Sie scheffelt Millionen mit Aufräumen

Bestseller, eine Netflix-Show, Weiterbildungen: Die Methode von Marie Kondo boomt weltweit. Auch in der Schweiz gibt es immer mehr Profi-Aufräumer.

Set aus leeren Boxen für 90 Dollar: Neuste Einnahmequelle von Aufräum-Star Marie Kondo.

Set aus leeren Boxen für 90 Dollar: Neuste Einnahmequelle von Aufräum-Star Marie Kondo. Bild: Seth Wenig/Keystone

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«Falten Sie beide Ärmel des T-Shirts nach innen, das Shirt liegt nun in einem Viereck vor Ihnen. Falten Sie dieses in der Hälfte und wiederholen Sie diesen Vorgang. Wenn ein Kleidungsstück richtig gefaltet ist, steht es von selbst», instruiert Marie Kondo in ihrem Youtube-Video. Die 33-jährige Japanerin ist die berühmteste Aufräumerin der Welt.

Ihre Youtube-Videos werden millionenfach angeklickt. In ihrem Buch «Magic Cleaning: Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert» erklärt Kondo, wie man mit einer aufgeräumten Wohnung das Glück findet. Das Buch, welches 2011 zunächst auf Japanisch erschien, wurde mittlerweile über zehn Millionen Mal in über 40 Ländern verkauft.

Kondos Motto: Es geht nicht um gefaltete Wäsche, sondern um Liebe. Minimalismus statt Unordnung. Denn Unordnung in einem Zimmer sei auch immer Zeichen der Unordnung im Herzen.

Löst Gegenstand Glücksgefühle aus?

Neben ihrem Standardwerk hat die Aufräumkönigin mittlerweile mehrere Bücher herausgegeben und erhält eine eigene Netflix-Serie. Sie hält Vorträge, Seminare und tritt in Medien auf. Zudem hat Kondo ein Beratungsunternehmen aufgebaut, für das sich Menschen weltweit bei Seminaren zu professionellen Aufräumberatern nach ihrer «Konmari-Methode» ausbilden und zertifizieren lassen. Die Kosten dafür betragen um die 2000 Dollar. Weiter müssen Berater eine jährliche Gebühr zahlen, um auf Marie Kondos Website aufgeführt zu werden. Künftig will sich Kondo mehr der Beratung von Unternehmen zuwenden: Google-Mitarbeiter hat sie bereits bezüglich Ordnung am Arbeitsplatz betreut.

Ihre Methode entwickelte Kondo nach ihrem Soziologiestudium. Zunächst habe sie als Aufräumcoach vor allem für einzelne Geschäftsleute gearbeitet, bald aber gemerkt, dass die Nachfrage zu gross war. Sie fasste ihre Philosophie und Methode also in einem Buch zusammen. Dabei geht es darum, aufs Mal Ordnung in den gesamten Haushalt zu bringen, anstatt jeden Tag ein bisschen aufzuräumen. Der Aufräumende soll jedes Besitztum in die Hand nehmen und sich überlegen, ob dieses Stück ein Glücksgefühl bei ihm auslöst. Ist dem nicht so: weg damit.

Bereits als Kind habe sie lieber aufgeräumt als gespielt, sagte Kondo. Damals habe sie sich über akkurat organisierte Flächen und Regale gefreut. Mittlerweile ist Kondos sogenanntes Decluttering, also Entwirren des Besitzes, zum globalen Trend geworden. Das «Time»-Magazin zählt sie zu den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten. In den USA gibt es sogar das Verb «to kondo» fürs Ausmisten.

Leere Boxen für 88 Franken

Kondos letzter Streich: eine eigene Lifestyle-Marke. Die ersten Produkte, eine eigene Linie an leeren Boxen, stellte Kondo diese Woche in New York vor. Die sechsteiligen Papierboxen-Sets werden für 89 Dollar (rund 88 Franken) über ihre Website verkauft. «Ich bin wahrscheinlich die einzige Person auf der Welt, die einen offiziellen Anlass veranstaltet, um leere Kisten vorzustellen», witzelte Kondo bei der Medienveranstaltung. Sie hoffe, die Boxen würden Menschen dazu motivieren, alle Schritte der aufwendigen Konmari-Methode zu durchlaufen.

Mit ihrer Bestellung erhalten Kunden gleichzeitig E-Mails mit Anweisungen zu Marie Kondos Methode. Anhand dieser Daten will Kondo ihre Gefolgschaft verknüpfen: «Ich höre oft, dass vielen Menschen die Motivation fehlt, Ordnung zu halten, wenn man damit alleine ist. Darum ist es wichtig, eine Gemeinschaft zu haben», sagte Kondo der Nachrichtenagentur AP.

Schweizer Ausmister

Auch in der Schweiz arbeiten mittlerweile professionelle Aufräumer. Seit letztem Jahr haben sie einen eigenen Verband: die Swiss Association of Professional Organizers. Sie hat Stand heute 23 Mitglieder, davon sind vier offiziell nach Marie Kondo zertifiziert. Das Interesse an dem Beruf und den Services sei steigend, sagt Caroline Bamert, die dem Verband angehört.

Die Baslerin arbeitet ebenfalls nach der Marie-Kondo-Methode – hat sich allerdings selbst weitergebildet und kein Seminar der Japanerin belegt.

Selbstoptimierung

Die Preise für die Angebote von Schweizer Organizern variieren. Ordnungscoach Karine Paulon aus Thalwil, die erste mit offizieller Marie-Kondo-Zertifizierung im deutschsprachigen Raum, etwa bietet auf ihrer Website ein Konmari-Package für 400 Franken an – darin enthalten sind fünf Stunden Arbeit für das Ausmisten bei Kleidern, Büchern, Papier, Alltagsgegenständen und sentimentalen Gegenständen.

Bei aller Ordnung gibt es auch Kritiker des extremen Minimalismus: «Wenn man alles aussortiert, was rätselhaft, widersprüchlich oder gar eklig ist, optimiert man das Leben und entmenschlicht es zugleich», sagte Paolo Bianchi, Leiter Weiterbildung «Creationship/Kreativmethoden» der Zürcher Hochschule der Künste, der NZZ. Wie das menschliche Herz Erregungen brauche, um gesund zu funktionieren, seien wir auf äussere Störungsmomente angewiesen, um produktiv zu sein, so Bianchi. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.07.2018, 20:04 Uhr

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