Schweizer Pharma umgarnt US-Ärzte mit Millionen

Vom Sandwich bis zum Beratungshonorar: In den USA müssen Pharmahersteller neu offenlegen, welche Beiträge sie Ärzten und Spitälern zukommen lassen – auch Novartis und Roche.

Kundenpflege nach amerikanischer Art: Der Pharmakonzern Novartis hat US-Ärzte mit Einladungen in Hooters-Restaurants belohnt.

Kundenpflege nach amerikanischer Art: Der Pharmakonzern Novartis hat US-Ärzte mit Einladungen in Hooters-Restaurants belohnt. Bild: Wikimedia Commons

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Am 10. Dezember 2013 spendierte ein Vertreter von Roche der Ärztin Edith Perez aus Jacksonville in Florida Essen und Getränke im Wert von 13.43 Dollar. Das reichte vielleicht für ein Sandwich, einen Softdrink und einen Donut – ein kleiner Fall. Es ist in den USA bei Vertretern von Pharmafirmen gängige Praxis, den Arzt über Mittag zu besuchen und ihm die Verkaufspräsentation mit einem mitgebrachten Essen zu versüssen.

Eine neue Datenbank der US-Regierung listet akribisch auf, was die Pharmakonzerne für das Marketing bei Ärzten und Spitälern ausgeben. Auch die beiden Schweizer Schwergewichte Novartis und Roche sind in den USA aktiv und müssen nun jeden Dollar und Cent ausweisen, den sie dort zu diesem Zweck ausgeben.

Besser als die Ärztin aus Florida assen wohl die beiden texanischen Fachärzte Armando Correa und Javier Murillo: Novartis lud sie am 12. November 2013 in ein Restaurant ein und bezahlte dafür je 825 Dollar. Es ist die teuerste Bewirtung, die Novartis im Zeitraum, den die Datenbank abdeckt (August bis Dezember 2013), bezahlt hat. Tiefer in die Tasche greifen die beiden Pharmariesen vom Rhein, wenn es um Reise- und Beherbergungsspesen oder Vortrags- und Beratungshonorare sowie um Forschungsbeiträge geht.

164'000 Zahlungen von Novartis

Zwischen Geschenken und Korruption gibt es keine klare Trennlinie. Ein hübsches Präsent, eine Einladung zum Essen oder ein Wochenende am Strand mit der ganzen Familie: Einkäufer aller Branchen werden von den Lieferanten umgarnt.

Novartis bezahlte die höchste «Consulting Fee» von 22'200 Dollar an den kalifornischen Spezialarzt Steven Black. Insgesamt erhielt dieser für seine fünf Beratungsmandate sowie für Flug- und Hotelauslagen 80'000 Dollar vom Unternehmen. Roche bezahlte der in Miami tätigen Medizinprofessorin Alessia Fornoni gar ein Beratungshonorar von 157'000 Dollar. Insgesamt gab Roche im dokumentierten Zeitraum von fünf Monaten 92,9 Millionen Dollar aus, verteilt auf 57'000 Zahlungen. Der Grossteil davon geht aufs Konto der US-Tochter Genentech. Sprecherin Claudia Schmitt hält fest, dass sich «etwa 85 Prozent unserer gesamten geleisteten Zahlungen in den USA auf Forschung und Entwicklung von neuen und bestehenden Medikamenten beziehen».

Bei Konkurrentin Novartis waren es im gleichen Zeitraum gar über 164'000 Zahlungen und total 86,4 Millionen Dollar. Der Konzern betont, dass die Beratungsleistungen der Ärzte nötig seien, damit Novartis Medikamente entwickle, die den Bedürfnissen der Patienten entsprächen.

Die US-Regierung publiziert die Daten nicht, weil die Zahlungen unrechtmässig wären. Aber sie will Patienten für allfällige Abhängigkeiten des Arztes sensibilisieren. In Zukunft sollen jeweils die Daten für ein ganzes Jahr aufgeschaltet werden, sodass die Patienten nachvollziehen können, ob ihr Arzt regelmässiger Empfänger von Beiträgen einer Pharmafirma ist.

Der werbende Arzt wird zum «Thought Leader»

Wenn ein Arzt statt Medikament A neu das Konkurrenzprodukt B verschreibt, kann das den Hersteller von A viel Umsatz kosten. Da kann sich der Versuch lohnen, den Mediziner mit persönlichen Besuchen vom eigenen Produkt zu überzeugen. Der US-Pharmakonzern GlaxoSmithKline etwa engagierte einzelne Ärzte als «Thought Leader» und liess sie für gutes Geld vor Berufskollegen über die Vorzüge eines Medikaments referieren.

Ähnliche Praktiken hat laut US-Staatsanwälten auch Novartis angewendet. Wie das «Wall Street Journal» 2013 berichtete, hat das Unternehmen Ärzte unter anderem in Hooters-Restaurants eingeladen – eine Kette, die bekannt ist für ihre knapp bekleideten Kellnerinnen. Zudem soll Novartis für die Verschreibungen einzelner Medikamente Kickback-Zahlungen geleistet haben.

Die USA als lukrativster Markt der Welt

Dass sich die Pharmakonzerne bei ihren Marketing-Aktivitäten auf den US-Markt stürzen, ist kein Zufall: Es ist der grösste Medikamentenmarkt überhaupt. Über 1000 Dollar geben Amerikaner pro Kopf und Jahr für Pharmaprodukte aus, mehr als in allen anderen OECD-Staaten. In der Schweiz sind es 500 bis 600 Dollar pro Kopf und Jahr.

Auch hierzulande versuchen die Verkäufer der Medikamentenhersteller, die Ärzteschaft von ihren Präparaten zu überzeugen. Die Regeln sind jedoch deutlich strenger als in den USA, und sie werden weiter verschärft. Seit vergangenem Sommer sind Geschenke an Ärzte generell verboten. Die Schweizer Pharmabranche hat sich verpflichtet, ab kommendem Jahr sämtliche Zahlungen wie etwa Vortragshonorare und Reisespesen auf ihren Websites zu veröffentlichen.

Fehlanreize in einem besonders heiklen Bereich

Hochgerechnet auf ein ganzes Jahr summieren sich die Zahlungen fürs Ärzte-Marketing in den USA auf 9 Milliarden Dollar – ein gewaltiger Betrag, der Fehlanreize verursachen kann. Dies ist bei Medikamenten besonders heikel, weil Staat oder Krankenversicherte oft mitzahlen. Die US-Satiresendung «Last Week Tonight», welche über das Thema berichtete, drückte es so aus: «Häufige Nebenwirkungen von Ärzten, die Geld erhalten, sind unter anderem: chronische Über-Verschreibungen, ungewöhnlich starker Cashflow, Abhängigkeit von Gratismustern, entzündetes Vertrauen ...»

Erstellt: 12.05.2015, 18:33 Uhr

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