Schweizer Rohstoffhändler verkaufen Dreck-Diesel in Afrika

Laut einer Public-Eye-Recherche nutzen Rohstoffkonzerne afrikanische Länder, um stark schwefelhaltige Kraftstoffe zu verkaufen – die in Europa so nie verkauft werden dürften.

«Hier gibt es nichts zu sehen»: Wächter vor Pipelines in Ghana. (Fotos: Public Eye / Magnum / Carl De Keyzer)

«Hier gibt es nichts zu sehen»: Wächter vor Pipelines in Ghana. (Fotos: Public Eye / Magnum / Carl De Keyzer)

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Die Zahlen sind erdrückend. Rund 3,7 Millionen Menschen sterben pro Jahr an Luftverschmutzung, schätzt die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Laut Angaben der Umweltorganisation ICCT, die den VW-Dieselskandal ins Rollen brachte, starben 2005 allein 242'000 Menschen an den Folgen von Autoabgasen. Am stärksten betroffen sind Entwicklungs- und Schwellenländer, da dort die Grenzwerte für Schadstoffe wie Schwefel und Feinstaub viel höher sind als in den Industrienationen.

Was aus Schweizer Optik weit weg erscheinen mag, ändert sich schlagartig, wer die neuste Rohstoffstudie der Nichtregierungsorganisation (NGO) Public Eye, ehemals Erklärung von Bern, zum Nennwert nimmt. Das 164-seitige Papier zeigt detailliert auf, wie Schweizer Rohstoffhändler stark schwefelhaltiges Benzin und stark schwefelhaltigen Diesel nach Afrika liefern – und dies auf Kosten der dortigen Bevölkerung.

Das Problem akzentuiert sich

In den Strassen westafrikanischer Grossstädte wie Lagos (Nigeria), Accra (Ghana) oder Abidjan (Elfenbeinküste) staut sich der Verkehr fast zu jeder Uhrzeit. Die meisten Fahrzeuge stossen eine schwarze Rauchwolke aus mit entsprechend negativen Folgen für die Bevölkerung. Und das Problem akzentuiert sich. Allein in Accra hat sich die Zahl der Autos zwischen 2005 und 2012 verdoppelt. So ist etwa die Feinstaubbelastung in der Stadt fünfmal höher als in London. Laut der WHO sind Dieselabgase krebserregend. In Kenia etwa werden die Gesundheitskosten, die auf schädigende Abgase zurückzuführen sind, auf eine Milliarde Dollar pro Jahr geschätzt.

Im Normalfall Stau: Ghanas Hauptstadt Accra.

Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) geht davon aus, dass mit Schadstoffwerten, wie sie in Europa die Norm sind, bis 2040 rund 25'000 vorzeitige Todesfälle durch Abgase vermieden werden können. Bis 2050 könnten es gar 100'000 Todesfälle sein. Die Verschärfung der Schadstoffwerte von Benzin und Diesel ist ein Schwerpunkt des Unep. Es setzt sich schon seit Jahren bei zahlreichen Staaten mit hohen Grenzwerten für eine Anpassung auf westliches Niveau ein, besonders auch in Afrika.

Die Müllhalde der Industrieländer

Aufgrund der schwachen Umweltstandards müsse insbesondere Westafrika als Müllhalde der Industrieländer herhalten, lautet der Vorwurf von Public Eye. Denn die stark schwefelhaltigen Kraftstoffe dürften aufgrund der hier geltenden Schadstoffgrenzen niemals in Europa oder den USA verkauft werden. Der Schwefelgehalt afrikanischer Treibstoffe liegt laut Stichproben von Public Eye an Zapfsäulen vor Ort mehrhundertfach über dem europäischen Grenzwert.

Infografik: Das Geschäft mit dem dreckigen DieselGrafik vergrössern

Auf der Anklagebank sitzen die Rohstoffhändler Trafigura, Vitol und AOG, die entweder ihren Sitz oder gewichtige Ableger in Genf haben. Wer meinte, diese Firmen beförderten Rohstoffe wie etwa Rohöl schlicht von A nach B, sieht sich durch die Recherchen von Public Eye getäuscht. Die grossen Player wie Vitol und Trafigura haben ganze Teile der Wertschöpfungskette vom Transport des Öls bis hin zur Zapfsäule gesichert. So besitzen die Firmen in Westafrika Tankstellennetze und grosse Öltanks.

Ein lukratives Geschäftsmodell

Aussagen, wie diejenige von Glencore-Chef Ivan Glasenberg, die Handelsfirmen seien lediglich quasi eine Art DHL für Rohstoffe, relativieren sich damit. Indem sie die ganze Wertschöpfungskette kontrollieren, haben die Firmen direkten Einfluss darauf, welche Art von Diesel oder Benzin in Afrika verkauft wird. Public Eye wirft den Unternehmen dabei vor, aus den Schadstoffwerten in Afrika ein lukratives Geschäftsmodell gemacht zu haben.

Mitten im Abgas: Strassenhändler in Accra, Ghana.

Am Beispiel von Ghana konnte Public Eye nachweisen, dass das Rohöl für das verwendete Benzin und den Diesel aus Europa und den USA angeliefert wird und nicht etwa aus Westafrika selber, wo es ebenfalls erhebliche Rohölvorkommen gibt. Laut den Recherchen stammt im Fall von Ghana über die Hälfte der Diesellieferungen vorwiegend von den Häfen Amsterdam, Rotterdam und Antwerpen. Die Mehrheit der Tanker wurde von den Händlern Vitol, Trafigura, Glencore und der Lukoil-Handelstochter Litasco gechartert.

Reduzierte Grenzwerte mit messbarem Erfolg

Mit zahlreichen Stichproben von Benzin und Diesel aus verschiedenen Tankstellen in Ghana und sieben weiteren afrikanischen Ländern kann Public Eye nachweisen, dass der stark schwefelhaltige Kraftstoff auch tatsächlich aus den Zapfsäulen fliesst. Die in den Niederlanden ausgewerteten Proben zeigen etwa für Ghana Schwefelgehalte zwischen 2410 und 2730 ppm. Der Grenzwert im Land liegt derzeit bei 3000 ppm. In anderen afrikanischen Staaten wie Mali wurden gar Schwefelgehalte von bis zu 3780 ppm gemessen. Das englische Kürzel steht für «parts per million», zu Deutsch Teile von einer Million.

In den USA liegt der Grenzwert bei 15 ppm, in Europa bei 10 ppm. In den ­Industriestaaten wurde der Grenzwert drastisch reduziert. Mit messbarem Erfolg: In der Schweiz hat sich etwa der verkehrsbedingte Ausstoss von Feinstaub zwischen 1990 und 2010 beinahe halbiert, obwohl die Zahl der Autos im gleichen Zeitraum um rund ein Drittel gestiegen ist. In China etwa wird ab nächstem Jahr ebenfalls der Grenzwert von 10 ppm gelten.

Erdrückende Beweiskette

Nicht immer sind die Verbindungen in die Schweiz offensichtlich. Im Fall von Trafigura tritt vor Ort etwa nicht der Rohstoffhändler unter dem eigenen Namen auf. Das Tankstellennetz gehört der Firma Puma Energy, an der Trafigura mit 48,4 Prozent beteiligt ist. Vitol wiederum besitzt 40 Prozent an Vivo Energy. Die Tankstellen sind jedoch mit Shell angeschrieben, da die Firma noch immer 20 Prozent an Vivo Energy besitzt.

Für Public Eye ist mit dieser Beweiskette ausreichend belegt, dass die Schweizer Rohstoffhändler auf Kosten der afrikanischen Bevölkerung schmutzigen Diesel verkaufen und darauf ein Geschäftsmodell aufbauen. Die Organisation leitet daraus folgende Forderungen ab:

  • Afrikanische Länder: Die Regierungen sollen ihre Schadstoffgrenzwerte an das in Europa geltende Niveau angleichen.
  • Internationale Geldgeber: Diese sollen der Aufrüstung der Raffinerien in den betroffenen afrikanischen Ländern höchste Priorität einräumen. So wären die Staaten selber in der Lage, den hohen Schwefelgehalt aus Diesel und Benzin selber herauszufiltern.

  • Schweizer Rohstoffhändler: Sie sollen sich von ihrem Doppelstandard verabschieden. Es gehe nicht an, dass in Europa und USA «saubere» Kraftstoffe verkauft würden, nicht aber in Afrika.

  • Heimatländer Erdöl exportierender Häfen: Public Eye fordert diese auf, den Export stark schwefelhaltiger Kraftstoffe zu verbieten.

  • Bundesrat: Die Schweiz soll laut Public Eye verpflichtende Standards bezüglich der Menschenrechte für die Unternehmen einführen. So würden die Firmen verpflichtet, die Risiken etwa im Zusammenhang mit dem Verkauf von schädlichen Kraftstoffen einzuschätzen.

Die beschuldigten Rohstoffunternehmen weisen die Vorwürfe von Public Eye zurück. Trafigura, Vitol und AOG verweisen darauf, dass die Schadstoffwerte für Kraftstoffe von den einzelnen afrikanischen Regierungen festgelegt würden. Der Vorwurf, man verkaufe absichtlich stark schwefelhaltiges Benzin und stark schwefelhaltigen Diesel, sei falsch. Man habe weder Einfluss auf die Schadstoffgrenzen noch auf den Benzinpreis an der Zapfsäule. Schliesslich könnten nur die lokalen Regierungen die Werte verschärfen, schreibt etwa AOG. Und Vitol betont, dass die Firma nicht die ganze Wertschöpfungskette kontrolliere wie von Public Eye behauptet. Die Kraftstoffe würden von verschiedenen Lieferanten bezogen, auch von grossen Ölkonzernen. Es sei daher unmöglich, die Qualität der Kraftstoffe an der Zapfsäule zu bestimmen. Trafigura wiederum begrüsst die Bemühungen einzelner Länder, die Schadstoffwerte zu erhöhen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.09.2016, 10:30 Uhr

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