Stille im europäischen Blätterwald

Der Zeitungsdesigner Norbert Küpper ist überrascht, wie ruhig und dezent die Blattmacher Europas die Buskatastrophe im Wallis thematisierten.

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Norbert Küpper hat sich viele Frontseiten von europäischen Zeitungen angeschaut. Der bekannte Zeitungsdesigner, er kürt jedes Jahr Europas beste Tageszeitung, ist überrascht, wie ruhig die Zeitungsmacher das Busunglück im Wallis aufgearbeitet haben. «Es war ein Orkan der Stille», lautet Küppers Fazit.

Unter den Dutzenden Frontseiten vom 15. März, die Tagesanzeiger.ch/Newsnet dem renommierten deutschen Zeitungsdesigner vorgelegt hat, gibt es nur wenige, die Küpper handwerklich bemängelt. Dies zeige, wie viele Blattmacher heute weniger die Sensation suchen als noch vor Jahren. Der Anteil an plumpen Aufmachungen sei sehr gering.

Eine besondere Erwähnung verdienten laut Küpper die belgischen Zeitungsprofis. Die beiden führenden Blätter «Morgen» und «Standaard» hätten ungewöhnliche Gestaltungswege aufgezeigt, die still und doch ergreifend sind. Der «Morgen» verzichtete beispielsweise auf den Abdruck eines Unfallbildes und zeigte stattdessen nur einen Text mit viel Weissraum. Der «Standaard» hingegen setzte auf eine extreme Kombination von Bild und Text: Man zeigte die Tunneleinfahrt und nannte in einer Zeile nur die Anzahl Unfallopfer.

Weniger «Horrorbilder»

Auffällig sei, dass viele Qualitätszeitungen auf das plumpe Abdrucken von Wrackbildern auf der Front verzichtet hätten. Küpper erinnert an ähnliche Unglücke, die von vielen Redaktionen weit dramatischer mit entsprechenden «Horrorbildern» aufgearbeitet wurden. «Offenbar verfolgen heute viele Redaktionen eine klare Blattlinie und verzichten auf Unfallbilder, um Auflage zu steigern», so Küpper.

Den meisten Boulevardzeitungen stellt der erfahrene Designer ein eher schlechtes Zeugnis aus. Nebst den vielen ähnlichen Überschriften seien die meisten Blattmacher äusserst unkreativ gewesen. Ungewöhnlich sei die Aufmachung des «Blick» gewesen (siehe Bildstrecke). Die Front war schwarz-weiss und der Text in Form eines Kreuzes gestaltet. Die Idee sei allerdings nicht neu, sondern habe eine polnische Zeitung nach dem Flugzeugabsturz der Regierung 2010 erstmals verwendet.

Taktlos findet Küpper den Einsatz der Kinderbilder auf der Front. Dass einzelne Zeitungen die Fotos der verunfallten Kinder zeigten, darüber kann der renommierte Zeitungsdesigner nur den Kopf schütteln. «Es ist sensationsheischend und kontraproduktiv», sagt Küpper. Aus Studien weiss man, dass solche Aufmachungen sehr schlecht bei der Leserschaft ankämen und langfristig der Reputation einer Zeitung schadeten. Dass die eigentlich als seriös geltende Zeitung «Het Nieuwsblad» alle Opfer prominent darstellte, sei für Küpper unverständlich. «Hier ist es den Blattmachern offenbar nur um Emotionen gegangen», lautet sein abschliessendes Urteil. (lü)

Erstellt: 16.03.2012, 17:46 Uhr

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