Schweizer Roulette im Barockpalast

Das Stadtcasino Baden will 60 Millionen Franken in ein Casino in Wien investieren. Der umstrittene deutsche Partner, der seine Stärken vor allem im Bereich der Glücksspielautomaten hat, könnte sich als Nachteil erweisen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die alten Luster hängen noch. Echtes böhmisches Bleikristall. Die barocken Deckenfresken sind noch erhalten, ebenso wie die kostbaren Intarsien­böden. Sonst sind die Räume des Palais leer. Die Möbel wurden von den Eigentümern in andere Schlösser gebracht, die Ölgemälde sicher verwahrt. Marmor und kupferne Armaturen wurden von einem Pächter brutal herausgerissen und sind seither verschwunden.

Das Palais Schwarzenberg hat schon bessere Zeiten gesehen. Erbaut wurde es Anfang des 18. Jahrhunderts von den ­bekanntesten Architekten ihrer Zeit, in ­unmittelbarer Nachbarschaft des noch grösseren Schlosses Belvedere.

Fast zwei Jahrhunderte war das Palais Sommerresidenz der österreichischen Fürstenfamilie Schwarzenberg, die auch das Zürcher Bürgerrecht und damit heute noch die Schweizer Staatsbürgerschaft besitzt. Dann wurde es in eine Familienstiftung überführt und zum Hotel umgebaut: fünf Sterne, inklusive Nobelrestaurant. Im Nebengebäude, der ehemaligen Reithalle, zog die Eidgenossenschaft mit ihrer Botschaft und der Botschafterresidenz ein.

Eine Insel der Eidgenossen

Das Hotel musste 2006 schliessen, die Konkurrenz war zu gross. Der saudische Geschäftsmann Mohamed Al Jaber wollte eine Sechssternresidenz daraus machen, verschwand aber bald und liess Chaos zurück. Seither liegt das Palais im Dornröschenschlaf. Und der kostet die Familie Schwarzenberg viel Geld. Um die Substanz zu schützen, muss das ­Gebäude beheizt und ständig bewacht werden.

Bald könnte jedoch zwischen Schwarzenbergplatz, Belvedere und neuem Hauptbahnhof eine kleine Insel der Eidgenossen entstehen. Nach der Schweizer Familie Schwarzenberg und dem EDA zeigt auch das Stadtcasino Baden Interesse am Standort. Das Unternehmen will im Palais Wiens erstes Grand Casino eröffnen, mit Standard und Publikum, «wie wir es aus Monte Carlo oder Monaco kennen», sagt der PR-Berater Georg Brockmeyer, der Journalisten durch die verwaisten Hallen und den verwilderten Schlosspark führt.

50 Millionen Euro (60 Millionen Franken) will die Casinogesellschaft investieren. In den denkmalgeschützten Prunkräumen sollen 28 Spieltische für die noble Kundschaft aufgestellt werden, im Untergeschoss 280 Slotmaschinen für das Volk. Die Eröffnung ist für Sommer 2015 geplant. Rahmenbedingungen und Einzugsgebiet seien genau geprüft worden, sagt Detlef Brose, CEO der Stadt­casino Baden AG: «Wir sind zum Schluss gekommen: Das wäre ein Casino, das die Stadt Wien verdient hätte.»

Offensive Strategie

Ob die Badener ihre Pläne umsetzen können, entscheidet das österreichische Finanzministerium, das drei neue ­Casinokonzessionen vergibt. Die Entscheidung soll spätestens im Juni fallen. Neben den Badenern bewerben sich drei weitere Gesellschaften um die Konzession für den Raum Wien Südwest: Die Casino Austria hat bereits zwölf Konzessionen im ganzen Land und betreibt ein Casino in der Wiener Innenstadt, das unter einem neuen Grand Casino am meisten leiden würde. Ebenfalls stark auf dem österreichischen Markt ist die Firma Novomatic, allerdings im sogenannten kleinen Glücksspiel – den Automatenhallen in den Aussenquartieren. Novomatic möchte ein bestehendes Casino im Böhmischen Prater erweitern. Dritter Bewerber sind die österreichisch-amerikanischen Century Casinos, die in einem bestehenden Hotel ein Casino im Stil der 60er-Jahre bauen wollen.

Während die Konkurrenten auf eine Schweigepflicht im Bieterverfahren ­verweisen, geht das Casino Baden gezielt an die Öffentlichkeit. In Tageszeitungen werden ganzseitige Inserate geschaltet, in denen das Projekt im Palais als Touristenmagnet und Veranstaltungsort beworben wird. Um die Wiener freundlich zu stimmen, verspricht die Stiftung Schwarzenberg, ihren Park zu öffnen. Auch das Restaurant soll für alle zugänglich sein, nicht nur für Casinogäste. Um den volkswirtschaftlichen Wert zu beweisen, wurde eine Studie an der Universität Linz in Auftrag gegeben. Demnach bekäme der Staat jedes Jahr über acht Millionen Euro Abgaben. CEO Brose wirbt mit «Schweizer Standards bei ­Sozialkonzepten und Geldwäschevorbeugung».

Dass die Badener Casinobetreiber zum ersten Mal in ihrer Geschichte Projekte im Ausland wagen, hat mit der schwierigen Situation in der Heimat zu tun. Casinobetreiber klagen über die strengen Regeln beim Spielerschutz und die Einschränkungen beim Betrieb von Automaten in der Schweiz. Noch dazu verloren die Badener vor drei Jahren das Bieterverfahren um eine neue Konzession in der Stadt Zürich. «Wir haben zwar mehr Bruttospielerertrag als die Zürcher, aber der erwartete Rückgang ist eingetreten», sagt Detlef Brose: «Deshalb haben wir uns vorgängig für eine Vorwärtsstrategie entschieden. Einerseits mit der Renovierung unseres Stammhauses in Baden, anderseits mit der Firma Gauselmann als neuem Partner.» Gemeinsam mit dem deutschen Spielautomatenhersteller und -betreiber Gauselmann hat Baden zwei Konzessionen im deutschen Bundesland Sachsen-Anhalt gewonnen.

Das Problem kleines Glücksspiel

An der Wiener Projektgesellschaft Enter­tainment Development sind die Badener mit zwei Dritteln und die Gauselmann-Tochterfirma Merkur Entertainment mit einem Drittel beteiligt. In Wien sieht man diese Beteiligung mit gemischten Gefühlen. Gauselmann könnte sich für die Schweizer noch als Klotz am Bein erweisen, meint ein Wiener Politiker, der nicht namentlich genannt werden will. Das kleine Glücksspiel hat in Wien ein besonders schlechtes Image.

Gauselmann versuchte schon einmal, in den österreichischen Markt vorzudringen, scheiterte aber am Konkurrenten Novomatic. Als Verwaltungsratsvorsitzenden der österreichischen Tochtergesellschaft holten sich die Deutschen damals den ÖVP-Abgeordneten Günther Stummvoll, der gleichzeitig im Finanzausschuss über die Vergabe von Casinokonzessionen entscheiden konnte. Nachdem die Medien über die Unvereinbarkeit berichteten, trat Stummvoll als ­Verwaltungsrat zurück. In Deutschland wurden Gauselmann illegale Spenden an Parteien vorgeworfen, vor allem an CDU, CSU und FDP. Die Untersuchungen seien jedoch eingestellt worden, sagt der Badener CEO Detlef Brose: «Da ist de facto nichts dran. Wir haben unseren Partner sehr gewissenhaft ausgesucht. Die Partnerschaft funktioniert und ist befruchtend.»

An der Expansion ins Ausland will Brose festhalten, selbst wenn sich das österreichische Finanzministerium für einen Konkurrenten entscheidet: «Wir werden die Augen offen halten, auch in Deutschland erwarten wir Ausschreibungen neuer Konzessionen. Aber im Vergleich zu den Bedingungen in Deutschland ist Wien halt schon sehr ­attraktiv.»

Erstellt: 10.04.2014, 07:24 Uhr

Artikel zum Thema

Casino Zürich mit Verlust statt Gewinn

Nur 60 statt der erwarteten 100 Millionen Franken Spielertrag: Das Zürcher Casino schliesst sein erstes Jahr mit Verlust ab. Mehr...

«Das Casino-Restaurant bringt auch uns mehr Gäste»

Mitte 2014 eröffnet auf dem Casino Zürich ein Restaurant mit Bar. Tagesanzeiger.ch/Newsnet wollte von Gastronomen in der Umgebung wissen, wie sie mit der zusätzlichen Konkurrenz umgehen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Willkommen auf dem E-Bauernhof

Im Jahr 2050 gilt es, 9,8 Milliarden Menschen zu ernähren. Somit muss bis dann die Nahrungsmittelproduktion weltweit um 70 Prozent erhöht werden.

Kommentare

Blogs

History Reloaded Braucht Brasilien wieder einen Kaiser?

Mamablog Schulzuteilung per Algorithmus?

Die Welt in Bildern

Klimawand: Andres Petreselli bemalt in San Francisco eine Hausfassade mit einem Porträt von Greta Thunberg. (8. November 2019)
(Bild: Ben Margot) Mehr...