Tierversuch-Skandal: ZHAW kündet Vertrag mit Zürcher Pharma-Firma

Die Hochschule will mit Inthera Biosciences nicht mehr zusammenarbeiten. Die Staatsanwaltschaft hat ein Verfahren wegen Tierquälerei eingeleitet.

Mit einer versteckten Kamera hat eine Tierschutzorganisation die Missstände im deutschen Labor dokumentiert. Foto: Screenshot

Mit einer versteckten Kamera hat eine Tierschutzorganisation die Missstände im deutschen Labor dokumentiert. Foto: Screenshot

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Es sind Videos des Grauens. In Zwingern sind Hunde eingesperrt, Katzen liegen in Mülltonnen, und Affen sind an Kopf und Füssen in Halterungen fixiert. Die Bilder, welche die TV-Magazine «Kassensturz» von SRF und «Fakt» der ARD am Dienstag ausgestrahlt haben, stammen von der deutschen Tierschutzorganisation Soko Tierschutz und wurden verdeckt von einem eingeschleusten Mitarbeiter in einem Labor in der Nähe von Hamburg aufgenommen.

Ein Kunde des Labors LPT war laut SRF auch die Wädenswiler Firma Inthera Biosciences, die in der Krebsforschung tätig ist. An Hunden der Rasse Beagle wurden für Inthera Substanzen getestet, welche die Hunde nach nur wenigen Tagen apathisch werden liessen. Später bluteten sie stark, weil offenbar ihre Organe versagten. Um die Hunde hätte sich niemand wirklich gekümmert. Tierschützer Friedrich Mülln sagt im Bericht von «Kassensturz»:«In der Nacht waren die Tiere sich selbst überlassen. Im schlimmsten Todeskampf mussten sie auf kalten Fliesen liegen. Man hat sie nicht erlöst, sondern sterben lassen.» Laut SRF wurde der Test nach einem ersten Versuch trotz der teils tödlichen Folgen um neue Tiere erweitert.

Inthera klärt ab

Die Wädenswiler Firma Inthera lässt die Fragen dieser Zeitung über eine Kommunikationsagentur mit Sitz in München beantworten. Man wolle die «Vorwürfe gegen aktive oder ehemalige Dienstleister nach den rechtlich vorgeschriebenen und vertraglich vorgesehenen Verfahren prüfen, statt weitergehend öffentlich Stellung zu nehmen». Das Unternehmen stellt aber klar, dass man Hinweisen zu Verstössen gegen ethische und rechtliche Standards des Tierschutzes grundsätzlich nachgehe.

«Es ist Inthera Bioscience ein grosses Anliegen, dass in jedem Stadium ihrer Studien mit der allerhöchsten wissenschaftlichen und ethischen Qualität und Professionalität gearbeitet wird.» Derzeit laufe keine Studie im Auftrag von Inthera mit dem Labor LPT. Inthera verweist darauf, dass man als forschendes Unternehmen gesetzlich verpflichtet sei, Wirkstoffe vor einer Anwendung am Menschen in Tierstudien zu untersuchen. Ob Inthera derzeit bei anderen Partnern Tierversuche durchführen lässt oder welche Substanz an den Hunden getestet wurde, lässt Inthera unbeantwortet.

Sitz bei Grow

Dass die Firma so öffentlichkeitsscheu reagiert, erstaunt. Voller Stolz präsentierte Firmenchef Ulrich Kessler vor etwas mehr als einem Jahr seine neuen Forschungslabors in Wädenswil. Denn Inthera hat den Firmensitz nicht irgendwo, sondern seit 2016 bei der Gründerorganisation Grow an der Einsiedlerstrasse.

Grow-GeschäftsführerDolf van Loon hat aus den Medien von den happigen Vorwürfen erfahren. Solche Zustände in einem Tierversuchslabor erachtet er für die gesamte Branche als «nicht akzeptabel». Die Gründerorganisation hat jedoch keine Handhabe, Firmen zu sanktionieren. «Grow ist nicht involviert in die tägliche Arbeit der einzelnen Firmen.» Die operativen Entscheidungen, wie etwa die Auswahl von Geschäftspartnern, müssten die Firmen selber treffen.

Die Firmen könnten bei Grow auf ein Dienstleistungspaket zurückgreifen, wie etwa 1:1-Gespräche. Er selber melde sich natürlich aktiv, wenn ihm etwas auffalle, sagt van Loon. Von den Tierversuchen von Inthera in Deutschland hat er bisher nichts gewusst. Inthera habe von Grow keine direkte finanzielle Unterstützung erhalten. Wie alle anderen Firmen bei Grow profitiert Inthera aber auch von den Dienstleistungen des Start-up-Centers. Nebst Beratungsgesprächen sind das die gute Infrastruktur mit einfach zu mietenden Laborräumlichkeiten und der Kontakt zu anderen jungen Firmen. Grow wird unter anderem von der Stadt Wädenswil mit einem Betriebsbeitrag unterstützt.

«Grow ist nicht involviert in die tägliche Arbeit der einzelnen Firmen.»Dolf van Loon, Geschäftsführer Grow

Van Loon, selbst Biochemiker, betont, dass Tierversuche in diesem Forschungsgebiet notwendig seien. «Der Gesetzgeber verlangt, dass für sichere Medikamente für Menschen Versuche mit Tieren durchgeführt werden müssen.» Natürlich sei es wichtig, noch mehr Alternativen zu finden. Aber: «So wie eine Ratte kein Mensch ist, ist eine Zellkultur kein Lebewesen.» Dass Alternativen Tierversuche ganz ersetzen könnten, sei aus heutiger Sicht nicht realistisch.

Ethische Grundsätze prüfen

Auch wenn Grow keine rechtliche Handhabe hat, will man bei der Gründerorganisation der Sache mit den Tierversuchen auf den Grund gehen. Dafür brauche man noch ein wenig Zeit, sagt van Loon: «Ohne Fakten können wir nicht sachlich reagieren. Emotionale Reaktionen wären für alle Seiten falsch.» Dazu werde man so rasch als möglich ein Gespräch führen mit der angeschuldigten Firma. «Je nach Sachlage wird die Unterstützung durch Grow zu überprüfen sein», meint van Loon. Inthera beschäftigt in Wädenswil laut Grow-Tätigkeitsbericht 2018 neun Mitarbeiter.

Grow-Geschäftsführer van Loon will prüfen, ob es zukünftige ethische Grundsätze für die Zusammenarbeit mit Start-Ups braucht. Foto: André Springer

Grow prüfe nun zudem, ob man ethische Grundsätze und Anforderungen an Partnerfirmen formulieren will. Bisher gibt es das noch nicht. «Es kann weder im Interesse der Firmen noch im Interesse von Grow liegen, etwa bei Tierversuchen verschuldet oder unverschuldet in solche Schwierigkeiten zu geraten.» Nebst ethischen Grundsätzen sind laut van Loon Empfehlungen denkbar: «Wir könnten Firmen etwa raten, falls möglich Tierversuche bei externen Partnern in der Schweiz durchzuführen, wo es von den Behörden eine aktive Bewilligung braucht, statt im Ausland.» In Deutschland dürfen Tierversuche teilweise schon dann durchgeführt werden, wenn sich eine Behörde nicht dagegen einschaltet.

Forschung mit der ZHAW

Inthera arbeitet – wie andere Firmen von Grow – seit längerem auch mit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) zusammen. Professor Martin Sievers – der zusammen mit Inthera-CEO Kessler als Leiter des gemeinsamen Forschungsprojekts amtet – sagt, er sei auch «ganz schockiert» gewesen, als er vom Bericht erfahren habe.

An der ZHAW in Wädenswil hat die Firma gemeinsam mit der Hochschule geforscht. Foto: Moritz Hager

Die weiteren Fragen der Zürichsee-Zeitung beantwortet bei der ZHAW die Medienstelle. Sprecher Manuel Martin schreibt: «Diese Art von Tierversuchen, welche SRF thematisierte, ist für die ZHAW inakzeptabel und lehnen wir kategorisch ab.» Sie entspreche nicht den ethischen Grundsätzen und Richtlinien des schweizerischen Tierschutzgesetzes. «Die Zusammenarbeit mit der Inthera Bioscience AG betraf rein analytische Laborarbeiten wie die Herstellung rekombinanter Proteine und beinhaltete keine Tierversuche.»

Aber, sagt Martin auf Anfrage der Zürichsee-Zeitung: «Aufgrund der durch die Medien bekannt gewordenen Tierversuche in Zusammenhang mit der Inthera Bioscience AG hat die ZHAW beschlossen, auf eine weitere Zusammenarbeit zu verzichten. Deshalb löst die ZHAW den Zusammenarbeitsvertrag mit der Inthera Bioscience AG per sofort auf.»

Labor schweigt

Das Labor LPT in Deutschland wies die Vorwürfe gegenüber dem ARD-Magazin «Fakt» zurück. Eine Anfrage dieser Zeitung liess das Unternehmen am Mittwoch unbeantwortet. Die zuständige Staatsanwaltschaft hat ein Verfahren wegen Tierquälerei eingeleitet.

Erstellt: 17.10.2019, 07:59 Uhr

Tierversuche sind oft unvermeidlich

Tierversuche dürfen in der Schweiz nur durchgeführt werden, wenn keine Alternativen zur Verfügung stehen. Das schreibt das Gesetz vor. In den Statistiken vieler Länder werden aber nur Tierversuche gezählt, die dem Tier Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen, es in Angst versetzen oder sein Allgemeinbefinden erheblich beeinträchtigen können. Nicht so in der Schweiz. Hier gelten für die Haltung der Versuchstiere ebenso strenge Auflagen wie für die Aus- und Weiterbildung der Forschenden, die mit Tieren arbeiten.

2018 wurden in der Schweiz nach Angaben des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) 586643 Tiere für Tierversuche eingesetzt. Dies entspricht einem Rückgang um 4,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Gegenüber 2009 ist die Zahl der Tiere um mehr als 16,9 Prozent gesunken. Die Mehrzahl der Tierversuche werden durch Hochschulen und die Industrie, allen voran die Pharma- und die Medizinaltechnikfirmen, durchgeführt.

Tierversuche wenn immer möglich zu verhindern, so lautet in der Schweiz die oberste Maxime – aufseiten des Gesetzgebers. Viele regulatorische Tierversuche, die zur Prüfung von Medikamenten und Chemikalien gesetzlich vorgeschrieben wurden, sind bereits durch tierversuchsfreie Testverfahren ersetzt worden: «in vitro» (an Zellkulturen im Reagenzglas), «in silico» (durch Computersimulationen) oder durch Metaanalysen (durch systematische Auswertungen der Ergebnisse anderer Studien).

Laut Lukas Jaggi, Mediensprecher von Swissmedic, der Schweizerischen Zulassungs- und Aufsichtsbehörde für Arzneimittel und Medizinprodukte, gibt es allerdings auch behördlich vorgeschriebene Tierversuche. Alle Länder mit vergleichbarer Arzneimittelkontrolle würden verlangen, dass neue Medikamente grundsätzlich zuerst an Tieren getestet werden, bevor sie für Menschen zugelassen werden: «Aktuell verfügbare alternative Testmethoden haben ihre Grenzen und können Tierversuche bei der Medikamentenzulassung noch nicht vollständig ersetzen.» Swissmedic unterstütze die sogenannten 3R-Initiativen, die einen vollständigen Verzicht auf Tierversuche (Replacement), eine Reduzierung der Anzahl Tierversuche (Reduction) sowie die Verminderung der Belastung der Tiere (Refinement) anstreben. (ths)

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