«Sie sollten nichts mehr mit Schwarzgeld zu tun haben»

Ethos-Chef Dominique Biedermann im Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet über Banken, Boni und die Beisshemmung der Finanzmarktaufsicht.

«Der Finanzplatz wird nicht schlechter, er verändert sich nur»: Dominique Biedermann, Direktor der Ethos-Stiftung, bei einem Mediengespräch an der Bahnhofstrasse.

«Der Finanzplatz wird nicht schlechter, er verändert sich nur»: Dominique Biedermann, Direktor der Ethos-Stiftung, bei einem Mediengespräch an der Bahnhofstrasse. Bild: Keystone

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Der Steuerstreit mit den USA ist aktuell Thema Nummer eins. Herr Biedermann, wird das für die Schweiz glimpflich ausgehen?
Das wird man sehen. Aber die Schweizer Banken müssen einfach verstehen, dass man andere Landesgesetze respektieren muss. Man kann nicht ein erfolgreiches Businessmodell für die Zukunft aufbauen, wenn man das nicht akzeptiert und die Vergangenheit ein für alle Mal erledigt.

Was bedeutet das für den Finanzplatz Schweiz? Wenn man bisher stark von der Veranlagung von Schwarzgeld profitiert hat, wo soll das Schweizer Private Banking dann in Zukunft das Geld verdienen?
Derzeit sind wir im Rahmen der Weltwirtschaftskrise eine Insel und deshalb auch ein attraktiver Anlageplatz für Kunden. Das sind nicht unbedingt die Kunden mit den gleichen Motiven wie früher.

Warum sollten diese ausgerechnet in die Schweiz kommen?
Der Schweizer Finanzplatz ist nicht Teil des Eurosystems und kann unabhängiger agieren.

Die Aufspaltung der Grossbanken ist offenbar in den Hintergrund gerückt. Ist das aus Ihrer Sicht vom Tisch?
Klassische Kreditgeschäfte würde ich nach wie vor gerne vom Investmentbanking getrennt sehen. Für den Finanzplatz wäre das weniger nachteilig, als immer behauptet wird. Der Schweizer Finanzplatz wird dadurch nicht schlechter, er verändert sich nur. Und so kann auch Vertrauen zurückgewonnen werden. Würde man eine Bank wie die CS aufspalten, und zwar in eine Investmentbank und eine – vereinfacht gesagt – normale Bank, dann bräuchte es auch nicht mehr so massive Kapitalerhöhungen, wie sie die CS im vergangenen Jahr durchgeführt hat.

Die Banken sagen, die strengen Eigenkapitalvorschriften seien schuld.
Das ändert nichts daran, dass bei Abspaltung des Private Banking der Kapitalbedarf für den anderen Geschäftsbankenteil markant sinken würde.

Verstehen Ihrer Erfahrung nach Bankmitarbeiter die anhaltende Kontroverse um Bonizahlungen?
Man spürt sehr klar, dass jene, die im Investmentbanking arbeiten, nicht verstehen, warum man Einschränkungen einführen sollte und transparent sein muss. Die Angestellten der anderen Bankbereiche wiederum verstehen nicht, warum man für die Investmentbanker eine Ausnahme machen sollte. Das erzeugt Spannungen auch innerhalb dieser Grossbanken.

Warum sollten Einschränkungen eingeführt werden?
Die Statistik aus dem Vorjahr für 2010 zeigt, dass der Durchschnittslohn für UBS-Investmentbanker bei 400'000 Franken lag. Das trifft in etwa auf 35 Prozent der UBS-Belegschaft zu. Wenn man das zusammenzählt, ist das noch schlimmer als das Salär von einer Million Franken pro Monat für den Verwaltungsratspräsidenten von Novartis, Daniel Vasella. Die anderen UBS-Angestellten, die nicht zum Investmentbanking gehören, haben im Schnitt rund 150'000 Franken pro Kopf bekommen. Das ist weniger als die Hälfte von dem, was die Kollegen im Investmentbanking verdient haben. Da hat man Mühe, das zu verstehen.

Hat sich Raiffeisen mit der Übernahme der Wegelin-Kunden nicht einem unüberschaubaren Risiko ausgesetzt? Man weiss ja nicht, ob alle Gelder deklariert sind.
Sie haben recht, das ist ein grosses Fragezeichen, das noch auf den Tisch muss.

Das US-Geschäft hat Raiffeisen nicht übernommen. Andere Vermögensverwalter in der Schweiz interessieren sich hingegen sehr für diese Kunden. Finden Sie das problematisch?
Grundsätzlich sind wir der Meinung, dass Schweizer Finanzinstitutionen nichts mehr mit undeklarierten Geldern zu tun haben sollten. Da sollte es keine Ausnahmen geben.

UBS und CS sagen, sie hätten sich schon vor Jahren vom grenzüberschreitenden Private Banking getrennt. Für Neukunden mag das zutreffen, aber was ist mit den Bestandskunden?
Das kann ich nicht weiter kommentieren.

Hat die Finma Ihrer Ansicht nach genügend Aufsichtsrechte und nimmt sie sie auch wahr?
In den vergangenen zwei Jahren haben wir viele Änderungen bei der Finma erlebt. Das geht in die richtige Richtung: Die Finma kann heute ihrer Rolle und den Kontrollaufgaben koordinierter nachkommen als früher.

Hat die Finma das Personal dazu?
Die Banken engagieren viele Wissenschafter und Mathematiker, die den Finma-Kontrolleuren erst erklären müssen, wie die neuen Produkte funktionieren, die sie entwickelt haben. Da muss die Aufsicht sehr aufpassen, dass sie auf der Höhe bleibt. Man müsste fragen, ob es sinnvoll ist, jedes Produkt zu erlauben.

Erstellt: 02.02.2012, 16:47 Uhr

Zur Person

Dominique Biedermann (54) ist seit 1998 Direktor der Ethos-Stiftung. Zudem ist er Lehrbeauftragter im Rahmen des Masterkurses «Ethik und Volkswirtschaft» an der Universität Freiburg.

Wer ist Ethos?

Ethos ist die Schweizerische Stiftung für nachhaltige Entwicklung und wurde 1997 von zwei Genfer Pensionskassen gegründet. Zweck ist es, bei Anlagetätigkeiten die Berücksichtigung von Grundsätzen für nachhaltige Entwicklung und Best-Practice-Regeln im Bereich der Corporate Governance zu fördern. Die Stiftung hat sich zum Ziel gesetzt, «ein stabiles und prosperierendes sozioökonomisches Umfeld, das der Gesellschaft als Ganzes dient und die Interessen der zukünftigen Generationen wahrt, zu fördern».

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