Spuhlers Stadler verliert gegen Bahnbauer aus China

2012 setzte Leo Express in Osteuropa auf Schweizer Züge. Nun steigen die Tschechen als erstes europäisches Unternehmen von Stadler auf chinesische Schienenfahrzeuge um. Warum?

Der Schweizer Zughersteller erhielt den Zuschlag nicht: Vorderteil einer Stadler-Rail-Lokomotive. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Der Schweizer Zughersteller erhielt den Zuschlag nicht: Vorderteil einer Stadler-Rail-Lokomotive. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

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«Swiss made» lautete das Werbemotto, als das tschechische Eisenbahnunternehmen im November 2012 den Betrieb aufnahm. Der Unternehmer Leos Novotny kaufte bei Stadler Rail fünf Triebzüge des Typs Flirt und fährt seither als Konkurrenz zur tschechischen Staatsbahn auf der Hauptstrecke von Prag über Olmütz nach Ostrava und in die Slowakei. Jetzt will Novotny den Fahrplan verdichten und die Strecke bis nach Polen verlängern. Doch die neuen Züge werden nicht mehr aus Bussnang kommen, sondern aus Zhuzhou in der chinesischen Provinz Hunan.

Ende September schloss Novotnys Leo Express einen Vertrag mit dem weltgrössten Schienenfahrzeughersteller, der China Railway Rolling Stock Corporation. (CRRC) wird bis 2018 drei Triebzüge liefern, und Leo Express kann danach bis zu 30 weitere Züge bestellen. «Die Qualität von Stadler war wichtig für den Anfang von Leo Express», sagt Geschäftsführer Peter Köhler. Für die Chinesen hätten jedoch mehrere Faktoren gesprochen: «Die Grösse des Konzerns und die Fähigkeit, ein Modell von Grund auf zu erarbeiten. Auch die Finanzierung spielte eine Rolle.»

Für CRRC ist es ein winziger Auftrag und doch ein riesiger Schritt. Es ist der erste Auftrag in der EU und soll dem chinesischen Konzern die Türen zu den Staatsbahnen und ihren viel fetteren Aufträgen öffnen. In Wien hat CRRC vor ein paar Tagen sein erstes Büro in der EU eröffnet, um von hier aus die «europäischen Kernmärkte zu erschliessen», wie es in einer Mitteilung heisst.

Über Wien nach Europa

Kenner der Branche vermuten, dass die Chinesen der tschechischen Privatbahn ein deutlich günstigeres Angebot als die Schweizer machten – als Einstands­geschenk im europäischen Markt. Das will Köhler nicht bestätigen: «Es kommt auf den Lebenszyklus und die Möglichkeit an, selbst am Design zu arbeiten und technische Features einzubringen.» Den Preis der chinesischen Produkte will er aber nicht verraten.

Bei der pompösen Eröffnung des Wiener Büros schwärmte Zhou Qinghe, Präsident des Lokomotivwerks Zhu­zhou, von den visionären Ideen seines Konzerns. CRRC werde von Österreich aus «High-End-Market-Aufträge akquirieren und eine globale Lieferkette aufbauen». Das kann man als Kampfansage an die Platzhirsche der Branche verstehen, an Siemens, Bombardier und an Stadler Rail. Die Chinesen beteiligten sich bereits an Ausschreibungen europäischer Staatsbahnen, wurden aber bisher immer in den ersten Runden ausgesondert, da sie keine Werke in Europa haben und noch keiner ihrer Züge auf europäischen Schienen fährt. Das dürfte sich nun mit dem Auftrag von Leo Express bald ändern.

«Man sollte das sportlich nehmen», empfiehlt Leo-Express-Chef Peter Köhler: «Die europäischen Hersteller kaufen ja auch stark in China ein.» Europa als Wiege der Eisenbahn müsse sich viel mehr auf seine Stärken konzentrieren, sagt Köhler: «Der Markt müsste viel schneller geöffnet und die Eisenbahnsysteme vereinheitlicht werden.» Dazu müssten die nationalen Regierungen die im 4. Eisenbahnpaket der EU beschlossene Liberalisierung des Bahnmarkts tatsächlich umsetzen. Leo Express bereite sich vor, in andere Länder zu expandieren, sagt Köhler: «Wir schliessen nicht aus, in Zukunft wieder Züge bei Stadler zu kaufen.»

Bildstrecke – Der neue Hochgeschwindigkeitszug der SBB:

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.10.2016, 06:46 Uhr

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Gebraucht werden sie nicht, trotzdem werden sie gekauft: Frankreichs Regierung gibt fast eine halbe Milliarde Euro für Hochgeschwindigkeitszüge aus. Denn Präsident François Hollande will aus politischen Gründen Arbeitsplätze retten. Mit dem Kauf von 15 TGV-Hochgeschwindigkeitszügen im Wert von rund 450 Millionen Euro will die französische Regierung die vom Hersteller Alstom geplante Schliessung eines Werks in Belfort verhindern und 400 Arbeitsplätze retten.

Die Entscheidung sieben Monate vor den Präsidentenwahlen ist die erste, mit der der französische Staat selbst Züge kauft, um Jobs zu erhalten. Staatspräsident Hollande hatte den Arbeitnehmern versprochen, er werde «alles dafür tun», dass das Werk in Belfort nicht geschlossen werde.

Die Staatsbahn SNCF hat bisher stets erklärt, sie habe keinen Bedarf für zusätzliches Rollmaterial. Die neuen Hochgeschwindigkeitszüge sollen nach den Vorstellungen von Hollandes Regierung «in Vorwegnahme des späteren Ausbaus» auf Strecken eingesetzt werden, auf denen nur normales Tempo gefahren werden kann. SNCF soll sie betreiben. Die Anschaffung der 15 TGV-Züge sichert die Auslastung des Werks in Belfort zumindest bis zum Jahr 2020. (SDA)

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