So bestach Alstom die Welt

Der Industriekonzern bezahlte über seinen Schweizer Sitz global Schmiergeld. Nun kommt es zu ersten Verfahrensabschlüssen gegen Manager. Die Beschuldigten kommen glimpflich davon.

Schmiergeldzahlungen gehörten bei Alstom zum Geschäftsgebaren: Mitarbeiter am Sitz in Oberentfelden.

Schmiergeldzahlungen gehörten bei Alstom zum Geschäftsgebaren: Mitarbeiter am Sitz in Oberentfelden. Bild: Gaëtan Bally/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die pannen- und skandalreiche Strafuntersuchung gegen den Bankier Oskar Holenweger hat einiges ausgelöst – zumindest indirekt: Valentin Roschacher musste als Bundesanwalt abtreten, sein Widersacher Christoph Blocher wurde nach den Wirren um Holenwegers H-Plan aus dem Bundesrat abgewählt.

An Holenweger selber blieb juristisch nichts hängen. 2011 sprach ihn das Bundesstrafgericht in allen Anklagepunkten frei – auch vom Vorwurf, er habe für Alstom schwarze Kassen eingerichtet. Ein Argument des Gerichts: Weil Beweise für die ungetreue Geschäftsführung beim Industriekonzern fehlten, konnte Holenweger nicht der Gehilfenschaft dazu schuldig gesprochen werden.

Nun aber ist gemäss TA-Recherchen doch noch ein Alstom-Manager in der Schweiz wegen ungetreuer Geschäftsführung verurteilt worden. Die Bundesanwaltschaft hat vor Weihnachten einen Strafbefehl gegen den Ex-Brasilien-Verantwortlichen des Konzerns mit Sitz in Paris erlassen, der unangefochten blieb.

Hingegen wurde ein weiteres Verfahren, eines gegen den früheren Alstom-Compliance-Chef, zwei Monate zuvor stillschweigend eingestellt. Der Spitzenmanager, intern zuständig für die Einhaltung der Verhaltensregeln, sass 2008 sieben Wochen in Untersuchungshaft. Zur Last gelegt wurden dem Schweizer Bestechungshandlungen in Tunesien, Sambia, Mexiko, Brasilien, Spanien, im Sudan, in Polen, in der Türkei, in Nigeria, Malaysia, Lettland und Russland, die er unterstützt oder zumindest nicht verhindert haben soll. Erhärten liess sich einiges, aber nichts Strafbares.

«Eine langjährige Tradition»

Die Bundesanwaltschaft ermittelt aber weiter im Alstom-Komplex. Vieles ist die Spätfolge einer Hausdurchsuchung bei Holenwegers Ex-Sekretärin. Dort stiess man auf Hinweise auf ein Korruptionssystem des Konzerns. Die teils mutmasslichen, teils belegten Schmiergeldzahlungen betrafen «Europa, Afrika, Australien sowie Nord-, Mittel- und Südamerika». Also alle Kontinente. Die Bundesanwaltschaft belegte Alstom 2011 wegen ungenügender Vorkehrung gegen Bestechung mit einer Busse von 2,5 Millionen Franken und einer Ersatzforderung von 36,4 Millionen.

Der jetzt wegen ungetreuer Geschäftsführung verurteilte Ingenieur und Manager war im Konzern eine grosse Nummer gewesen, zeitweise die Nummer 2 in Südamerika. Zuletzt führte der Portugiese die Geschäfte im Wachstumsland Brasilien. Der heute Selbstständige war gemäss Eigenwerbung an der Erstellung der beiden grössten Staudämme der Welt beteiligt gewesen: am brasilianischen Itaipú und am 3-Schluchten-Projekt in China.

Schuldig gemacht hat er sich im Zusammenhang mit Termorio, dem leistungsfähigsten Kombikraftwerk Brasiliens. Alstom ergatterte beim Bau einen 550-Millionen-Dollar-Auftrag. Das Geschäft lief über einen Vermittler und wie geschmiert: Die Alstom Prom AG mit Sitz in Baden äuffnete ein Konto eines brasilianischen «Beraters» bei der Allied Irish Bank in Dublin, das auf die Tarnfirma Rasint Ltd. lautete, mit fast 3,5 Millionen Dollar. Es folgten Verschleierungszahlungen: Das Geld wurde an Silvester 2001 zur Credit Suisse nach Gibraltar verschoben, aber noch am selben Tag nochmals zweimal innerhalb der CS am Affenfelsen transferiert. Dann floss es auf Konten in der Schweiz, den USA und in Gibraltar. Begünstigte waren Entscheidungsträger bei der Termorio-Vergabe, unter anderem in der Chefetage von Brasiliens staatlichem Erdölgiganten Petrobras.

«Eine langjährige Tradition in der Verpflichtung von Beratern» bestand laut der Bundesanwaltschaft nicht nur bei Alstom, sondern bei «zahlreichen anderen in diesem Bereich tätigen Konzernen». Allein die Energieabteilung Alstom Power pflegte 1999 Beziehungen zu 400 Consultants weltweit. Ein Teil der Berater leitete gemäss Bundesanwaltschaft «einen erheblichen Teil ihrer Erfolgshonorare an ausländische Entscheidungsträger» weiter. Richtlinien bei Alstom untersagten zwar Schmiergeldzahlungen. Doch das Geschäftsgebaren änderte sich bis weit in die Nullerjahre hinein nicht radikal. Zumindest geduldet wurde die Korruption. Heute scheint dies anders zu sein. Die Bundesanwaltschaft sieht bei Alstom «erhebliche Anstrengungen, um die erkannten Unzulänglichkeiten in der Korruptionsbekämpfung zu beheben».

Gefälschter Vertrag half nichts

Dem nun verurteilten ehemaligen Kadermann aus São Paulo wurde zum Verhängnis, dass er nicht zuletzt für sich selber schaute: Beim Termorio-Deal landeten 150'000 Dollar auf seinem Zürcher UBS-Konto. Dann erhielt er nochmals einen Kickback von 50'000 Dollar, und später kamen erneut fast 35'000 Euro dazu. Den Geldfluss konnte die zweite Wirtschaftsabteilung der Bundesanwaltschaft rekonstruieren. Doch kurz vor Abschluss der Strafuntersuchung liess der Ex- Alstom-Mann den Ermittlern plötzlich einen angeblich über ein Jahrzehnt alten Vertrag übergeben.

Das Schriftstück sollte beweisen, dass es sich beim Geld nicht um Kickbacks handelte, sondern um zurückbezahlte Schulden eines Freundes. Der Bundesanwaltschaft kam die Sache seltsam vor, hatte der Beschuldigte doch bis dahin nie den Erhalt illegaler Rückzahlungen bestritten. Sie liess die Unterschriften unter dem Kontrakt durch das Forensische Institut Zürich überprüfen. Das Gutachten zeigte, dass die Tinte jüngeren Datums war – und der Vertrag damit gefälscht.

Trotz dieses Manövers und der persönlichen Bereicherung kommt der Verurteilte nun mit einer bedingten Geldstrafe von 180 Tagessätzen à 300 Franken davon. Bezahlen muss er eine Busse von 12'000 Franken und eine Ersatzforderung von fast 400'000 Franken.

Geld an den «jungen Fussballer»

Straffrei bleibt der zweite Beschuldigte, der Ex-Compliance-Manager. Dank des umstrittenen Artikel 53 des Strafgesetzbuchs wird sein Verfahren gegen Wiedergutmachungszahlung eingestellt. 80'000 Franken sind bereits an das Rote Kreuz überwiesen – zur Verwendung in Tunesien. Für Berater und Mittelsmänner dort hatte Alstom ab 1999 mehr als 10 Millionen Dollar aufgebracht.

Das Geld garantierte Verträge mit der Société tunisienne d’Electricité et du Gaz. Profiteure waren wohl Kreise um den gestürzten Diktator Ben Ali. Einen davon führte der Compliance-Manager unter dem Pseudonym «der Junge» oder «der junge Fussballer» («le jeune footballeur»), was auf den Schwiegersohn Ben Alis hindeutet: Slim Chiboub war eineinhalb Jahrzehnte Präsident des Sportclubs Espérance du Tunis gewesen, des Fussball-Rekordmeisters des Landes. Die tunesische wie die schweizerische Justiz beschäftigt sich mit Chiboub, der in die Vereinigten Arabischen Emirate geflüchtet ist. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.01.2014, 22:54 Uhr

Slim Chiboub. (Bild: PD)

Artikel zum Thema

Was der Ausnahmeflug kostet

Hintergrund Die Antonow 225 hat gestern kurz vor 16 Uhr Zürich wieder verlassen. Der Transport einer Alstom-Gasturbine mit dem grössten Flugzeug der Welt dürfte über eine Million Franken gekostet haben. Mehr...

Alstom schafft im laufenden Jahr in der Schweiz 300 neue Jobs

Industrie Für den französischen Technologiekonzern Alstom werden kommenden Frühling in der Schweiz 300 Personen mehr arbeiten als noch im vergangenen März. Mehr...

SBB bestellen neue Neigezüge für den Gotthard

Die 250 Millionen Franken teuren Züge von Alstom sollen ab 2015 zwischen Norden und Süden verkehren. Sie werden die pannenanfälligen Cisalpino-Modelle der ersten Generation ersetzen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Abkühlung: Der kleine Gorilla Virunga wird von seiner Mutter Nalani durch den Biopark Valencia in Spanien getragen. Virunga ist der zweite Gorilla, der im Rahmen des europäischen Artenschutzprogrammes geboren wurde. (17.August 2018)
(Bild: Manuel Bruque/EPA) Mehr...