Hintergrund

Spendenorganisationen horten Hunderte von Millionen Franken

Glückskette, Heilsarmee und andere Hilfswerke sammeln wieder – obwohl sie auf enormen Reserven sitzen.

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«Jeder Rappen zählt» – mit diesem eindringlichen Appell sammeln das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) nächste Woche Spenden für die Glückskette. Das Geld soll Müttern in Not zugutekommen. Eine gute Sache. Nur: Ist die Glückskette wirklich auf jeden Rappen angewiesen? Sie erzielte im 2010 einen operativen Gewinn von 69 Millionen Franken, der in zweckgebundenen Fonds landete. Ende Jahr verfügte die Glückskette über 140 Millionen Franken Cash und Wertschriften. Auch die Heilsarmee stellt bald ihre Sammelkessel auf. Bedürftig ist sie kaum: 226 Millionen Franken Cash und Wertpapiere weist die Heilsarmee-Bilanz aus. Das ist deutlich mehr als ihre Jahresausgaben.

Spendensammler könne man nicht mit der Privatwirtschaft vergleichen, sagt Martina Ziegerer, Geschäftsleiterin der Schweizer Zertifizierungsstelle für gemeinnützige Sammelorganisationen (Zewo): «Sie können weder Kredite aufnehmen noch sich am Kapitalmarkt eindecken, brauchen also Reserven, um allfällige Spendeneinbrüche und andere Einnahmenrückgänge aufzufangen.»

Reiche Roche ist ärmer dran

Reserven sind nötig. Doch müssen sie fünf Jahre reichen wie bei der Berghilfe? Muss eine Rega so finanzstark sein, dass sie über zwei Jahre ohne einen Rappen Spendeneinnahmen auskommt?

Wie üppig die Reserven mancher Spendenorganisation sind, zeigt auch ein Vergleich mit der Privatwirtschaft. Der Industriekonzern Sulzer etwa verfügte Mitte Jahr über 455 Millionen Cash und Wertschriften. Sollte der 3-Milliarden-Konzern in eine Krise schlittern, reicht das nur knapp zwei Monate, wenn gar keine Einnahmen mehr da wären. ABB käme mit ihren 5,6 Milliarden Dollar Flüssigem nur zwei Monate über die Runden. Selbst Roche, der Inbegriff eines reichen Schweizer Multis, kommt mit 8 Milliarden Franken flüssigen Mitteln und Wertschriften keine drei Monate ohne Einnahmen aus.

Kurz: Private Unternehmen müssen mit viel knapperen Reserven wirtschaften. Wobei die Privaten, anders als steuerbefreite Spendenorganisationen, Schuldzinsen, Dividenden und Steuern zahlen müssen. Wohl mit ein Grund, warum erfolgreiche Spendensammler solche Überschüsse anhäufen können.

Berghilfe: Reserve für Reserven

Wie begründen die Organisationen ihren teils enormen Reservebedarf ? Die Berghilfe ist ein typisches Beispiel. Ihr Ziel sei, «unabhängig vom Spendeneingang jederzeit die von der Bergbevölkerung nachgefragten und benötigten Unterstützungsleistungen zu erbringen», sagt Berghilfe-Sprecher Ivo Torelli. Letztere sind zwei Jahre in Folge gesunken, auf rund 20 Millionen Franken. Die Sammeleinnahmen sind in dieser Zeit gestiegen, der Finanzertrag zweier Jahre beträgt 14 Millionen.

Wozu also braucht die Berghilfe 129 Millionen Reserven, mehr als fünfmal den Gesamtaufwand? So könne man nicht rechnen, sagt Berghilfe-Sprecher Torelli. Über die Hälfte bestehe aus zweckgebundenen Fonds. Zudem brauche es für Wertschwankungen des Vermögens eine Bewertungsreserve von 22,7 Millionen Franken. Als echte Reserven zählten nur die freien Mittel von 41 Millionen Franken, die mit rund 1,5mal den Gesamtaufwand eines Jahres «in Übereinstimmung mit den Empfehlungen der Stiftung Zewo» seien.

Geld wird in Fonds versteckt

In der Tat deckt die Zewo als Branchenorganisation die Praxis der Berghilfe, der Glückskette und anderer Organisationen, die sich mit der Häufung einer Vielzahl von Fonds mit Zweckbestimmung arm rechnen. «Zweckgebundene Spenden zählen nicht zu den freien Mitteln», sagt Zewo-Chefin Ziegerer. Und nennt eine erstaunliche Obergrenze für Reserven. «Diese sollten aber zwei Jahresumsätze nicht übersteigen, oft genügt ein Jahr.» Vergleicht man so viel Nachsicht gegenüber Vermögensanhäufungen in Spendenorganisationen mit den um ein Vielfaches knapperen Reserven in Privatunternehmen, wird die Tendenz, Spenden zu horten, augenfällig.

Rega: Übervorsichtig finanziert

Zumal gemäss Optik der Zewo die Rega mit 140 Millionen Umsatz im 2010 trotz einer Viertelmilliarde freier Mittel ihre Vorgaben noch erfüllt. Was ist mit den zusätzlichen 180 Millionen Investitionsreserve? Diese brauche die Rega für «periodisch wiederkehrenden Investitionsbedarf», sagt Rega-Sprecherin Ariane Güngerich: «Sowohl Rettungshelikopter wie Ambulanzflugzeuge müssen jeweils nach einer Einsatzperiode von 10 bis 15 Jahren neu beschafft werden.» Die Helierneuerung ist praktisch abgeschlossen, neue Ambulanzjets braucht es erst «in einigen Jahren». Die Rega dürfte selbst aus konservativer Finanzsicht übermässig Spendengelder halten.

Diese Tendenz, Verpflichtungen, die erst in Jahren eingelöst werden müssen, mit Fonds abzudecken, ist mit ein Grund für die üppigen Reserven. Viele Organisationen legen vor Beginn mehrjähriger Projekte die Kosten für die gesamte Laufdauer zur Seite. Das entspricht etwa dem Verhalten eines Spenders, der mit dem Bau seines Hauses erst anfängt, wenn es abbezahlt ist. Es ist nachvollziehbar, wenn Spendenorganisationen nicht mit Schulden arbeiten wollen wie Privatfirmen. Gleichwohl dürfte es Sinn machen, wenn sie Gelder, die Projekte in einem bestimmten Jahr erfordern, zeitnah einnehmen. Das erhöht den Erfolgsdruck und fördert die Erfolgskontrolle bei langjährigen Projekten.

Zurück zum Anfang: Braucht eine Glückskette jeden Rappen? Ihre Fonds weisen Dutzende Millionen Spendengelder aus für weit zurückliegende Ereignisse: 41 Millionen aus der Zeit des Tsunami in Asien vor sieben Jahren, 9,6 Millionen für «Unwetter Schweiz 2000».

Mehreinnahmen im Krisenjahr

Eine übervorsichtige Finanzpolitik ist nicht notwendig, weil die Horrorvorstellung, die Spenden könnten urplötzlich ganz ausbleiben, kaum je Realität wird. «Der Spendenmarkt ist viel stabiler als die Wirtschaft mit ihren Umsatzschwankungen», sagt der emeritierte Wirtschaftsprofessor Max Boemle.

Diese Einschätzung teilt auch die Branchenorganisation Zewo. «Die Finanzkrise hatte in der Schweiz keine negativen Auswirkungen auf die Spenden», schrieb die Zewo zum Spendenjahr 2009. Trotz Finanzkrise im 2008 und Rezession im Jahr darauf ortete sie «Wachstum auf breiter Front». Die Gesamteinnahmen der Branche stiegen im 2009 um 8,3 Prozent auf 2,8 Milliarden Franken. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.12.2011, 06:28 Uhr

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