Porträt

Sie führt die Post in die digitale Zukunft

Die langjährige IBM-Managerin Susanne Ruoff wird am 1. September neue Konzernleiterin der Post. Post-Präsident Peter Hasler sagte, die 53-Jährige kenne den Zukunftsmarkt des gelben Riesen bestens.

«Der beste aller Kandidaten»: Die neue Konzernleiterin Susanne Ruoff und der abtretende Post-Chef Jürg Bucher gestern in Bern.

«Der beste aller Kandidaten»: Die neue Konzernleiterin Susanne Ruoff und der abtretende Post-Chef Jürg Bucher gestern in Bern. Bild: Keystone

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Post-Präsident Peter Hasler hat ein feines Gespür für Dramaturgie. Statt die wochenlangen Spekulationen darüber, wer Jürg Bucher als Post-Chef ablösen wird, durch eine einfache Mitteilung zu beenden, schilderte er gestern zunächst in epischer Länge das Selektionsverfahren. Nicht weniger als 200 Namen hatten es offenbar auf eine erste Kandidatenliste geschafft, die Longlist mit ernsthaften Kandidaten umfasste immer noch 76 Einträge, 18 von ihnen schafften es auf die Shortlist und wurden von der Headhunting-Firma Boyden kontaktiert, sieben wurden zu Gesprächen eingeladen, vier durch eine weitere Beratungsfirma in Assessments auf Herz und Nieren geprüft und ein Duo schliesslich dem neunköpfigen Gesamtverwaltungsrat vorgestellt. «Ich freue mich sehr, ihnen den besten all dieser Kandidaten nun vorzustellen», sagte Hasler schliesslich, verliess den Raum und kam zur Überraschung aller mit einer Frau zurück, die niemand kannte.

Der Name Susanne Ruoff ist in keinem der Berichte über die Favoriten aufgetaucht. Die 53-jährige Ökonomin machte zunächst die Lehrerausbildung, bevor sie Wirtschaft studierte und bei IBM aufstieg. Zuletzt war sie dort für Global Technology Services verantwortlich und Mitglied der Geschäftsleitung. Die letzten zweieinhalb Jahre war sie als Chefin der BT Switzerland Ltd. tätig, einer Tochter der British Telecom. Ruoff ist verheiratet und Mutter zweier erwachsener Kinder. Sie wohnt seit 15 Jahren in Crans-Montana.

Besser als der interne Kandidat

«Wir sind begeistert, was für eine Perle wir da gefunden haben im grossen Managementteich», sagte Hasler zur Wahl Ruoffs, die am 12. November erfolgt ist. Aus seinen Worten war herauszuhören, dass im Wesentlichen drei Punkte den Ausschlag zugunsten Ruoffs und gegen den verbliebenen internen Kandidaten gegeben haben:

IT-Kompetenz: Bei IBM hatte Ruoff verschiedene Führungsfunktionen in Marketing, Vertrieb und Dienstleistungsgeschäft inne. Als Leiterin des Geschäftsbereichs öffentliche Verwaltungen konnte sie einen engen Kontakt zum Bund aufbauen. Diese Erfahrung dürfte der Post bei der Herausforderung, das Brief- und Paketgeschäft mit digitalen Angeboten zu kombinieren und zu erweitern, zugutekommen. «Wir haben jemanden gefunden, der in der digitalen Welt zu Hause ist und den Zukunftsmarkt der Post bestens kennt», sagte Hasler.

Sozialkompetenz: Mehrmals betonte Hasler, Ruoff habe in den Interviews und Assessments mit ihrer Sozialkompetenz und Kommunikationsstärke gepunktet. Auch ehemalige Mitarbeiter Ruoffs streichen dies hervor.

Vielseitigkeit: Ruoff hat neben Führungsaufgaben und Erziehungsarbeit zahlreiche Weiterbildungen am Insead in Fontainbleau («Client Executive»), an der Universität St. Gallen («Corporate Governance in Executive Boards») und am ZfU («Corporate Finance in multinationalen Unternehmen») absolviert. Ihr Ehrgeiz hat laut Hasler den Post-Verwaltungsrat beeindruckt, Professoren, bei denen sie studiert hat, streichen Ruoffs «bewundernswertes Zeitmanagement» hervor.

Erinnerungen an Reto Braun

Bei ihrem ersten Auftritt vor den Medien wurde Susanne Ruoff erstmals auf die Probe gestellt. Wieder und wieder musste sie begründen, warum sie aus der dynamischen Privatwirtschaft zu einem staatlichen Unternehmen wechsle, ob sie auch wirklich die Geduld und das Fingerspitzengefühl im Umgang mit Politik und Gewerkschaften mitbringe. Das letzte Mal, als ein Chef mit IBM-Vergangenheit die Leitung der Post übernahm, ist noch in unguter Erinnerung: Reto Braun verliess vor 11 Jahren den gelben Riesen nach nur 16 Monaten und wechselte zum damaligen Börsenliebling Fantastic. Später sagte er, er habe die «ungeschriebenen Gesetze» zu wenig gekannt und sei mit seiner Ungeduld der «falsche Mann» für diesen Job gewesen.

Keine Berührungsängste

Ruoff beteuerte, sie knüpfe leicht Kontakte und werde rasch den Zugang zur Politik finden. Es sei ihr klar, dass manches weniger schnell gehen werde als in der Privatwirtschaft, und sie freue sich darauf, im Dialog mit Politik und Sozialpartnern Lösungen zu suchen. Peter Hasler fügte an, das Post-Geschäft sei nicht mehr so stark von der Politik diktiert, wie viele meinten, er habe «seit über einem halben Jahr keinen Politiker mehr gesehen – ausser am Bahnhof». Als Präsident werde er die Konzernchefin in diesem Feld sicher unterstützen. Die beste Strategie sei noch immer, Gewinn zu machen. «Vor 15 Jahren, als wir 900 Millionen Franken Verlust schrieben, war es schwierig», sagte Hasler, «heute machen wir 900 Millionen Gewinn und sind so etwas wie das Golden Girl von Doris Leuthard.» Susanne Ruoff wird die Leitung des zweitgrössten Schweizer Unternehmens nach dreimonatiger Einführung am 1. September 2012 übernehmen. Hasler sagte, er rechne nicht damit, dass unterlegene interne Kandidaten nun absprängen. Die ganze Konzernleitung freue sich auf die Zusammenarbeit. Der scheidende Chef Jürg Bucher sagte stellvertretend, er führe «sehr, sehr gerne» eine Frau als seine Nachfolgerin in dieses Amt ein. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.11.2011, 21:58 Uhr

«Die Liebesbriefe kamen mit der Post»

Frau Ruoff, waren Sie überrascht, als Sie von Ihrer Wahl zur neuen Post-Chefin erfuhren?

Ich war ja nicht auf Stellensuche – insofern war ich überrascht und fühlte mich geehrt durch die Anfrage. Nun freue ich mich sehr, dass ich diese spannende Aufgabe im Sommer in Angriff nehmen kann. Jeder kennt die Post – was gibt es Interessanteres, als ein solches Unternehmen zu führen?

Sie sind politisch nicht besonders gut vernetzt und haben keine Erfahrung im Bank- und Logistik-Geschäft. Kann das zur Hypothek werden?

Dafür habe ich eine Geschäftsleitung mit erfahrenen Spezialisten. Es gehört zu meinen Stärken, auf Leute zuzugehen und Türen zu öffnen. Ich bin gut mit der Schweizer Politik vertraut und werde mich hier rasch einarbeiten.

Wo stehen Sie politisch?

Ich bin keiner Partei verpflichtet. Meine Haltung ist allerdings vermutlich eher bürgerlich.

Viele Frauen entscheiden sich für Familie oder Management-Karriere. Wie haben Sie es geschafft, mit zwei Kindern Karriere zu machen?

Ich habe nicht nur zwei Kinder, sondern auch einen Mann, der mir immer eine grosse Stütze war. Zunächst teilten wir uns die Kindererziehung, später kümmerte er sich als Hausmann um Kinder und Haushalt.

Sie sind eine von ganz wenigen Frauen an der Spitze eines grossen Unternehmens. Bräuchte es Quoten?

Ich bin gegen Quoten und dafür, dass Ausgewogenheit im Führungsteam Teil der Unternehmensziele wird. Frauen haben sicher noch viel Potenzial in der Schweiz. Entscheidend ist im Einzelfall aber immer, dass der oder die Beste die Führungsaufgabe übernimmt.

Sie kommen aus der dynamischen IT- und Telekommunikationswelt. Passt das zur eher trägen Post?

Gerade dieser Spagat zwischen digitaler Welt und traditionellem Basisgeschäft reizt mich. Zur Briefpost habe ich übrigens einen engen Bezug. Es käme mir nie in den Sinn, Weihnachtsgrüsse per Mail oder SMS zu versenden, da verschicke ich immer Karten per Post. Und auch die Liebesbriefe hat die Post gebracht – es gibt viele Gründe, emotional mit diesem Unternehmen verbunden zu sein.

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