Hintergrund

Smartwatch fordert Uhrenbranche

Die billige Swatch und mechanische Luxusuhren retteten in den Achtzigerjahren die Schweizer Uhrenindustrie. Auf die Herausforderung von iWatch und Samsung Gear hat sie noch keine Antwort.

Die in Zürich produzierten Einzelteile einer neuen mechanischen Luxusuhr der Marke «Urwerk».

Die in Zürich produzierten Einzelteile einer neuen mechanischen Luxusuhr der Marke «Urwerk». Bild: Rolf Baumgarten

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Die erste Quarzarmbanduhr wurde in Neuenburg entwickelt. Als erste Uhrenfirma in den Handel brachte sie dann aber Seiko an Weihnachten 1969. Schlaue Armbanduhren wie Samsungs Galaxy Gear oder Apples iWatch, die auf sich warten lässt, seien eine ähnlich grosse Bedrohung wie seinerzeit die billigen, hoch genauen Quarzuhren, glaubt die Nachrichtenagentur Bloomberg.

Zwei von drei Schweizer Uhrenmanagern sehen laut einer Umfrage der Beratungsfirma Deloitte keine Gefahr in den Smartwatches, die neben vielem anderem auch noch die Zeit anzeigen. «Die Uhrenindustrie ist gut beraten, Smartwatches nicht vorschnell als Trend abzutun, der sie nicht betrifft, sondern die Entwicklung mit Bescheidenheit und Aufmerksamkeit zu verfolgen», warnt Adrian Hofer, Partner von Boston Consulting Group in Zürich.

Das mittlere Preissegment dürfte am schnellsten unter Druck kommen, fürchtet Hofer. Er meint damit «Uhren, die ein paar Hundert Franken kosten, aber keinen Status verschaffen und bloss die Zeit anzeigen». Jenes breite Mittelfeld mit Allerweltsuhren also, die sich preislich mit Smartwatches messen müssen, aber sehr viel weniger können. Billige Uhren dagegen würden preislich durch Smartwatches nicht direkt konkurrenziert.

«Nichts Neues»

Der Entscheid der Weko, die Swatch Group dürfe die Lieferung von Teilen einschränken, mache auf das mittlere Preissegment zusätzlich Druck. «Kleineren Herstellern der mittleren Preisklasse fehlen die Mittel für die massiven Investitionen in Smartwatches», so Hofer.

Samsungs schlaue Uhr bringe «nichts Neues», sagte Nick Hayek, Chef der Swatch Group, nach der Lancierung. Tissot produziere seit 20 Jahren interaktive Uhren und habe «wertvolle Erfahrung» in diesem Thema. Tissot ist erfolgreich mit elektronischen Spezialuhren für Segler, Taucher, Racingfans und Jogger. Aber eine Antwort auf die ersten Uhren des Internetzeitalters, von denen laut der Researchfirma Strategy Analytics nächstes Jahr bereits 7 Millionen Stück abgesetzt werden können, hat auch der Bieler Uhrenriese nicht.

Luxusuhren weniger gefährdet

Die Antwort von Hayek Senior auf die billige Quarzuhr war damals die dank automatisierter Fertigung billige, aber topmodische Quarzuhr Swatch. Wichtiger noch war, dass Hayek als Sanierer der Branche den Glauben an die mechanische Uhr zurückgab und sie zielstrebig als Luxusgut positionierte, was sie heute ein Stück weit gegen technologische Schocks schützt. Die Schweiz exportiert weiterhin Unmengen Quarzuhren. Mechanische Uhren machen weniger als ein Viertel der Stückzahlen aus, bringen aber drei Viertel der Exporterlöse ein.

Das Topsegment werde sich am besten behaupten. «Hochwertige Uhren mit komplexer Mechanik sind ein Luxusgut und als solches nicht direkt gefährdet», glaubt Hofer. Zumal solche Uhren «oft das einzige Schmuckstück des Mannes» seien. Wer sich eine Uhr für 5000 Franken als Statussymbol leisten könne, für den seien elektronische Gadgets keine Alternative, sondern eher eine Ergänzung, sagt Jon Cox, Analyst bei Kepler Cheuvreux in Zürich. «Sie stehen nicht direkt in Konkurrenz zueinander.»

Warum noch eine Uhr tragen?

Dennoch: Wie bedeutend die Uhrenindustrie in zehn, zwanzig Jahren ist, hängt entscheidend davon ab, wie kreativ sie die Uhr mit dem Internet fusioniert. Ob teuer oder nicht, am meisten muss sich die Branche laut Hofer vor der schlichten Frage fürchten: «Warum trage ich noch etwas am Handgelenk?

Die Antwort darauf fällt oft nicht sehr überzeugend aus. Wenn in Basel im Frühjahr Uhrenmesse ist, fällt jeweils auf, wie viele mechanische Uhren sich selbst im höchsten Preissegment doch sehr ähneln – von der Massenware im preislichen Mittelfeld nicht zu reden.

Armbanduhren sind bei Teens und Twens schon heute zusehends out. Die Zeit zeigt jedes Handy an; alles andere, was ihnen wichtig ist, kann es auch. Nicht zufällig ist Samsungs Smartwatch eine Ergänzung zum Handy, das nur mit diesem zusammen volle Leistung bringt. Wie geschaffen für Leute, die lieber aufs Handgelenk schauen, um zu sehen, welcher Termin ansteht, von wem die SMS oder eine Mail ist, anstatt dafür mühsam das Handy hervorzuklauben. Die jüngere Generation für klassische Uhren zu gewinnen, dürfte ähnlich anspruchsvoll werden wie der Verkauf von Zahl-Abos für Zeitungen.

Kreative Köpfe sind rar

Selbst um den Markt der mechanischen Luxusuhren zu halten, muss die Branche sich mehr einfallen lassen. Die grösste Gefahr sei, dass die Schweizer Uhr als Statussymbol entthront werden könnte, lautete jüngst das Fazit einer Studie der CS zur Uhrenindustrie.

Kreative Köpfe wie die Macher bei «Urwerk» sind rar. Deren futuristische Uhren erinnerten an Star Wars, obwohl sie mechanisch funktionieren, schrieb die US-Finanzzeitung «Barron’s». Das Zifferblatt sieht aus wie die Anzeigetafel eines Raumschiffs, dessen Funktionsweise nicht auf Anhieb klar ist. Verkauft werden pro Jahr bloss 150 Stück zu Preisen von 65'000 bis 300'000 Franken.

Das Design und die Produktion der Teile (siehe Bild) macht der Kleinbetrieb in Zürich, die Montage ist in Genf. Im neuesten Modell setzt Urwerk Elektronik ein, um die Ganggenauigkeit des Mechanikwerks zu kontrollieren und Abweichungen zu korrigieren. Die Jungfirma Hyetis bietet mechanische Uhren mit einer Topkamera an. HYT Watches setzt auf hydromechanische Werke, andere treiben ihre Uhren mit Druckluft an.

Dass Smartwatches wieder verschwinden, so wie Quarzuhren mit eingebautem Taschenrechner in den Achtzigerjahren, ist wenig wahrscheinlich. Auch als Nischenplayer kann die Uhrenindustrie überleben. Um ihre Grösse zu halten, braucht die Branche aber mehr Tüftler und Querdenker, so wie damals bei der Erfindung der Swatch.

Erstellt: 26.10.2013, 08:53 Uhr

Etappensieg für Swatch

Weko hebt 2019 Lieferpflicht auf
Die Swatch Group darf ihre Uhrwerklieferungen an die Konkurrenz stufenweise reduzieren. Die Wettbewerbskommission (Weko) hat einer Vereinbarung mit dem Uhrenkonzern zugestimmt. Dies, nachdem sie im Juli ein erstes Abkommen zurückgewiesen hatte.

Die beiden Swatch-Tochterfirmen ETA und Nivarox liefern der Konkurrenz bis zu 90 Prozent der für Uhren benötigten Schlüsselteile. Swatch-Konzernchef Nick Hayek versucht seit mehr als zwei Jahren, die historisch gewachsenen Lieferpflichten abzuschaffen.

In Boomzeiten kann der Konzern in seinen Werken kaum genug Uhrwerke und Bestandteile für den eigenen Bedarf produzieren. In schlechten Zeiten bleibt die Firma dagegen auf Überkapazitäten sitzen. Mit dem neuen Abkommen ist Swatch nun zumindest langfristig von den Lieferpflichten befreit. Bis die Liefervorschriften 2019 ganz entfallen, gilt eine Übergangsregelung.

Als Basis für die Festlegung der Liefermengen während dieser Übergangsphase gelten die durchschnittlichen Verkaufsmengen der Jahre 2009 bis 2011. In den Jahren 2014/2015 muss Swatch noch 75 Prozent dieser Menge liefern, in den Jahren 2016/2017 noch 65 Prozent, 2018/2019 noch 55 Prozent. Die Swatch Group bezeichnet den Weko-Entscheid als «ersten positiven, wenn auch zaghaften Schritt». (SDA)

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