Porträt

Superheld oder Abzocker?

Daniel Vasella machte zweimal Blitzkarriere. Erst als Arzt, dann als Manager. Er formte Novartis zu einem Weltkonzern und bescherte der Schweiz eine Abstimmung über Managerlöhne.

Mit dem Helikopter zur Arbeit: Daniel Vasella.

Mit dem Helikopter zur Arbeit: Daniel Vasella. Bild: Helmut Wachter (13 Photo)

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Es ist eine Geschichte, wie sie Hollywood schreibt: Sie beginnt 1996 mit der Ernennung eines unbekannten Managers zum neuen Chef von Novartis. Dem Produkt der bis dahin weltgrössten Fusion. Einem Zusammenschluss der beiden Basler Chemie- und Pharmagrössen Ciba-Geigy und Sandoz. Und sie endet am 3. März 2013 mit der Volksabstimmung zur Abzockerinitiative.

Der Hauptdarsteller: Daniel Vasella, geboren am 15. August 1953 in Freiburg, dort aufgewachsen, trotzdem Bündner. Die Familie mütterlicherseits – die Vielis – verarmte Aristokraten. Der Familiensitz, das Schloss Rhäzüns, verkauft. Aktuelle Eigentümer: die Familie Blocher. Der Bub mit 8 Jahren schwer an tuberkulöser Hirnhautentzündung erkrankt. Verbringt fast ein Jahr getrennt von der Familie in Arosa, zur Kur. «Man ist krank und hat das Gefühl, dass man dafür auch noch bestraft wird», sagt er, als er bereits 20 Millionen pro Jahr verdient.

Als er 13 ist, stirbt der Vater, Geschichtslehrer. Ein Kunstfehler. Bald darauf die grosse Schwester, Ursula, 19. Lymphdrüsenkrebs. Übrig bleiben die Mutter, der 10 Jahre ältere Andrea, der an der ETH Karriere macht, und Schwester Silvia, die im Studium tödlich verunglückt.

Der Rebell

Dazwischen die Rebellion: Daniel Vasella, 19, trägt Béret, sieht aus wie Che Guevara, ist Mitglied des Cercle Gracchus, eines trotzkistischen Zirkels, zettelt im katholischen Collège St-Michel zu Freiburg einen Aufstand an. Sammelt Unterschriften gegen den obligatorischen Religionsunterricht. Das Fernsehen kommt, filmt Vasella beim gestellten Morgengebet. Der «Blick» titelt: «Hände falten – Maul halten». Es ist 1973. Er begegnet Anne-Laurance Moret, heiratet und hat zwei Söhne und eine Tochter. Eine glückliche Ehe, wie es scheint.

Vasella wird Arzt werden, will es besser machen als die Kurpfuscher seiner Jugend – der Kunstfehler beim Vater, eine Lumbalpunktion, bei welcher der Bub dachte, er sterbe. Studiert in Bern.

Vasella bei der Psychoanalyse nach freudschem Vorbild. Er findet heraus, wie ihn die traumatischen Erlebnisse der Vergangenheit prägen. Seinen Blick trüben. Die Erkenntnis bringt ihm «grosse innere Freiheit».

Der Aufsteiger

Als Doktor hat er Erfolg, wird mit 31 Oberarzt am Inselspital Bern – einer der jüngsten überhaupt. Schreibt wissenschaftliche Artikel über Psychosomatik und Störungen des zentralen Nervensystems. Unterrichtet an der Uni. Und hat es satt. Mit 33 gibt er auf.

Später sagt er, er habe nur nicht sein Leben lang Arzt bleiben wollen. Vielleicht lag es auch an der Hierarchie im Spital. «Ich schätze es nicht wahnsinnig, wenn man mich herumkommandiert», sagt er. Ihn treibe der Wunsch, «selber zu handeln, statt erdulden zu müssen».

Das Vorbild hat er vor Augen. Marc Moret, der Onkel von Vasellas Frau Anne-Laurance, leitet Sandoz – und regiert wie ein Sonnenkönig. Er schickt Vasella in die USA, erst als Pillenvertreter, ein Kind auf der Welt, das zweite unterwegs. Vasella steigt auf. Produktverantwortung. Harvard Business School.

Der Abzocker

Dann die Fusion. Vasella, den Makel der Verwandtschaft mit Moret auf sich lastend, startet durch. Streicht Tausende von Stellen. Fragt die Manager nach ihrer Meinung und macht dann doch, was er für richtig hält. Stellt Leute ein, lässt die Leine lang und kappt sie, wenn er nicht zufrieden ist. Er inszeniert sich, spielt eine Rolle. Die ausländischen Medien lieben ihn. Titelfotos in Lederjacke, mit Dreitagebart oder auf dem Motorrad. Schreibt ein Buch über ein Krebsmittel, in dem es vor allem um ihn geht. Auszeichnungen, Preise, Ehrendoktortitel.

Und dann die Kehrseite: der öffentliche Aufschrei in der Schweiz über sein Millionensalär. In den USA normal, in der Schweiz schockierend. Anfangs, 2003, 20 Millionen Lohn, demonstriert er Demut. «Die Erfahrung, über viel Geld zu verfügen, wirft auch neue, schwierige Fragen auf», sagt er. Etwa: «Ist es überhaupt in Ordnung, so viel zu verdienen?» Seine Antwort lautet Ja.

Dann das Doppelmandat: Vasella präsidiert auch den Verwaltungsrat. Verdient das Doppelte. Streicht die Amtszeitbeschränkung, die ihn 2008 zum Rücktritt gezwungen hätte. Er argumentiert: Besser, der Gewinn gehe an ihn als an die Aktionäre – das sei besser für die Allgemeinheit: «Vielen ist nicht bewusst, dass zum Beispiel die Steuereinnahmen von hohen Einkommen für die Finanzierung der Bundesausgaben und für die soziale Umverteilung wesentlich sind.» Und er beklagt: Hohe Löhne sind in der Schweiz verpönt, Reichtum nicht.

Der Steueroptimierer

Dann versucht er es mit Psychoanalyse. «Es ist illusorisch zu hoffen, dass man im richtigen Licht beurteilt wird. In solchen Positionen muss man bereit sein, Frustrationen von anderen auszuhalten und nicht negativ zu spiegeln.» Wer den Lohn kritisiere, glaube meist, den Job selbst mindestens genauso gut machen zu können – und fühle sich benachteiligt. Da steht er drüber: «Ich versuche, rationale Positionen einzunehmen. Das war für mich immer zentral, seit dem Beginn meiner Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse.»

Vasella lässt alles abprallen. Zieht nach Zug, um Steuern zu sparen. Macht den Helikopter-Pilotenschein, um schneller nach Hause zu kommen. Lehnt konsultative Abstimmungen über sein Salär ab, als sie längst zum guten Ton gehören. Das Familiengrab in Chur wird geschändet, sein Ferienhaus angezündet. Dahinter stecken Tierschutz-Aktivisten. Kriminelle, sagt die Polizei. Terroristen, sagt Vasella. Die Öffentlichkeit reagiert empört – und vergisst.

Der Menschenfreund

2010 der grosse Schritt: Er gibt die Konzernleitung ab. «Als wir meinen Rücktritt als CEO kommunizierten, fühlte ich mich sehr erleichtert. Jetzt steht jemand anders im Rampenlicht, dachte ich.»Falsch gedacht. Er landet nackt auf dem Plakat für die 1:12-Initiative (eine Fotomontage), klagt dagegen und verliert – zuletzt vor Obergericht. Er zieht sich aus der Öffentlichkeit zurück. Und bleibt Intimfeind von Figuren wie Thomas Minder (Abzockerinitiative) oder Dominique Biedermann (Aktionärsstiftung Ethos). Sogar seine Freunde sagen: Er ist der Inbegriff des Abzockers.

Was Vasella sonst noch Erwähnenswertes getan hat: Lepra dank Gratis-Medikamenten beinahe ausgerottet. Mit Hilfsprogrammen für Malaria und andere in Entwicklungsländern typische Krankheiten viele Menschenleben gerettet. Mit seiner privaten Stiftung Schulen und Ambulatorien in Mali aufgebaut. Den Novartis-Angestellten einen architektonisch herausragenden Campus gebaut, inklusive Koi-Fischen – von ihm persönlich handverlesen. Häufig für Schlagzeilen gesorgt. Etwa: Reiche sollten keine AHV kassieren. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.01.2013, 06:49 Uhr

Umfrage

Nach 17 Jahren verlässt Daniel Vasella Novartis: Welche Leistungsbilanz ziehen Sie?

Gute Arbeit, hat Konzern nach vorne gebracht.

 
56.5%

Ok, aber nicht überragend

 
26.0%

Er hat den Konzern nicht weiter gebracht.

 
17.5%

246 Stimmen


«Vasella hat der Schweiz
nichts gebracht»

«Vasella hätte den Dialog
suchen müssen»

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