Sündenböcke helfen nicht gegen Klimawandel

Gegen Banken als Klimasünder per Hausfriedensbruch vorzugehen, ist kontraproduktiv. Und greift in der Sache zu kurz.

Grossbanken eignen sich ganz hervorragend als Angriffsziel für Klimaproteste: Aktivisten in einer Credit Suisse in Genf. Foto: Keystone/Martial Trezzini

Grossbanken eignen sich ganz hervorragend als Angriffsziel für Klimaproteste: Aktivisten in einer Credit Suisse in Genf. Foto: Keystone/Martial Trezzini

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Der Zweck heiligt die Mittel. Auf diese Maxime berufen sich gerne jene, die für eine höhere Sache zu kämpfen glauben. Wie die Klimaaktivisten, die diese Woche in Lausanne vor Gericht stehen. Sie sind wegen Hausfriedensbruch angeklagt, weil sie in eine Filiale der Credit Suisse eingedrungen sind, um gegen die Geschäftspolitik der Grossbank zu protestieren.

Die Aktivisten beherrschen dabei die Klaviatur der Mediengesellschaft besser als so manch hoch bezahlte Pressestelle: Denn Grossbanken eignen sich ganz hervorragend als Angriffsziel für Klimaproteste. Das Image der Banken ist sowieso ruiniert. Wer hat schon Mitleid mit Bankern, denen ihr Bonus wichtiger ist als das Weltklima? So weit das populäre Narrativ.

Doch das Ziel des Protests, die Banken, ist zu kurz gegriffen. Und das Mittel des Protests, der Hausfriedensbruch, geht andererseits zu weit. Der Zweck heiligt eben nicht alle Mittel.

Niemand hat das Recht, sich eigenmächtig über die Regeln des Rechtsstaats hinwegzusetzen, auch wenn er für eine gerechte Sache kämpft. Leider gehört offenbar das Brechen von Gesetzen zur medialen Inszenierung. Denn der Hausfriedensbruch erhöht die öffentliche Aufmerksamkeit, und auf die kommt es hier letztlich an.

«Banken werden gar keine andere Wahl haben, als umzudenken.»

Dabei zeigen die Schülerdemos der Fridays-for-Future-Bewegung, dass es auch anders geht. Sie protestieren gewaltfrei und geniessen dennoch grosse Aufmerksamkeit. Zu Recht. Denn dass der Kampf gegen den Klimawandel ein wichtiges Anliegen ist, steht ausser Frage. Und die Konzerne mit Blick auf die Klimafolgen ihrer Geschäfte kritisch zu hinterfragen, ist richtig und nötig. Doch die Unverletzbarkeit der eigenen vier Wände gilt für Herrn und Frau Schweizer. Und auch für Banken.

Und es ist eben nicht damit getan, ein paar Grosskonzerne als Klimakiller an den Pranger zu stellen. Selbstverständlich hat die Finanz­wirtschaft mit ihrer Investitions- und Kreditpolitik Einfluss darauf, wie schnell die Wirtschaft die Kurve bekommt Richtung klimaneutraler Geschäfte. Banken werden dabei gar keine andere Wahl haben, als umzudenken.

Dem Preis für den Ausstoss einer Tonne CO2 kommt dabei eine entscheidende Rolle zu. Ist er hoch genug, wird der Betrieb eines Kohlekraftwerks oder eines neuen Bergwerks unrentabel. Banken werden sich also heute schon überlegen, ob sie sich noch langfristig im CO2-lastigen Sektor mit hohen Krediten engagieren wollen.

«Es ist zu bequem, die Schuld für den Klimawandel bei einigen Grosskonzernen abzuladen.»

Niemand Geringeres als der Geschäftsführer der Schweizerischen Bankiervereinigung hat dies in dieser Zeitung vor einigen Wochen offen ausgesprochen (Abo+). Banken drohen schlicht Verluste, wenn sie ihre Investitionspolitik nicht der Notwendigkeit anpassen, den Klimawandel zu stoppen. Die Aufseher sehen das Problem bereits, die Bank of England zum Beispiel hat angekündigt, ihren Banken Klimastresstests aufzuerlegen.

Zudem ist es zu bequem, die Schuld für den Klimawandel einfach bei einigen Grosskonzernen abzuladen. Wir können das Problem nicht einfach so wegdelegieren. Grosskonzerne wie Banken haben ihren Teil der Verantwortung. Doch einen ganz grossen Teil daran haben wir Konsumenten selbst. Der Klimawandel lässt sich nur dann stoppen, wenn jeder sein Verhalten ändert. Und davon ist leider noch nicht viel zu sehen.

So ist der durchschnittliche CO2-Ausstoss der in der Schweiz neu zugelassenen Fahrzeuge im vergangenen Jahr auf fast 139 Gramm je Kilometer weiter angestiegen. Mittlerweile ist jeder zweite Neuwagen ein schweres Fahrzeug mit Allradantrieb. Trotz Klima­debatte sind die hochgebockten Stadtpanzer namens SUV so beliebt wie nie. Laut dem Bundesamt für Umwelt ist aber in der Schweiz der Verkehr mit 32 Prozent für den grössten Teil des CO2-Ausstosses des Landes verantwortlich – und Flugreisen sind da noch nicht einmal eingerechnet.

Dort ist das Bild kaum besser: Von Januar bis November ist die Zahl der lokal zugestiegenen Fluggäste am Flughafen Zürich gewachsen, wenn auch nur minimal. Immerhin: In den Monaten August bis November sank die Zahl der Passagiere im Vergleich zum jeweiligen Vorjahresmonat leicht. Das könnte der Beginn einer Trendwende sein.

Das zeigt: Der Druck der Strasse für mehr Klimaschutz darf nicht nachlassen. Doch Verfechter für mehr Klimaschutz drohen ihrer Sache einen Bärendienst zu erweisen, wenn sie zu illegalen Mitteln greifen. Den Klimaleugnern und -verharmlosern machen sie es damit leicht, den Protest zu diskreditieren. Das Klimaproblem ist dabei real, dringend und geht uns alle an. So wie wir alle vor dem Gesetz gleich sind.

Erstellt: 11.01.2020, 20:49 Uhr

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