Spitäler könnten sparen, doch sie tun es oft nicht

Herzklappen und Hüftgelenke sind im Ausland deutlich billiger, aber der Import ist mühsam.

Herzklappen wie diese können in der Schweiz bis zu sechsmal teurer sein als im Ausland. Foto: Prisma

Herzklappen wie diese können in der Schweiz bis zu sechsmal teurer sein als im Ausland. Foto: Prisma

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Die Preisunterschiede sind dramatisch: In der Schweiz bezahlen Spitäler für einen Herzschrittmacher bis zu 9500 Franken. Wird das genau gleiche Produkt aus dem Ausland importiert, kostet es 5000 Franken. Bei anderen Medizinprodukten wie Herzklappen oder Gefässstützen sind die Preisunterschiede teilweise noch grösser.

Was Konsumenten bei Kleidern, Kosmetika oder Lebensmitteln schon lange ärgert, ist auch im Gesundheitswesen ein Thema. Medizinprodukte, zu denen etwa auch Implantate wie Knie- oder Hüftgelenke zählen, dürfen aus dem Ausland importiert werden – im Gegensatz zu Medikamenten. Allerdings halten sich die Spitäler trotz des grossen Einsparpotenzials zurück, da sich ihnen viele Hürden in den Weg stellen.

Einer, der sich davon nicht abhalten lässt, ist Enea Martinelli. Er ist als Chefapotheker des Spitalverbunds Frutigen, Meiringen und Interlaken für den Einkauf von Medikamenten und Medizinprodukten verantwortlich. Er kennt die Probleme genau, die ein Spital beim Import hat. «Zunächst mussten wir einen Händler finden, der nicht nur zuverlässig ist, sondern auch die gewünschte Menge liefern kann.»

Die grossen Produzenten versuchen den Einkauf aus dem Ausland zu unterbinden und üben Druck auf die Zwischenhändler aus. Wird dessen Name bekannt, beliefert der Hersteller ihn nicht mehr, sagt Martinelli. Ähnliche Probleme kennen auch Detailhändler wie Denner. Die Firma importiert seit Anfang Jahr Coca-Cola aus Tschechien, wobei ihre Zwischenhändler wegen der Zusammenarbeit mit Denner vom US-Konzern unter Druck gesetzt werden.

Ein weiterer Knackpunkt ist die Frage der Haftung. Denn rechtlich gesehen haftet nicht der Hersteller der Medizinprodukte, sondern der Importeur. «Wenn wir also einen Herzschrittmacher im Ausland einkaufen, haftet in erster Linie das Spital», sagt Martinelli. Es sei deshalb von Vorteil, wenn sich ein Schweizer Importeur finden lasse; das sei aber nicht in allen Fällen möglich.

All dies kostet viel Zeit und Geld. Der Aufwand, um Medizinprodukte im Ausland einzukaufen, sei rund viermal höher, als wenn er die Ware direkt beim Originalhersteller in der Schweiz beziehe. «Diesen Aufwand muss ich über den tieferen Preis deutlich kompensieren können», sagt Martinelli.

«Nah an ausländischen Preisen»

Hier liegt das nächste Problem. Es fehlen die Anreize, im Ausland günstig einzukaufen. Dies gilt sowohl für den stationären als auch den ambulanten Bereich der Spitäler. Bei Letzterem zahlen die Krankenkassen eine bestimmte Marge auf dem Einstandspreis, welche die Spitäler mit den Krankenkassen aushandeln. Bei der Berner Oberländer Spitalgruppe beträgt diese 10 Prozent. Im Fall der Herzschrittmacher, die häufig ambulant eingesetzt werden, schmilzt die Vergütung der Krankenkasse von 950 auf 500 Franken. «So werden wir letztlich für unsere Bemühungen, Geld zu sparen, noch bestraft», sagt Martinelli. «Eigentlich müssten doch die Krankenkassen ein Interesse haben, hier bessere Anreize zu setzen.»

Nochmals anders ist die Situation im stationären Bereich, wo seit 2012 die sogenannten Fallpauschalen zur Anwendung kommen. Damit werden Patienten aufgrund ihrer Diagnose und der Behandlung in Fallgruppen eingeteilt. So werden gleichartige Krankheitsbilder und Behandlungskosten von den Krankenkassen einheitlich vergütet. Wenn nun grosse Spitäler Medizinprodukte günstig im Ausland einkaufen, kann das aufgrund der geringeren Kosten tiefere Fallpauschalen zur Folge haben. Damit wird die Einsparung geschmälert, womit sich der zusätzliche Aufwand für den Import kaum noch rechnet.

Anders sieht das bei kleineren Spitälern aus wie etwa beim Verbund Frutigen, Meiringen und Interlaken. Aufgrund der geringen Fallzahlen wirkten sich die geringeren Kosten auf die schweizweit angewandte Fallpauschale kaum aus, sagt Martinelli. Für seine Spitalgruppe lohne sich deshalb der Import. Das führt dazu, dass die Spitalgruppe für den stationären Bereich auf den günstigen Import zurückgreift, im ambulanten Bereich jedoch nicht.

Trotz des Sparpotenzials eignen sich nicht alle Medizinprodukte für den Import. Implantate wie etwa Hüft- oder Kniegelenke müssen an den Patienten angepasst werden. Der langwierige Bestellweg über das Ausland wäre dabei hinderlich. «Als Spital müssten wir sonst eine riesige Palette verschiedener Implantate an Lager nehmen. Das sprengt unsere Kapazitäten», sagt Martinelli. Neben den Herzschrittmachern kauft seine Spitalgruppe Infusionsbesteck und Labormaterial im Ausland ein.

Martinelli sieht im Import von Medizinprodukten vor allem auch ein Druckmittel für die Preisverhandlungen mit den Herstellern. «Wenn man nur droht, zeigt das wenig Wirkung.»

Andere befragte Spitäler geben sich zugeknöpft. Auf die Frage, ob und in welchem Umfang Medizinprodukte im Ausland bezogen werden, sagt das Universitätsspital Zürich lediglich, dass es sowohl auf Lieferanten in der Schweiz als auch auf solche im Ausland zurückgreife. Welcher Lieferant bei einem Produkt berücksichtigt werde, hänge von verschiedenen Faktoren ab, so von der Qualität, der Verfügbarkeit und dem Preis, sagt Sprecherin Martina Pletscher. Zudem gebe es hoch spezialisierte Produkte, bei denen die Auswahl der Lieferanten äusserst beschränkt sei.

Andere, vorwiegend kleinere Spitäler haben sich zu Einkaufsgemeinschaften zusammengeschlossen und versuchen so, bessere Preise auszuhandeln. «Wenn es uns gelingt, grosse Mengen einzukaufen und mit den Lieferanten Partnerschaften einzugehen, dann kommen wir relativ nah an die ausländischen Preise heran», sagt Mauro Morone von der Einkaufsgesellschaft Schweizer Kliniken, der 14 Spitäler angehören, die vorwiegend aus dem Kanton Bern und der Nordwestschweiz stammen. Voraussetzung sei aber, dass sich die Mitglieder der Einkaufsgesellschaft auf die Lieferanten und einzelne Produkte wie etwa einen Herzschrittmacher einigen könnten. «Das ist aber nicht einfach, da die Ärzte der einzelnen Spitäler auf Produkte bestimmter Hersteller spezialisiert sind.» Als Beispiel führt Morone Hüft- oder Kniegelenke an.

Hürden beim Import abbauen

Die grossen Preisunterschiede haben auch die Politik auf den Plan gerufen. So hat CVP-Nationalrätin Ruth Humbel Ende 2011 einen Vorstoss dazu eingereicht. Sie forderte vom Bundesrat, durch Gesetzesänderungen die administrativen Hürden beim Parallelimport abzubauen. Solche Hindernisse seien ihm nicht bekannt, antwortete der Bundesrat, die bestehenden Gesetzesgrundlagen seien deshalb ausreichend. Zu einer Abstimmung im Parlament kam es nicht, weshalb die Motion abgeschrieben wurde. Humbel will nun das Thema mit einem neuen Vorstoss nochmals aufgreifen. Die Antwort des Bundesrats habe sie nicht befriedigt, sagt die Nationalrätin. «Ständig wird über die Medikamentenpreise gestritten, dabei lässt sich auch bei den Medizinprodukten viel Geld einsparen.»

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG), dessen Haltung immer noch die gleiche wie damals ist, setzt auf die Fallpauschalen. Die Spitäler hätten dadurch einen Anreiz, die Kosten der erbrachten Leistungen genauer zu dokumentieren, womit sie transparenter würden, sagt eine Sprecherin. Dies fördere den stärkeren Fokus auf die Kosten, womit sich die Spitäler letztlich auch vermehrt um günstigere Einkaufsbedingungen bei Medizinprodukten bemühten.

Erstellt: 11.11.2014, 20:16 Uhr

Medizinalprodukte

Bis zu sechsmal teurer

Eine aktuelle Erhebung zu den Preisunterschieden zwischen der Schweiz und dem grenznahen Ausland gibt es nicht. 2011 hat Thierry Carrel, Herzchirurg am Berner Inselspital, Preise von Herzklappen, Herzschrittmachern und Gefässstützen verglichen. Carrel griff dabei auf Daten seiner Klinik, des Universitätsspitals Basel sowie einer Privatklinik zurück und verglich sie mit ähnlichen Spitälern in Deutschland. Das Resultat: Eine Herzklappe war bis zu sechsmal teurer, die Gefässstützen kosteten über viermal mehr. Das Berner Inselspital betont, dass es sich dabei lediglich um einen exemplarischen Preisvergleich gehandelt habe, der nicht Teil einer wissenschaftlichen Studie gewesen sei.

Noch weiter zurück liegt eine Untersuchung des Preisüberwachers. Er hat 2008 die Preise von Herzschrittmachern und künstlichen Kniegelenken verglichen, damals kostete ein Euro allerdings noch 1.65 Franken. Dennoch war der Herzschrittmacher in Deutschland und Frankreich rund halb so teuer. Beim Kniegelenk betrug die Differenz lediglich knapp 20 Prozent. (mka)

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