Spardruck ist schuld am Schneechaos

Die Deutsche Bahn ist überfordert, der Flughafen Frankfurt lahmgelegt. Jetzt sagen Experten: Die deutsche Transportbranche hat die Ausfälle bewusst in Kauf genommen.

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Wer in Deutschland unterwegs ist, braucht zurzeit viel Geduld: Der Flughafen Frankfurt ist seit Tagen lahmgelegt und die Deutsche Bahn steckt vielerorts fest. Nun wird Kritik an der Branche laut: Weil seit Jahren an allen Ecken gespart wird, sei sie schlecht für Wettereinbrüche gerüstet.

So sagte der Verkehrswissenschaftler Gerd-Axel Ahrens von der Technischen Universität Dresden, der Druck auf die Transportbranche sei der Auslöser für das aktuelle Schneechaos. «Wir wollen, dass die Menschen möglichst schnell von A nach B kommen, und nehmen dabei in Kauf, dass die Verkehrssysteme hoch ausgelastet und bis an ihre Grenzen beansprucht werden», sagte Ahrens der Wochenzeitung «Die Zeit» laut einer Vorabmeldung vom Dienstag. Wenn dann Störungen aufträten durch einen Wintereinbruch, Unfälle oder Baustellen, «wirkt sich das besonders schlimm aus». Er halte es für vernünftig, die Systeme nur mit 60 bis 70 Prozent auszulasten, sagte Ahrens. «Dann gibt es Puffer und Reserven, zum Beispiel in Form von Ausweichrouten.»

«Die Volkswirtschaft leidet»

Noch deutlicher äussern sich Kommentatoren der «Financial Times Deutschland». «Mitschuld an den enormen Behinderungen trägt das Spardiktat der Logistikbranche», heisst es dort. Die Lufthansa beispielsweise würde ihre Flugpläne so takten, dass die Flugzeuge möglichst kurz am Boden bleiben. Auch der Flughafen selbst ist überfordert: Es fehlt an Enteisungsmitteln und Schneeräumern. Wenn die Frankfurter Kollegen Interesse hätten, könnten sie sich bei ihnen weiterbilden, sagte darum der Sprecher des Flughafens Stockholm zu «Zeit online»: «Sie können sich angucken, wie wir das hier im Norden machen.» Es sei ganz einfach so: Stockholm verwende mehr Geld für die Schneebekämpfung.

Auch die FTD bezeichnet jedoch vor allem die Situation der Deutschen Bahn als typisch: Würde man die Bahn so ausrichten, dass sie bei Extremwetterlagen wie dieser funktioniert, würde dies grosse Mehrkosten mit sich bringen. Das Wirtschaftsblatt verweist auf eine Angabe des Zugbauers Bombardier, wonach ein mit Heizungen und Isolation für den schwedischen Winter ausgerüsteter Zug 15 Prozent mehr koste als ein in Deutschland eingesetzter Zug. Die Deutsche Bahn habe ausserdem Personenwagen verschrottet, um zu sparen, zitiert die FTD Karl-Peter Naumann vom Zugfahrerverband Pro Bahn. Diese würden nun fehlen, genauso wie ausreichend Heizungen an den Weichen.

Verkehrswissenschaftler Ahrens nennt als positives Gegenbeispiel das Verhalten der Schweizer Betriebe. «Die Schweizer Eisenbahn fährt zuverlässiger und günstiger nach dem Motto: so schnell wie nötig. Bei uns wird oft so schnell wie möglich gefahren, aber die Umsteigzeiten sind so eng vertaktet, dass Sie bei der kleinsten Störung den Anschlusszug verpassen», sagte er in der «Zeit». Deutschland hingegen bewerte kurze Reisezeiten «ungeheuer hoch». Sicherheit, Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit seien jedoch wichtiger. «Die Volkswirtschaft leidet, wenn viele Termine platzen, weil die Reiseverzögerungen unvorhersehbar eintreffen.»

dapd/mwo/pon

(oku)

Erstellt: 21.12.2010, 17:03 Uhr

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