Schweizer staunen über chinesische Kopien

Wo nur «Swiss Made» draufsteht, aber kein «Swiss Made» drin ist: Wie in China täglich Werkstätten durchsucht und Uhren beschlagnahmt werden. Und was bringts?

Hier steckt kein «Swiss made» drin, es steht nur drauf: Rolex-Imitate auf einem Markt in Kuala Lumpur. Foto: Adrian Sulc

Hier steckt kein «Swiss made» drin, es steht nur drauf: Rolex-Imitate auf einem Markt in Kuala Lumpur. Foto: Adrian Sulc

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Der Stand ist nur zwei Meter lang und einen Meter tief. Und doch ist er ein eindrückliches Abbild der Schweizer Uhren­industrie: An den Stellwänden und in den Auslagen leuchten den Markt­besuchern praktisch alle bekannten Schweizer Marken entgegen: Rolex, Omega, Rado, Audemars Piguet, IWC, Patek Philippe und so weiter. Auf Nachfrage sagt der Verkäufer ohne Verlegenheit, dass alle diese Uhren aus Hongkong stammten. Das «Swiss made» auf dem Zifferblatt ist bloss Schmuck.

Links und rechts des Händlers reiht sich je ein gutes Dutzend weiterer Stände mit ähnlichem Sortiment. Sie stehen nicht in einem düsteren Hinterhof, sondern in einer belebten Einkaufspassage im chinesischen Quartier von Malaysias Hauptstadt Kuala Lumpur. Die Fälschungen reichen von billig bis hochwertig und kosten umgerechnet etwa 10 bis über 100 Franken.

Was in Europa meist übers Internet bestellt und per Post geliefert wird, ist in halb Asien an Verkaufsständen oder gar in Geschäften erhältlich. Der Markt in Kuala Lumpur zeigt exemplarisch, wie schwierig es für die Uhrenindustrie ist, ihre marken- und patentrechtlichen Ansprüche international durchzusetzen.

Vorstoss in die Königsklasse

Hergestellt wurden die falschen Luxusuhren natürlich nicht in Hongkong selbst, wie der Strassenhändler sagt, sondern im chinesischen Hinterland. Um mehr über die Fälscher zu erfahren, betreibt der Verband der Schweizer ­Uhrenindustrie in Hongkong ein eigenes Büro. Informanten führen die Verbandsvertreter immer wieder zu Werkstätten, in denen Schweizer Uhren kopiert ­werden – und zu Läden, in denen die Fälschungen verkauft werden.

Gemeinsam mit chinesischen Polizisten durchsuchen die Mitarbeiter des ­Uhrenverbands solche Einrichtungen. «Manchmal finden wir ein Dutzend, manchmal aber auch Tausende von Fälschungen», sagt Michel Arnoux, der oberste Fälschungsbekämpfer beim Uhrenverband. Über 2000 solcher Razzien seien allein letztes Jahr in China durchgeführt worden.

Die Werkstätten sehen nicht wie improvisiert eingerichtete Drogenlabors aus: Es sind vom Staat lizenzierte Betriebe, die laut Arnoux gut ausgerüstet seien. «Sie benutzen zum Teil sogar die gleichen Maschinen wie die Schweizer Hersteller.» Und auch in Sachen Qualität haben die Fälscher aufgeholt: «Die Fälschungen sind gute Uhren, das muss ich leider sagen.»

Seit er vor zehn Jahren beim Uhrenverband angefangen habe, seien die ­Fälschungen immer besser geworden, sagt Arnoux. Er greift in seinem Büro in Biel in eine Vitrine und nimmt eine Hublot hervor – eine chinesische Hublot. Diese ist mit einem Tourbillon ausgestattet. Diese Bauart eines Uhrwerks ist die ­Königsklasse der Uhrmacherkunst, und auch in der gefälschten Version funktioniert sie. Im Original kosten Uhren mit Tourbillons 100'000 Franken und mehr – die falsche nur 2000 Franken. «Unter der Lupe erkennt man den Unterschied jedoch. Die Fälschungen laufen weniger genau», erklärt Arnoux, während er die chinesische Hublot in die Vitrine ­zurücklegt.

Doch woher haben die Chinesen das Know-how, solche Uhren herzustellen? China sei der grösste Uhrenmarkt der Welt und habe auch einige der grössten Uhrenhersteller hervorgebracht, etwa Rossini. «Diese Hersteller haben teilweise die gleichen Zulieferer wie die Fälscher», sagt Arnoux. Es gebe auch Fabriken, die einmal chinesische Marken und dann wieder Schweizer Fälschungen herstellten. «Das macht es sehr schwer, den Markt sauber zu halten.»

Und auch wenn die Polizei erfolgreich eine Fälscher-Fabrik räumt, wird diese wahrscheinlich bald wieder im Geschäft sein. Anstatt gegen die Besitzer der Betriebe Klage einzureichen und somit auf Gerichtsurteile zu warten, beantragt der Uhrenverband meist, dass die Polizei den Fälschern für einige Monate die Lizenz entzieht. Mit Gefängnisstrafen ist sowieso nicht zu rechnen – auch nicht in der Schweiz.

Sobald die Fälscher ihre Lizenz wiederhaben, steigen sie meist erneut ins Geschäft ein. «Das ist die Schwäche des Systems», räumt Arnoux ein. Dann führe man halt wieder eine Razzia durch und hoffe, dass der Fälscher irgendwann zermürbt die Branche wechsle.

Fälschungen unter der Lupe

Eine Zermürbungstaktik wendet der Verband auch in Dubai an. Die Wüstenstadt ist zu einer Drehscheibe für den Grosshandel mit Fälschungen geworden. So spüren Kontaktmänner des Uhrenverbandes in den engen Gassen des Basarviertels immer wieder Händler auf, die Tausende von falschen Schweizer Uhren an Lager haben. Alle zwei Monate wird gemeinsam mit der lokalen Polizei eine Razzia durchgeführt. Die beschlagnahmte Ware wird vernichtet.

Und ein Exemplar jeder gefälschten Uhr wandert ins Labor des Uhrenverbands in Biel, wo es unter die Lupe genommen und mit anderen Fälschungen verglichen wird. Vielleicht weist eine in Dubai konfiszierte Uhr die Machart einer bereits bekannten chinesischen Fälscherwerkstatt auf. Das wäre Grund genug für eine weitere Razzia in Fernost.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.04.2014, 03:11 Uhr

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Razzien rund um die Uhr

Razzien rund um die Uhr Uhrenfälscher rufen die Polizei in China oder Dubai auf den Plan.

Einfallstor Griechenland
Zoll von der Krise geschwächt

Letzten Sommer hat der Zoll am Flughafen Zürich eine der grössten Beschlagnahmungen von Post-Paketen durchgeführt: Über 5000 gefälschte Uhren und 4000 Kopien anderer Markenprodukte sollten durch die Schweiz nach Spanien und Portugal geschleust werden. Abgeschickt wurden die Pakete in Griechenland. Laut Yves Bugmann, dem Chefjuristen des Uhrenverbandes, war das kein Einzelfall. Die Importeure nutzten es aus, dass der griechische Staat knapp bei Kasse sei. «Die Fälscher reagieren immer sehr schnell auf solche Entwicklungen.» Gefälschte Produkte würden vermehrt über die griechischen Häfen in die EU importiert, weil sie dort am wenigsten Kontrollen erwarteten. «Wenn es die Waren einmal in die EU geschafft haben, ist es wegen des freien Warenverkehrs schwierig, sie zu finden.» Der Uhrenverband habe auch in Griechenland Beschlagnahmungen durchführen lassen. Doch das Verfahren sei «sehr kompliziert und formalistisch». Es müssten Vertreter mehrerer Behörden vor Ort sein, damit überhaupt etwas beschlagnahmt werden dürfe. (sul)

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