Ski für eine russische Eliteeinheit

Zwei Bündner an der Zürcher Goldküste stellen handgefertigte Ski für anspruchsvolle Individualisten und Freerider her. Ihr Geschäftsmodell ist bestechend einfach.

Sie machen die Bretter nach Wunsch: Fabian und Andrin Schütz (v. l.) mit ihren neusten Skimodellen aus einer Titanlegierung und Holzfurnier.

Sie machen die Bretter nach Wunsch: Fabian und Andrin Schütz (v. l.) mit ihren neusten Skimodellen aus einer Titanlegierung und Holzfurnier. Bild: Daniel Kellenberger

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Ein Paar Ski mit Mahagonifurnier gefällig? Oder mit der wunderbaren Maserung eines Asts vom Olivenbaum? Das klingt extravagant, ist aber Teil der Strategie des wahrscheinlich kleinsten Skiproduzenten der Schweiz. Den Vogel schiessen die Gebrüder Schütz mit ihrem neusten Produkt ab: dem Furnier einer 4200-jährigen, sogenannt subfossilen Eiche, deren Holz über Jahrtausende luftdicht in Sümpfen eingeschlossen war. Individualisten, die sich gerne etwas Besonderes leisten, dürfen die einmalige Struktur und Farbe dieser Mooreiche auf die Pisten der Alpen tragen: millimetergenau auf die Oberfläche ihrer Ski eingepasst, kombiniert mit gleissend-edlem Titanstahl.

Der bescheidene Verkaufs- und Showraum von Schuetz Sports in Hombrechtikon ist nicht leicht zu finden. Im Korridorlabyrinth der ehemaligen Ascom-Liegenschaft an der Eichtalstrasse würde sich so mancher Kunde sowieso verirren. Nur an der Eingangstür im zweiten Stock prangt ein kleines Schild mit dem Logo des Kleinunternehmens. Die Bündner Brüder Fabian und Andrin Schütz, die seit einigen Jahren an der Goldküste leben und arbeiten, heissen den Besucher willkommen.

«Nichts ist unmöglich»

Die beiden fühlen sich sichtlich wohl in ihrem lichtdurchfluteten Reich: Sie sind Ideengeber, Produktentwickler, Testfahrer, Berater und Verkäufer in Personalunion. Im Verkaufsraum stehen Ski in den verschiedensten Entwicklungsstadien herum. Alles handgefertigte Einzelmodelle, keines ist wie das andere.

Der 28-jährige Fabian Schütz aus Feldmeilen ist ein typischer Vertreter seiner Generation: bärtig, halblange blonde Haare, Chäppli, Karohemd und Bermudashorts. Früher fuhr er FIS-Skirennen. Seinem Ausrüster, einer weltbekannten Marke, war eines Tages das Geld ausgegangen. Da er danach niemanden mehr fand, der ihm geeignete Ski zur Verfügung stellen konnte, entschied er, sich selber ein Paar Rennbretter zu fertigen. In einer trinkfreudigen Nacht hätten er und sein Bruder Andrin den Entschluss gefasst, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. Fabian Schütz ist heute sein eigener Testfahrer.

Den Chinesen vorgezogen

Seit 2005 produzieren die Schütz-Brüder Ski – ursprünglich in Österreich, mit einem halben Dutzend Mitarbeitern. Doch das Unternehmen hatte im Zuge der Finanzkrise 2008 Pleite gemacht. Ihre Bank habe sie wie eine heisse Kartoffel fallen lassen. Die beiden Jungunternehmer liessen sich jedoch nicht unterkriegen. Sie machten aus der konkursiten Aktiengesellschaft eine GmbH und fingen wieder von vorne an. Heute produzieren sie ihre Latten mit einem einzigen Angestellten in Dietikon, die Grafik und das Design geben sie auswärts. Ganz nach dem Motto «Nichts ist unmöglich – zu einem vernünftigen Preis» produziert das Unternehmen derzeit jährlich etwa 180 Paar Ski. «Unser Ziel ist es, im Jahr etwa 350 zu verkaufen», sagt der Ueriker Andrin Schütz, Kunsthistoriker, Galerist und mit 35 Jahren der ältere der beiden Brüder.

Obwohl sich ihre Kundschaft mehrheitlich aus Individualisten zusammensetzt, kommt ab und zu auch ein Grossauftrag rein. So produzierte Schuetz Sports für Emmi spezielle Snowboards; für das Kleiderlabel des norwegischen Ausnahmelangläufers Björn Daehlie Ski mit dessen Namenszug und für eine Eliteeinheit der russischen Armee 500 Paar Hochleistungsski. «Die wollten unsere handgemachten, obwohl sie für einen Zehntel des Preises auch chinesische hätten haben können», erzählt der ältere Bruder stolz. Denn: «Jedes kleinste Detail an unseren Ski erfüllt eine Funktion, nichts ist überflüssig.» Das habe die Russen beeindruckt. Ganz im Sinne einer vorteilhaften Tarnung sind diese Bretter übrigens schneeweiss.

Stetes Wachstum zweitrangig

Zwei Arten von Einzelkunden hätten sie, welche diese Liebe zum Detail schätzten: zum einen den jungen, technisch versierten Sportler und Abenteurer, der sich als Freerider einen qualitativ hochstehenden Ski wünscht. «Die sparen ihr Geld zusammen, um bei uns ein Paar Ski zu erstehen», sagt Fabian. Andererseits den wohlhabenden Individualisten, der sich einen eigenen, unverwechselbaren Ski bauen lässt, das Furnier selber auswählt und die Gravur und das Design selbst bestimmt. Für jährlich 300 Franken wird ein Kunde zudem in die Schuetz Sports-Community aufgenommen: individuelle Betreuung, Skiservice, Lagerung, Führungen und Lawinenkurse inbegriffen. «Das war die Idee eines Kunden, die wir aufgegriffen und umgesetzt haben», sagt Fabian.

Der Kundenkontakt und die individuelle Betreuung der Kundschaft seien ihnen wichtiger als stetes Wachstum, ergänzt Bruder Andrin. Natürlich beinhalte ein solches Konzept auch eine versteckte Expansion, «dennoch sind wir vor allem auf Mund-Propaganda angewiesen.» Übrigens: Wer glaubt, Schuetz-Ski seien unbezahlbar, sieht sich getäuscht. Sie sind zwar ein Luxus, doch einer, den sich angefressene Wintersportler durchaus leisten können.

Mehr Nachrichten und Hintergründe vom rechten Seeufer gibt es täglich im Regionalbund des Tages-Anzeigers. Schreiben Sie direkt an staefa@tages-anzeiger.ch

Erstellt: 06.09.2010, 10:56 Uhr

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