Schwierige­r Abschied vom alten Netz

Seit einem Jahr ist die Swisscom mit Hochdruck daran, die Kunden vom analogen Telefonnetz wegzubewegen. Jetzt gerät der Zeitplan für die Abschaltung des analogen Netzes in die Kritik.

Swisscom-Telefonzentrale Bern-Bümpliz: Die Umstellung auf die Internettechnologie dauert. Foto: Lukas Lehmann (Keystone)

Swisscom-Telefonzentrale Bern-Bümpliz: Die Umstellung auf die Internettechnologie dauert. Foto: Lukas Lehmann (Keystone)

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Die Swisscom würde bei den analogen Telefonanschlüssen lieber heute als erst morgen den Stecker ziehen. Solange sie noch in Betrieb sind, ist der Telecomkonzern gezwungen, die alte Technik mit ihrer über 100-jährigen Geschichte am Leben zu erhalten. Ein Kostenfaktor.

Stand heute, soll der Abschied vom analogen Zeitalter Ende 2017 erfolgen. Vor ziemlich genau einem Jahr hat die Swisscom diese Absicht geäussert. Damals waren gerade einmal 260'000 Festnetzanschlüsse auf die neue Internettechnologie (IP) umgestellt. Zwischenzeitlich hat sich die Zahl mehr als verdoppelt. «Wir haben heute schon fast 700'000 Kunden auf rein IP-basierte Produkte migriert – im Herbst werden es über 1 Million sein. Die Migration sämtlicher Kunden bis Ende 2017 ist ambitioniert, aber die Zwischenergebnisse zeigen, dass dieses Ziel erreicht werden kann», sagt ein Sprecher auf Anfrage. Die Swisscom wähnt sich also bis jetzt auf Kurs.

Ein anderes Bild ergibt eine Umfrage unter verschiedenen kleineren und grösseren Elektroinstallateuren. Sie sind es, die zu den Swisscom-Kunden – egal, ob Private oder Firmen – vor Ort gehen und die Umstellung durchziehen. Ausnahmslos als «illusorisch» bezeichnen die befragten Branchenvertreter die Pläne der Swisscom. «Mit diesem aggressiven Fahrplan hofft die Swisscom, Druck erzeugen zu können, damit überhaupt etwas passiert», sagt einer. Mit Namen will niemand aus der Branche Stellung nehmen. Der Grund ist klar: Kein Elektroinstallateur im Land will seine Geschäftsbeziehung zur Swisscom vermiesen. Die Ablösung der analogen Telefonie durch Internettechnologie ist für Installateure lukrativ. Die Swisscom lockt mit Provisionen.

Kritik an der Gangart

Laut den befragten Installateuren sei trotz Informationsoffensive der Swisscom bei den Kunden eine grosse Verunsicherung zu spüren, und viele würden mit dem Wechsel deshalb zuwarten. Unterschiedlich ist die Wahrnehmung der Zuverlässigkeit der neuen Lösungen. Während einige Installateure daran nichts zu kritisieren haben, sagen andere, die neue Internettechnologie sei anfälliger. Bei Privatkunden werde vielfach die neue TV-Lösung von Swisscom zusammen mit der IP-Telefonie in Betrieb genommen. «Dadurch entstehen oft Probleme», sagt einer. Für Schlagzeilen sorgten etwa die Swisscom-Probleme des Bestsellerautors Paulo Coelho, der an seinem Wohnsitz in Genf ­tagelang seit November beim teuersten Kombi-Angebot mit Ausfällen kämpfte und seinen Ärger via Facebook entlud.

Ein anderer Installateur kritisiert die Unterstützung durch das Telecomunternehmen als zu wenig zuverlässig. Die Software-Plattform, die den Installateur bei der Inbetriebnahme einer frisch aufgeschalteten Telefonanlage unterstützt, sei nicht ausgereift, ständig ändere wieder etwas. Die Swisscom biete zwar Schulungen an – die darin vermittelten Informationen seien jedoch schnell wieder überholt. «Wir sind die Versuchs­kaninchen für die Swisscom», so ein ­Installateur.

Die Swisscom wehrt sich gegen den Vorwurf, die neue Technologie funktioniere weniger zuverlässig. «Generell liegen die Kundenzufriedenheitswerte von Kunden mit einem IP-basierten Anschluss auf dem Niveau der Kunden mit einem analogen Anschluss», heisst es auf Anfrage. Allein im letzten Jahr seien 800 Installateure geschult worden. «Den Vorwurf, dass die Schulungen veraltet seien, können wir nicht nachvollziehen; ein solches Feedback von den Installateuren ist uns nicht bekannt. Jedoch entwickelt sich die digitale Welt generell schneller als die analoge Welt, das betrifft auch die notwendigen Anpassungen an die Schulungen und deren Inhalte.» Ähnlich die Antwort auf die Kritik, die Software-Plattform ändere ständig. Man könne diesen Vorwurf nicht nachvollziehen. «Wir setzen auf verschiedene Plattformen, sodass eine pauschale Antwort nicht möglich ist», so die Swisscom in ihrer Stellungnahme.

Vorbehalte für einen Umstieg gab es bei Firmen besonders wegen offener Fragen bei Alarmanlagen und Lifttelefonen. Denn bei einem Strom- oder Sys­tem­ausfall bestünde die Gefahr, dass solche Anlagen nicht mehr funktionierten. Man sei mit den Herstellern aus diesen Bereichen regelmässig in Kontakt, heisst es bei der Swisscom, und es gebe heute Lösungen – etwa durch den Einsatz von Mobilfunk für die Alarmierung generell oder zumindest als Back-up. Oder durch den Einbau von Notstromaggregaten, um die Funktionen auch bei einem Stromausfall aufrechtzuerhalten. Für die Telefone im Lift werde in der Regel ebenfalls auf Mobilfunk gesetzt.

«Unendlich viele Spezialfälle»

Die Tage von ISDN, früher als das Tor zur digitalen Telefonie gefeiert, sind im Zug der Umstellung ebenfalls gezählt. Die Swisscom wiegelt beim Ausmass der Folgen ab, zumindest bei den Privatkunden: «Nur rund 5 Prozent unserer Privatkunden besitzen noch ISDN-Telefone; diese werden auch bis Ende 2017 weiterhin unterstützt. Wir empfehlen jedoch direkt auf IP-fähige Telefongeräte umzustellen.» Genaue Zahlen, wie viele ISDN-Anschlüsse noch in Betrieb sind, weist die Swisscom seit 2008 nicht mehr aus.

«Die Swisscom hat eine herkulische Aufgabe vor sich», sagt ein Branchen­insider. Allein bei Firmenkunden gebe es unendlich viele Spezialfälle. Und wenn die noch eine ISDN-Anlage hätten, die zuverlässig funktioniere, fehle der Anreiz zu wechseln. «Bei solchen Umstellungen kann man sich an den letzten 10 Prozent, die noch nicht gewechselt haben, die Zähne ausbeissen», so der ­Telecomexperte, der nicht genannt werden will.

Mit anderen Worten: Die schwierigste Phase könnte für die Swisscom erst noch kommen. Denn bis jetzt haben jene Kunden sich vom Analognetz verabschiedet, die wechseln wollten. Gut möglich, dass das Telecomunternehmen später den Druck auf die Kunden zu erhöhen versuchen wird. Ein riskantes Unterfangen allerdings. Denn der Umstieg von analog auf IP könnte ein Kunde dann gleich zum Anlass nehmen, um zu einem Swisscom-Konkurrenten zu wechseln.

Bei der Ombudscom, der Schlichtungsstelle der Telecombranche, ist vom grossen Swisscom-Projekt bis jetzt nicht viel zu spüren. Die Erklärung: «Bei solch grossen Umstellungen gelangen die Fälle immer erst mit einiger zeitlicher Verzögerung zu uns, weil sich Kunde und Anbieter zuerst selbst zu einigen versuchen», sagt Ombudsmann Oliver Sidler.

Eine Entwicklung kommt der Swisscom bei ihrem Abschied von der analogen Telefonie entgegen: Jahr für Jahr geht die Zahl der Festnetzanschlüsse zurück. Mitte der 90er-Jahre wies der Telecomkonzern noch über 4 Millionen Anschlüsse aus. Laut dem letzten Geschäftsbericht ist die Zahl auf unter 2,8 Millionen gesunken.

Erstellt: 29.03.2015, 19:49 Uhr

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