organisation gemäss eigenen Angaben grösstenteils bei der Zürcher Kantonalbank und Postfinance, daneben verfügt sie über kleinere Konten bei der Alternativen Bank, bei der Bank J. Safra Sarasin, bei der UBS und bei der Credit Suisse. Greenpeace Schweiz lege aber keine Gelder in Wertpapiere an, nur in Festgeldkonti, und investiere nicht in Finanzinstrumente, das betreffe auch die Reserven in der Höhe von 6 Millionen Franken, sagt Lukacs. «Wir haben eine restriktive Spenden- und Anlage-Policy.»

Schwerer als der materielle Schaden könnte ein etwaiger Imageverlust wiegen. In der öffentlichen Wahrnehmung ist Greenpeace eine einzige grosse Organisation. Sprecher Bussau räumt denn auch ein, es bestehe derzeit grosser Kommunikationsbedarf. Er sei aber zuversichtlich, dass die Mitglieder und Spender den Vorfall differenziert betrachten würden.

Erstellt: 16.06.2014, 23:48 Uhr

Schweizer Spendengelder und die Finanzmärkte

Wie ein Börsencrash die Hilfswerke vorsichtiger machte

Die Schweiz hatte ihren Greenpeace-Moment vor fast genau 11 Jahren: Am 19. Juli 2003 machte der TA bekannt, dass sich die Berghilfe verspekuliert hatte. Im Jahr zuvor hatte sie an der Börse genauso viel verloren, wie sie an Spendengeldern eingenommen hatte: gut 8 Millionen Franken. Und nicht zum ersten Mal: 2001 war es offenbar schon einmal so viel gewesen. Der Geschäftsführer musste nach 22 Jahren an der Spitze seinen Job räumen. Seine Frau, ebenfalls bei der Berghilfe angestellt, wurde fristlos entlassen. Die Verwaltung des Stiftungsvermögens von rund 100 Millionen musste neu organisiert werden.

Der Fall lenkte den Fokus auf eine ganze Reihe anderer Hilfswerke, die während des Börsencrashs ebenfalls Geld verloren hatten – und löste eine für die Hilfswerke unangenehme Debatte aus. «Mit dem Platzen der Internetblase wurde ihnen erst richtig bewusst, was für ein Reputationsrisiko sie eingegangen waren», sagt Hansruedi Scherer, Partner bei PPC Metrics, die Hilfswerke bei der Vermögensverwaltung berät. «Wer will schon einer Organisation spenden, die das Geld an der Börse verliert.» Für ihn war die Entwicklung durchaus positiv: Seither wächst die Zahl seiner Kunden.

Anlagereglement «empfohlen»

Heute kommen spekulative Geschäfte nicht mehr infrage: «Die meisten Hilfswerke investieren deutlich zurückhaltender als Pensionskassen», sagt Scherer. Allerdings sind die Hilfswerke bis heute frei darin, wie sie ihr Vermögen anlegen wollen – ganz im Gegensatz zu den Vorsorgeinstituten, für die strenge Vorschriften gelten.

Nicht einmal die Organisation Zewo, die Hilfswerke zertifiziert, kennt Anlagestandards, bestätigt Geschäftsführerin Martina Ziegerer. «Die Zewo gibt keine Anlagestrategie vor, wir stellen aber fest, dass Hilfswerke generell eine konservative Anlagepolitik verfolgen.» Dass die Zewo kaum inhaltliche Kriterien kenne, was das Anlegen der Vermögen betreffe, habe damit zu tun, dass Liquiditätsbedarf, Risikofähigkeit und Anlagevolumen der Organisationen sehr unterschiedlich seien. «Die Hälfte der Hilfswerke verfügt über Organisationskapital, das für weniger als sechs Monate ausreicht», sagt Ziegerer. «Administrative Kosten hingegen fallen bei allen Hilfswerken an, darum sind die Vorgaben dort sehr detailliert.»

Nicht einmal ein Anlagereglement, das transparent macht, nach welchen Grundsätzen ein Hilfswerk investiert, ist bei der Zewo obligatorisch. «Aber ab einem Vermögen von 2 Millionen Franken empfehlen wir es den Hilfswerken. In der Regel kommen sie dieser Aufforderung nach», sagt Ziegerer.

Die Stiftungsaufsicht des Kantons Zürich ist da deutlich strenger. Sie erachtet ein Anlagereglement bereits ab einer Million Franken Vermögen als sinnvoll, wie ihr Direktor Roger Tischhauser sagt. Ist die Anlagestrategie einer Stiftung aggressiver als bei der beruflichen Vorsorge erlaubt, wird die Aufsicht zudem von sich aus aktiv: «In diesem Fall fordern wir die Stiftung auf, ihr Anlagereglement zur Prüfung einzureichen.»

Stellt sich die Frage: Könnte es einen Fall Greenpeace auch in der Schweiz geben? «Verfehlungen kann man auch mit strengen Regeln nie ganz ausschliessen», sagt der Direktor der Stiftungsaufsicht. «Mir ist aber im Kanton Zürich kein solcher Fall bekannt.» Und auch Scherer von PPC Metrics winkt ab. «Die vielen Ex-Politiker und Ex-Banker, die in den Stiftungsräten der grossen Stiftungen sitzen, haben das Niveau bei den Hilfswerken auf dasjenige der beruflichen Vorsorge angehoben.»

Ogi liess es von Banker richten

Bestes Beispiel dafür ist die Berghilfe: Nachdem Alt-Bundesrat Adolf Ogi die Misere als Stiftungspräsident erkannt hatte, holte er den ehemaligen Credit-Suisse-Banker Klaus Jenny ins Boot – weil man «nicht länger 100 Millionen Franken mit der linken Hand verwalten» konnte, wie Ogi damals sagte. Heute gilt die Berghilfe wieder als vorbildliche Organisation. Angela Barandun

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