Sunrise erklärt Grossaktionär Freenet den Krieg

Der von Peter Kurer präsidierte Verwaltungsrat fährt ungewohnt schweres Geschütz auf gegen einen widerspenstigen Aktionär. Droht die Übernahme zu einem neuen Fall Sika zu werden?

Sunrise-Verwaltungsratspräsident Peter Kurer fährt eine riskante Strategie. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Sunrise-Verwaltungsratspräsident Peter Kurer fährt eine riskante Strategie. Foto: Christian Beutler (Keystone)

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Peter Kurer hält sich als Präsident von Sunrise jeweils diskret im Hintergrund. Was der von ihm präsidierte Verwaltungsrat gestern jedoch an Anschuldigungen über den Hauptaktionär des Telecom-Konzerns verbreitete, ist wahrlich dicke Post. Sunrise will, dass die zwei Vertreter der deutschen Freenet Group künftig an Verwaltungsratssitzungen den Raum verlassen müssen, wenn dort die geplante Über­nahme des Konkurrenten UPC Schweiz besprochen wird. Freenet ist mit 24,5 Prozent Anteil mit Abstand grösster Aktionär von Sunrise. Die Deutschen sind gegen die Kapitalerhöhung über 4,1 Milliarden Franken, die für den Kauf von UPC nötig ist. Denn Freenet müsste rund eine Milliarde Franken einschiessen.

Freenet sei geleitet von «ihren eigenen kurzfristigen finanziellen Zwängen und eigennützigen Zielen, die sie auf Kosten von Sunrise und ihren Aktionären zu lösen sucht», steht in der mehrseitigen Breitseite des Verwaltungsrats, zu der weder Kurer noch sonst ein Mitglied namentlich steht. Man müsse sich fragen, ob die zwei Vertreter von Freenet «ihre fiduziarischen Pflichten» gegenüber dem Aufsichtsgremium von Sunrise verletzt hätten.

«Unangemessen und illegal»

Eine «interne Untersuchung» gegen Freenet sei angelaufen. Es kommt noch härter: Freenet habe verlangt, man solle ihnen einen bedeutenden Teil ihres Sunrise-Pakets «zu einem Aufpreis» abnehmen, damit sie dem UPC-Deal zustimmen, wirft Sunrise den Deutschen vor. Das Ansinnen habe der Verwaltungsrat abgelehnt, da er es als «unangemessen und illegal» beurteile.

Illegal? Zeigt Sunrise ihren Hauptaktionär an? Man warte das Ergebnis der internen Untersuchung ab, sagt ein Verwaltungsrat. Das Verhalten von Sunrise sei «inakzeptabel», schoss Freenet gestern zurück: «Wir werden alle rechtlichen Mittel in Erwägung ziehen, um Schaden von Freenet und den bestehenden Aktionären abzuwehren», sagte Freenet-Sprecher Christoph Stanek.

Wird der Streit um den Deal zwischen Sunrise und UPC zum neuen Fall Sika? Interessant ist, dass ein Verwaltungsrat darauf verweist, Sunrise beschäftige im Kampf gegen Freenet die gleichen Anwälte wie seinerzeit der Bauchemiekonzern Sika. Der Verwaltungsrat habe sehr genau angeschaut, wie Sika die Übernahme durch den französischen Mischkonzern Saint Gobain abgewehrt habe. Gemeint ist die Zürcher Wirtschaftskanzlei Lenz & Staehelin, die Sika nach jahrelangem Gerichtsstreit ihre Unabhängigkeit wahren half.

Umgekehrte Vorzeichen

Auch auf der Gegenseite sind die gleichen Anwälte am Werk – Freenet lässt sich von Bär & Karrer beraten, die seinerzeit Saint Gobain im Fall Sika unterstützten. Wenn Sunrise zum neuen Fall Sika wird, dann mit umgekehrten Vorzeichen. Sika wehrte sich gegen eine Übernahme, Sunrise dagegen will mit den gleichen Anwälten die Über­nahme von UPC durchdrücken. Ob die Strategie, Sunrise zum «Opfer» angeblich übler Taktiken eines ausländischen Angreifers zu stilisieren, verfängt, wird sich zeigen.

Denn bei Sika gab es am Schluss eine Lösung, an der alle Seiten verdienten, weil die Führung den Bauchemiekonzern, ­allen Rechtshändeln zum Trotz, auf steilem Erfolgspfad halten konnte. Sunrise hat nicht allzu gute Karten, es Sika gleichzutun. Denn längst nicht nur Freenet erscheint die Übernahme von UPC für 6,3 Milliarden Franken als zu teuer und zu riskant. «Wir erachten es als durchaus möglich, dass der vorgesehene Deal platzen könnte», lautet die Einschätzung von Branchenspezialisten der Helvetischen Bank. Der Deal könne zum «Schrecken ohne Ende» werden, wenn der Streit weiter eskaliere. Der Aktienkurs von Sunrise, der gestern nach der Breitseite des Verwaltungsrats über 6 Prozent einbrach, gebe jedenfalls «eher dem Grossaktionär und dessen Bedenken recht als den Firmenchefs» von Sunrise, so die Helvetische Bank.

Frisches Kapital vonnöten

Sunrise ist an der Börse rund 3,3 Milliarden Franken wert. Um UPC schlucken zu können, will Sunrise, dass die bestehenden Aktionäre einen deutlich höheren Betrag an frischem Kapital einschiessen – nämlich mindestens 4,1 Milliarden Franken. Viele Aktionäre wollen nicht so viel zusätzliches Geld in die Hand nehmen, um eine Übernahme abzusegnen, die ihnen überteuert und riskant erscheint. Ihnen kommt verdächtig vor, dass Sunrise die bereits sportlich berechneten Synergien bis 2023 durch den UPC-Deal gestern noch nach oben korrigiert hat.

Der Widerstand beschränke sich auf wenige unbedeutende grössere Aktionäre, sagt ein Verwaltungsrat von Sunrise. Wenn sich das Gremium da nur nicht täuscht. Grossaktionäre sondieren untereinander, wie sie zum Deal mit UPC stehen. Vieles deutet darauf hin, dass eine Reihe von Grossaktionären sich gegen die Kapitalerhöhung stellt. Aber vielleicht schafft es Kurer ja, dass die Beteiligung von Freenet in ihm freundlich gesinnte Hände wechselt und er so den Deal womöglich retten kann.

Erstellt: 22.08.2019, 23:16 Uhr

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