So tricksen die Airlines bei Flugticket-Preisen

Suchen Sie mehrmals in kurzer Zeit eine Buchungs-Website auf, dürfte der Preis steigen. Ihr Computer und das Betriebssystem haben auch einen Einfluss auf den Tarif.

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Von Zürich nach London mit Swiss und zurück: Am späten Dienstagabend gab es das Ticket mit Abflug am Samstag, 25. Juni um 12.05 Uhr und Rückflug eine Woche später um 8.40 Uhr für 180 Franken. Unter dem Rückflugtarif der Hinweis: «Noch 1 Sitz zu diesem Preis.» Weniger als zehn Stunden später kostet dieselbe Verbindung 190 Franken. Ein anderes Beispiel: Von Zürich nach Málaga am 14. Juli und zurück am 27. Juli kostete bei einer Buchung Ende April für eine vierköpfige Familie und einem Gepäckstück 1372 Franken. Gestern nun – sechs Wochen später – lag der Preis bei 1866 Franken und damit 36 Prozent höher.

Grafiken: Das grosse Auf und Ab bei den Flugpreisen

Der Preis für ein Flugticket ist längst keine feste Grösse mehr. Er kann sich im Extremfall minütlich verändern. Und jetzt, mit dem Anbruch der Hauptreisezeit, geht es vor allem nach oben. Dynamic Pricing heisst dieses Phänomen, das die herkömmlichen Airlines als Antwort auf die aufstrebenden Low-Cost-Gesellschaften wie Easyjet und Ryanair Anfang der Nullerjahre einzusetzen begannen und seither zugunsten der Umsatzoptimierung ständig verfeinert haben. Dabei lassen sie nichts unversucht.

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Sie brechen die Dienstleistung «Flug» in immer mehr Einzelteile auf. Was vorher ein selbstverständlicher Bestandteil einer Flugreise war, wie etwa 23 Kilogramm Freigepäck, wird separat kostenpflichtig. Ein Sitzplatz ohne Schnickschnack (No Frills) wurde auch für herkömmliche Anbieter wie Swiss zur neuen Kerngrösse. «Der günstigste Preis ohne Zusatzleistungen dient vor allem dem Marketing. Um bei den Suchportalen möglichst weit oben platziert zu werden», sagt Andreas Wittmer, Geschäftsführer des Center for Aviation Competence der Universität St. Gallen.

Verschärfter Preiskampf

Aus Sicht der Airline ist das Ziel immer, eine möglichst hohe Auslastung mit maximalem Gewinn zu erreichen. Yield Management beziehungsweise Ertragsmanagement heisst diese Disziplin im Fachjargon. Dazu werden die Sitzplätze in Kontingente unterteilt, denen dann ein bestimmter Preis zugewiesen wird.

Der Preiskampf beschränkt sich längst nicht mehr auf die Kurzstrecken. Durch die aufstrebenden Gesellschaften aus den Golfstaaten und Asien gerieten die Preise auf den für die Airlines attraktiven Langstrecken unter Druck. «Das macht es für die nationalen Gesellschaften noch schwieriger, mit dem Flug­geschäft überhaupt noch Geld zu ver­dienen», sagt Wittmer.

Bildstrecke – das sind die sichersten Airlines 2015:

Doch wie wirkt sich dieses Spiel mit den Preisen aus? Das Vergleichsportal Kayak hat im Auftrag des TA die Preise für diverse Flüge ab Zürich ausgewertet, und zwar für den Hin- und Rückflug in der Economy-Klasse zwischen 2014 und 2015. Die Daten illustrieren anhand der Entwicklung des volumengewichteten Durchschnittspreises, wie sich der Preiskampf verschärft hat. Von den abgebildeten Beispielen legten nur gerade Belgrad und Palma de Mallorca leicht zu. Auf den übrigen Verbindungen sanken die Preise im Schnitt. Besonders stark unter Druck geraten sind bei den hier ausgewerteten Verbindungen die Flüge nach Bangkok, wo der Durchschnittspreis um 17 Prozent sank.

Die Auswertung von Kayak führt aber auch vor Augen, wie stark sich die Preise im Jahresverlauf ändern. Je nach Destination zeigt sich ein anderes Muster und auch eine stärkere oder schwächere Ausprägung. Bei Bangkok steigen die Preise an, wenn im November die Monsunzeit vorbei ist. Bei Verbindungen in die USA kommt es zur Zeit der Schulferien im Sommer zum preislichen Höhepunkt. Die Erklärung dafür klingt naheliegend: Die USA sind auch eine Familiendestination – und damit sich der Sprung über den Atlantik lohnt, werden dafür bevorzugt die langen Sommerferien verwendet. Bei Belgrad kommt zum Tragen, dass diese Flüge von Leuten mit familiären Verbindungen nach Serbien für den Verwandtenbesuch genutzt werden, besonders geballt an Feiertagen.

Wohin geht die Reise beim Preis?

Der neue Umgang der Airlines mit den Tarifen hat das Geschäft komplett verändert. «Gerade Swiss treibt das System auf die Spitze und hat damit den Preisdruck in der Schweiz weiter forciert», sagt ein Brancheninsider, der nicht genannt werden will. Dabei gelang es der Fluggesellschaft, gleichzeitig die Margen hoch zu halten. «In der Branche sind 0 bis 2 Prozent üblich», sagt Aviatikexperte Wittmer. Tatsächlich zeigen die Geschäfts­berichte von Swiss aus den letzten zehn Jahren, dass die Gewinnmarge (auf Stufe Ebit) mit zwei Ausnahmen immer über 5 Prozent lag. 2007 waren es sogar rekordhohe 11,7 Prozent, 2008 und 2015 ­jeweils 9 Prozent.

Doch die Margen sind unter Druck, und die Airlines müssen sich darauf einstellen, dass aus dem einstigen Wachstumsgeschäft ein noch härterer Verdrängungsmarkt wird. «Es wird zusehends Airlines geben, die ihr Geld nicht mehr mit dem eigentlichen Fluggeschäft verdienen werden, sondern mit anderen Dienstleistungen», prophezeit Wittmer.

Tipps beim Buchen

Als Kunde sollte man davon ausgehen, dass die Airlines jedes Mittel einsetzen, um ihren Gewinn zu maximieren.
Wochentage: Den Preis unter der Woche tiefer ansetzen als am Wochenende, wenn mehr Leute ihren nächsten Trip planen, ist ein oft zitierter Trick, den Airlines angeblich zur Stimulierung der Nachfrage verwenden.
Datenspuren: Wer im Internet verschiedene Angebote prüft, erzeugt mit seinem Surf-Verhalten ein Datenprofil (Stichwort: Cookies), das von den Anbietern ausgewertet werden kann. Wer innerhalb kurzer Zeit eine Buchungswebsite oft aufsucht, liefert einen Hinweis auf die Dringlichkeit seiner Buchung. Und dann ist er bereit, einen höheren Preis zu zahlen. Die Anbieter können ihre Preise aber auch je nach Computer und Betriebssystem des Kunden variieren. Deshalb empfiehlt es sich, ein Angebot über verschiedene Computer und Smartphones oder Tablets abzufragen und – wenn die Zeit reicht – die Preisentwicklung über einen gewissen Zeitraum zu beobachten. Es kann sich zudem lohnen, auf einem Gerät die gespeicherten Cookies und den Browser-Verlauf zu löschen und zu prüfen, ob und wie sich der Preis verändert. Der Web-Browser kann auch so eingestellt werden, dass er keine Cookies speichert (privater oder Inkognito-Modus) oder das Speichern jedes Mal bestätigen lässt.
Zeitpunkt: Wer möglichst günstig fliegen will, sollte besser früh und mit möglichst flexiblen Abflug- und Rückflugdaten buchen und auch alternative Flughäfen prüfen. (map)

Zocken um ein Upgrade

Ein Upgrade in die Business class war früher in erster Linie ein Mittel, um gute Kunden für ihre Treue zu belohnen. Wer in den Genuss einer solchen Überraschung kam, fühlte sich so richtig gebauchpinselt. Jetzt haben die Airlines das Upgrade als neue Spielart zur Umsatzsteigerung entdeckt. Diverse Anbieter, darunter Air Berlin und mittlerweile auch Swiss, sind dazu übergegangen, freie Plätze in der Business class zu versteigern. Es ist eine Lotterie: Wer bei der Auktion mitmacht, weiss nicht, wie viele weitere Interessenten im Rennen sind und in welcher Höhe sich deren Gebote bewegen. Kurz vor Abflug erfährt der Passagier, ob er mit seinem Gebot erfolgreich war. Bei Swiss erfolgt dieser Zuschlag zwischen 120 und 48?Stunden vor dem Take-off, bei Air Berlin ist es spätestens 12?Stunden vorher.

Bei Swiss werden die Businessplätze nur auf der Langstrecke versteigert. Die Gewinner können auch die übrigen Vorteile eines Businessfluges nutzen; separater Check-in-Schalter, bevorzugtes Einsteigen, Lounge-­Zugang und zwei Handgepäckstücke.

Wie hoch die Einnahmen sind, die Swiss mit der Versteigerung erzielt, legt die Airline nicht offen. Das Angebot stosse aber auf Anklang, liess die Airline kürzlich gegenüber der Radiosendung «Espresso» verlauten. Die Swiss-Schwestergesellschaft Austrian Airlines kommunizierte offener. Von 46'000?Passagieren, die im vergangenen Jahr um ein Upgrade feilschten, nahmen schliesslich 16'000 in der Business class Platz. (map)

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.06.2016, 23:04 Uhr

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