Streikführer ohne Bremse

Claus Weselsky, der Chef der deutschen Lokführergewerkschaft, bringt das Land gegen sich auf.

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Die Boulevardzeitung «Bild» nennt ihn «den Bahnsinnigen». Andere haben ihn schon mit Syriens Diktator Assad verglichen – oder mit Chinas Revolutionsführer Mao. Gewiss ist: Claus Weselsky, Chef der Lokführergewerkschaft GDL, strebt nicht danach, sich durch grosse Kompromissbereitschaft möglichst viele Freunde zu machen.

Im Gegenteil: Mit seinem jüngsten Coup bringt der 55-Jährige das ganze Land gegen sich auf. Fast 100 Stunden lang will er seine Lokführer streiken lassen. Seit gestern stehen die Güterzüge still. Ab heute soll auch im Personenverkehr kaum mehr etwas gehen. Erst am Montag wollen die Eisenbahner wieder in den Führerstand steigen. Die Deutsche Bahn (DB) rechnet damit, dass rund zwei Drittel der Züge ausfallen.

Es ist der längste Ausstand in der Geschichte des Unternehmens. Dabei geht es in erster Linie gar nicht um die Arbeitsbedingungen der Streikenden, sondern um die Ambitionen von Gewerkschaftsboss Weselsky. Er will durchdrücken, dass seine GDL künftig auch für Zugbegleiter, Bordbistro- und andere DB-Mitarbeiter Tarifverhandlungen führen darf. Bisher war die kleine GDL nur für die Lokführer zuständig. Die weitaus grössere Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft kümmerte sich um den Rest der Beschäftigten. Die Bahnspitze lehnt jedoch einen Wettbewerb zwischen den Gewerkschaften ab, weil sie befürchtet, diese könnten gegenseitig ihre Forderungen hochschaukeln.

In der Öffentlichkeit hat Weselsky einen schweren Stand. Viele verstehen nicht, warum wegen eines Kompetenzgerangels unter Gewerkschaften tagelang ein Grossteil der Züge ausfallen muss – und das erst noch am Wochenende, an dem Berlin den 25. Jahrestag des Mauerfalls feiert.

Schlichtungsversuch gescheitert

Die Regierung ist jedenfalls besorgt. Es müssten Lösungen gefunden werden, «die auch für uns als Land einen möglichst geringen Schaden haben», sagte Kanzlerin Merkel gestern. Bissigere Töne kamen aus der – eigentlich gewerkschaftsfreundlichen – SPD. Weselsky verliere «jedes Mass», sagte SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi. Auch Parteichef Sigmar Gabriel verurteilte den «Machtpoker, der auf dem Rücken von Hunderttausenden von Reisenden» ausgetragen werde. Ein letzter Versuch, den Konflikt mit einer Schlichtung zu lösen, scheiterte am Mittwoch. Weselsky machte am späten Nachmittag klar: Es wird gestreikt.

Das Kämpferische scheint dem Mann ohnehin in die Wiege gelegt zu sein. In Dresden geboren, arbeitete er zu DDR-Zeiten als Lokführer. Da er aber nicht Mitglied der Staatspartei SED war, musste er länger als andere nur Rangierloks bedienen. Nach der Wende sah Weselsky die Chance, in der Gewerkschaft Karriere zu machen. Bereits 1992 wurde er vollamtlicher Funktionär und arbeitete sich langsam hoch, bis er 2008 die Spitze der GDL erreichte. Seither regiert er mit Härte: GDL-interne Widersacher soll Weselsky bei einer «Säuberungsaktion» aus den Ämtern getrieben haben. Die Verantwortlichen des DB-Konzerns sind angesichts der jüngsten Streikpläne der GDL nur noch «sprachlos», wie sie freimütig bekennen.

Weselsky ficht das kaum an: «Ich stelle meine Entscheidungen nie infrage», hat er einmal erklärt. «Selbst wenn sich morgen eine Entscheidung als falsch herausstellt, so war sie zum Zeitpunkt, als ich sie getroffen habe, richtig.»

Erstellt: 06.11.2014, 06:56 Uhr

Claus Weselsky, Chef der deutschen Lokführergewerkschaft. Foto: Reuters

GDL-Streik rollt an

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