Selbstfahrende LKW rollen jetzt auch über normale Strassen

Im US-Bundesstaat Nevada dürfen erste selbstfahrende Lastwagen auf nicht abgesperrten Strassen fahren. In Europa ist dies zwar noch nicht möglich, doch es tut Tests wie jenen mit LKW-Konvois keinen Abbruch.

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Beine hochlagern, auf dem Smartphone oder Tablet herumtippen: Immer wieder werden Lenker von Autos und Lastwagen während der Fahrt dabei erwischt, oder sie verursachen damit gar Unfälle. Doch in einigen Jahren dürften abgelenkte Fahrer zum Normalbild im Strassenverkehr gehören. Sowohl bei den PKW als auch bei den LKW wird an autonomen Fahrzeugen geforscht und getestet, was das Zeug hält. Die Industrie rechnet per 2020 mit der Markteinführung von selbstfahrenden Personenwagen, und der deutsche Hersteller Daimler peilt das Jahr 2025 für einen Regelbetrieb von selbstfahrenden LKW an.

Der LKW-Hersteller Freightliner, der zu Daimlers US-Tochter Daimler Trucks gehört, hat vor kurzem die Strassenzulassung für zwei fahrerlose Lastwagen im US-Bundesstaat Nevada erhalten. Damit können sie ab sofort auf der normalen Strasse fahren – allerdings mit Lenker an Bord, weil für kompliziertere Strecken, etwa innerorts, nach wie vor das Zutun von Menschenhand nötig ist. Eines der Fahrzeuge, der Daimler-LKW Inspiration, absolvierte diese Woche bereits einen Praxistest auf dem US-Highway 15 in Las Vegas. «Es ist wie ein Flugzeug auf Autopilot», sagte Wolfgang Bernhard, Geschäftsleitungsmitglied von Daimler, bei der Zulassungsfeier in Nevada.

Der LKW ist in den USA ein wichtiges Transportmittel: Laut Daimler wurden damit 2012 rund 70 Prozent aller im Inland transportierten Güter befördert.

Weniger Treibstoff nötig

Letzten Juli testete der Stuttgarter Fahrzeughersteller erstmals einen selbstfahrenden LKW auf einem gesperrten Autobahnteilstück bei Magdeburg. Der Future Truck 2025 fuhr auf der A14 bis zu 80 km/h unter realistischen Verkehrsbedingungen, wie Mercedes mitteilt. Auf nicht abgesperrten Autobahnen in Europa dürften führerlose Fahrten noch eine Weile auf sich warten lassen, denn die EU ist an die Wiener Konvention gebunden. Diese schreibt vor, dass der Lenker eines Fahrzeugs jederzeit die Kontrolle behält.

Diese Vorschrift gilt auch für automatisierte LKW-Konvois, an denen die Hersteller Volvo und Scania derzeit tüfteln. Die elektronisch gekoppelten Kolonnen funktionieren ähnlich wie ein Zug, aber die Wagen sind virtuell miteinander verkuppelt und kommunizieren untereinander. Nur das Führungsfahrzeug wird von einer Person gesteuert, in den anderen können sich die Fahrer anderen Dingen zuwenden – wie Kaffeetrinken oder Zeitunglesen. Sie müssen erst wieder aktiv werden, wenn sie sich aus der Kolonne ausklinken, um selbstständig an den Zielort zu fahren, zum Beispiel zu einem Detailhändler in einer Innenstadt voll von verschiedensten Verkehrsteilnehmern.

Testfahrten von Volvo auf mehreren Hundert Kilometern in Südschweden ergaben, dass beim Fahren im automatisierten LKW-Konvoi bis zu zehn Prozent weniger Treibstoff verbraucht werden, weil wegen der Kommunikation unter den Lastwagen weniger Stop-and-go-Manöver nötig sind. «Wir sind hochzufrieden», sagte eine Volvo-Vertreterin nach den Tests gegenüber den Medien.

Sorge der Gewerkschaften

Unter den Nutzfahrzeugherstellern sind schon heute grundsätzlich vier Vorteile des autonomen LKW-Fahrens unbestritten, wie «Spiegel online» berichtet: Erstens dürfte die Akzeptanz bei den Fahrern grösser sein als beim PKW, da im LKW jede Entlastung am Arbeitsplatz willkommen ist. Zweitens ist die Akzeptanz der Fahrzeugbesitzer höher, weil ein selbstfahrender Lastwagen sicherer und sparsamer unterwegs ist und zudem Unfallrisiko und Treibstoffverbrauch sinken. Zum Dritten ist auch die Akzeptanz in der Gesellschaft verbreiteter, denn autonome LKW verbessern den Verkehrsfluss und verringern das Staurisiko. Viertens ist die Technik leichter beherrschbar, weil Lastwagen weniger schnell fahren als Personenwagen und meist auf Autobahnen unterwegs sind, wo es weniger komplexe Verkehrssituationen gibt als innerorts.

Doch wo Licht ist, da ist auch Schatten: Nach wie vor ungeklärt ist, wie auch bei den PKW, die Haftungsfrage: Wer steht dafür gerade, wenn wegen des Bordcomputers ein Unfall passiert? Zudem sorgen sich die Gewerkschaften der Lastwagenfahrer, dass der «Kapitän der Landstrasse» irgendwann überflüssig wird, wie die «Tagesschau» des deutschen Fernsehsenders ARD berichtet. Die Sorge dürfte zumindest aus Schweizer Sicht nur teilweise begründet sein, denn in den nächsten Jahren wird hierzulande ein massiver Mangel an LKW-Fahrern entstehen (wir berichteten). (or)

Erstellt: 07.05.2015, 15:23 Uhr

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