Softdrink-Konzerne sponsern Hahnenwasser-Propaganda

Die Gesellschaft für Ernährung fordert an einem Anlass zum Verzicht auf die Produkte ihrer Sponsoren auf.

Süssgetränke stehen nicht auf der Liste der Dinge, die man laut SGE konsumieren sollte: Coca-Cola-Dosen. Foto: Reuters

Süssgetränke stehen nicht auf der Liste der Dinge, die man laut SGE konsumieren sollte: Coca-Cola-Dosen. Foto: Reuters

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Der Kontrast könnte nicht grösser sein. Eine Tagung der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung (SGE) gestern in Bern begann mit einem Frühstückssymposium «sponsored by Coca-Cola». Eine gute Stunde später dann der Hammer für ihn und weitere Sponsoren wie Nestlé, Migros und Coop. Die einflussreiche Institution rät davon ab, Süssgetränke und Mineralwasser zu kaufen. In ihrem neu publizierten Merkblatt «Tipps zum nachhaltigen Essen und Trinken» steht: «Ich trinke Hahnenwasser.»

Beobachter geben sich erstaunt. Die SGE stehe grossen Nahrungsmittelherstellern nahe, sagt Sara Stalder von der Stiftung für Konsumentenschutz. Die Botschaften der SGE seien widersprüchlich. Zum einen stelle sie Coca-Cola und Nestlé in den Vordergrund, zum anderen publiziere sie solche Kauftipps. Michel Rudin vom Konsumentenforum (KF) ergänzt, es sei «mutig», dass die SGE sich mit solchen Tipps «gegen die Interessen gewisser Sponsoren» stelle.

Coca-Cola sagt auf Anfrage, sie nehme diese Aufforderung «zur Kenntnis». Das Sponsoring sei nicht infrage gestellt. Man müsse nicht die gleiche Position vertreten. Coca-Colas grösstes Anliegen sei es, «die Konsumenten unabhängig und frei entscheiden zu lassen, welches Getränk in der entsprechend gegebenen Situation für sie richtig» sei. Die Produktepalette sei breit. Selbst bei Mineralwassern sehe man die «unterschiedlichen Mineralisierungen als attraktive Ergänzung zum Hahnenwasser». Nestlé ergänzt, Hahnenwasser und Mineralwasser stünden «nicht in Konkurrenz». Schweizer konsumierten im Schnitt nur 2,5 dl Mineral pro Tag.

Sich nicht verführen lassen

In Bezug auf heutige Einkaufsgewohnheiten sind drei weitere Tipps ebenso radikal: «Ich kaufe zu Fuss oder mit dem Velo ein», «Ich konsumiere überwiegend pflanzliche Lebensmittel» und «Ich kaufe nur so viel wie nötig ein». Die SGE präzisierte, dass sich der Konsument «nicht zu Mehrverkäufen verleiten lassen» und dass er den Fleischkonsum auf «2- bis 3-mal pro Woche» drosseln sollte. Die Tipps werden abgerundet mit der Aufforderung, Nahrungsmittel «aus der Region» zu kaufen und «überwiegend ökologische Produkte» zu wählen.

Wie sieht die Fleischindustrie diese Aufforderung? Der Verband Proviande, der an der Tagung mit dem Label «Schweizer Fleisch» warb, sagt, dass Fleisch auch weiterhin als «wertvoller Lieferant von Protein, Eisen, Vitamin B 12 und anderen Stoffen» gelte. Man freue sich über die Aufforderung, Fleisch aus artgerechter Tierhaltung zu kaufen nach dem Motto «Klasse statt Masse». Nur ein Fünftel aller Schweizer konsumierten mehr als 5-mal pro Woche Fleisch. Und selbst die Forderung nach regionalem Einkauf komme Schweizer Produzenten entgegen.

Sponsorin Migros stellt die Wahlfreiheit in den Vordergrund. Sponsorin Coop kritisiert, dass die Bedeutung der Labels wie Bio, Fairtrade oder Tierwohllabels «zu wenig Eingang gefunden» habe. Nestlé betont, dass in der Beschaffung vieles in «Richtung der SGE» gehe. Eine Vertreterin des Kantons Waadt monierte, dass Anbieter von Kantinen sich «oft nicht an die Gebote halten, aus der Region zu kaufen und auf den Herstellprozess zu achten». Das sei ärgerlich. So bietet etwa der SGE-Sponsor Compass Group in Kantinenmenüs ­Fische aus Indonesien und Poulet aus Polen an. Compass wollte gestern nicht Stellung nehmen. Ein weiterer Sponsor, die SV Group, sagt, auch bei Kantinen sei ein starker Trend, ein Maximum aus der Region zu beziehen. Heute stammen «zwei Drittel des Pouletfleischs» aus der Schweiz, das sei vor drei Jahren anders gewesen. Gemüse werde, sofern die Saison es zulasse, auch hierzulande bezogen.

Erstellt: 22.08.2014, 02:37 Uhr

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